Musik als Schmerzmittel

Musik spricht uns auf den verschiedenen Ebenen unseres Seins an und richtet sich direkt an den ganzen Menschen – körperlich, emotional, geistig. Dieses Potenzial nutzt auch die Schmerztherapie. 

 

 

Salzburg. „Musik und ihre Rhythmen können Körper und Seele auf Grund der psychophysiologischen Wechselwirkungen aktivieren, aber auch beruhigen. Sie können die Stimmung positiv beeinflussen und trübsinnige Gedanken zurückdrängen“, erklärt der Salzburger Psychotherapeut und -onkologe Franz Wendtner. So wirken schnelles Tempo, häufige Tempowechsel und tänzerischer Dreiertakt anregend, während zweizeitige Taktarten in gleichmäßigem Tempo unterhalb der Herzfrequenz beruhigen. Laute Musik mit starken Akzenten stimuliert; sanfte, pulsierende Musik mit geringer Lautstärke entspannt. Weite, eher aufwärts gerichtete melodische Sprünge aktivieren, eher abwärts gerichtete Tonschritte dämpfen Erregung. Musik hilft bei Einsamkeit, kann von Sorgen und Problemen ablenken und das Gefühl des Dazugehörens zu einer Gemeinschaft vermitteln.

Angewendet werden diese Erkenntnisse zunehmend auch im klinischen Alltag, vor allem in der Musiktherapie. „Musik kann angstlösend wirken, was in vielen klinischen Studien durch Analysen der entsprechenden Hormonspiegel belegt werden konnte. So kann Musik während der Operationsvorbereitung von Angst verur-sachte Verspannungen verringern und nach einer Operation eine Dosisreduktion von Beruhigungs- und Schmerzmedikamenten bewirken. Musik hilft also den Menschen zu beruhigen und Ängste und Schmerzen zu nehmen. Musik hilft bei der Entspannung. Die ist vor allem dann wichtig, wenn eine Stressbelastung vorliegt. Egal, ob in einer Alltagssituation, in Belastungs- und Prüfungssituationen, vor und nach Operationen, bei Stress der durch Schmerzen oder Ängste hervorgerufen wird. Diese Liste ließe sich fast beliebig verlängern“, berichtet Wendtner aus seiner klinischen Tätigkeit.

„Krebspatienten haben Ängste, Sorgen und Nöte. Der Körper und die Psyche sind im Ausnahmezustand. Die ganze verfügbare Energie wird im Kampf gegen die Krankheit verwendet. Das führt zu einer Art Dauerstress“, erklärt Krebshilfe-Geschäftsführer Stephan Spiegel. „Beim Sport als Eustress erwünscht, in Gefahrensituationen überlebensnotwendig, als Dauerbelastung, wie eben bei einer Krebserkrankung wirkt Stress aber schädlich.“ Bei der individuellen Stressreaktion kommt es zu einer vegetativen und hormonellen Aktivierung, zu einer dauerhaften Alarmierung unseres Organismus, die langfristig zu Erschöpfung führt. Krebspatienten verlieren durch den Stress enorm viel Energie und Kraft, die sie für den Therapieprozess gut gebrauchen könnten.

Wirkung spricht für sich

„Viele Patienten berichten von enormer Erschöpfung und Kraftlosigkeit. Gleichzeitig aber sind sie angespannt und belastet. Musik wirkt hier Wunder. Durch deren Einfluss auf unser vegetatives Nervensystem können sich durch Ängste oder Schmerzen ausgelöste Verspannungen lockern. Das durch die angenehme Musik unmittelbar angesprochene limbische System leitet eine Muskelrelaxation ein, es kommt nach und nach zu einem angenehmen Wärmegefühl. Parallel balancieren sich weitere vom vegetativen Nervensystem gesteuerte Prozesse aus. Das Herz-Kreislauf-System und die Atmung harmonisieren sich, die Ausschüttung von Stresshormonen und Botenstoffen wie Adrenalin, ACTH und Cortisol nehmen ab, das Wohlbefinden nimmt zu. Kombiniert man Musik mit Entspannungsübungen, wird dieser Effekt nochmals deutlich verbessert. Eine Möglichkeit ist hier QiGong“, empfiehlt Wendtner.

In einem wissenschaftlichen Projekt wurde nachgewiesen, dass Musik in der Schmerztherapie wirkt. „Wir haben eine spezielle CD mit dem Schwerpunkt auf Schmerzlinderung entwickelt. Diese hat sich in jahrelangem Einsatz nicht nur bei akuten und vor allem chronischen Schmerzen bewährt. In einer Untersuchung an frisch operierten Patienten zeigte sich, dass jene Patienten, die diese CD hörten, weniger als die Hälfte an Schmerzmitteln benötigen und 60 Prozent weniger Beruhigungs- und Schlafmittel“, freut sich Wendtner.

 


Weitere Informationen und Hilfe: Krebshilfe Salzburg 0662/873536 oder www.krebshilfe-sbg.at

 

  

Lesen Sie nächste Woche im Rupertusblatt: Was kann ich als Krebserkrankter für mein Wohlbefinden tun?

 

Foto (J. Fälchle/fotolia): Musik und Rhythmen entfalten eine direkte gefühlsbezogene, nicht rationale Wirkung auf den Menschen. Deren Ursprung vermuten Forscher in einer bereits im Mutterleib stattfindenden Konditionierung des Fötus auf akustische Signale und Rhythmen – den mütterlichen Herzschlag, ihren Atemrhythmus und die Sprache.