Mut in düsteren Zeiten

Maria Etzer, Bergbäuerin im Pongau, setzt sich im Nationalsozialismus verbotenerweise für Fremde ein, wird denunziert und bekommt drei Jahre Zuchthaus. Über ihr bewegtes Leben hat die Soziologin und historische Sozialforscherin Maria Prieler-Woldan ein Buch geschrieben und gemeinsam mit Maria Etzers Enkelin, Brigitte Menne, kürzlich in Salzburg präsentiert.

 

 

Salzburg/Goldegg. Über die Frauen, die wegen verbotenen Umgangs unter anderem mit Kriegsgefangenen verurteilt, inhaftiert und geächtet wurden, weiß man 75 Jahre später noch wenig. Im Land Salzburg gibt es dazu bis heute keine systematischen Erhebungen. Von den Betroffenen haben auch nur wenige das Schweigen gebrochen. Verständlicherweise, weil sie auch im Nachkriegs-Österreich verfemt waren. Die Soziologin und historische Sozialforscherin Maria Prieler-Woldan hat versucht, Maria Etzers Widerstand in ihrem Buch „Das Selbstverständliche tun“ auf den Punkt zu bringen. 

Die Autorin nennt dies „Lebenssorge“: „Maria Etzer hat sich nicht nur für die Eigenen aus ihrer großen Familie eingesetzt, sondern auch für die Fremden. Lebenssorge fängt dort an, wo einer oder eine sich Mitgefühl erlaubt, wo einer oder eine sich überhaupt erlaubt zu fühlen, vielleicht auch zu begehren.“ Lebenssorge bezeichne den Blick der Liebe im weitesten Sinn. Sie gelte einem Menschen, der mir zum Nächsten wird, auch wenn ihn eine willkürliche Norm als „Untermenschen“ deklariert. „Lebenssorge ist die Fähigkeit und Bereitschaft, das Richtige, Notwendige, konkret Mögliche zu tun“, erklärt Prieler-Woldan.

Maria Etzers bewegtes Leben

Maria Etzer ist 1890 als ledige Tochter einer bäuerlichen Dienstmagd in Taxenbach im Pinzgau geboren und auf einem fremden Hof aufgewachsen. 1911 heiratet sie 21-jährig den 30-jährigen Johann Etzer und wird Bäuerin am Lehenhof in Goldegg. Von ihren acht Kindern sterben drei und dann auch noch Johann Etzer an einer Kriegsverletzung. 1925 ist Maria Etzer
mit 35 Jahren Witwe, hat fünf Kinder, ein Pflegekind und den kranken Vater zu versorgen. Später zieht sie noch drei Enkelkinder auf. Im Zweiten Weltkrieg werden Kriegsgefangene als Arbeitskräfte den Höfen zugeteilt. 1941 bekommt auch Maria Etzer zwei Kriegsgefangene zugewiesen – die 17-jährige Ukrainerin Maria Podusjeko und den 30-jährigen Franzosen Georges Fontaine. Es gibt Auflagen, dass man mit den Kriegsgefangenen nur den allernötigsten Kontakt pflegen dürfe. Maria Etzer widersetzt sich dem bewusst, lebt ihre christliche Einstellung und behandelt die Kriegsgefangenen mitmenschlich. 1943 wird sie denunziert, von der Gestapo abgeführt und wegen „Wehrkraftzersetzung durch verbotenen Umgang“ zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt. Auch nach ihrer Entlassung ist sie geächtet und kehrt erst Jahre später auf ihren Hof zurück, wo sie 1960 stirbt. 

Rehabilitation und Buchprojekt

Brigitte Menne, Maria Etzers Enkelin, hat im September dieses Jahres die vollständige Rehabilitierung ihrer Großmutter erwirkt. Für die Enkelin ein Triumph: „Ich habe Tränen der Erleichterung geweint.“ Sie ist stolz auf ihre Großmutter und wollte ein Statement setzen. Auch gegen ihre eigene Verwandtschaft, in der der Tenor herrschte, man solle Gras über die Sache wachsen lassen und sie sei schon selber schuld gewesen. Auch das Buch „Das Selbstverständliche tun“ ist eine große Freude für Menne, die als Anregerin und Quellensammlerin fungierte. Sie möchte damit andere Menschen ermutigen, nachzufragen. Denn: „Wenn man weiß, was seine Fundamente sind, ist die Welt plötzlich luftig. Und man ist nicht mehr erdrückt von der Vergangenheit.“

Foto 1: Auf der Hausbank: Die kriegsgefangenen Fremdarbeiter Georges Fontaine (l.) und Maria Podusjeko (Mitte) mit Maria Etzer (2. v. r.) und ihren Enkelkindern.

Foto 1: RB/StudienVerlag

Foto 2: Soziologin, historische Sozialforscherin und Autorin des Buches „Das Selbstverständliche tun“, Maria Prieler-Woldan mit Maria Etzers Enkelin Brigitte Menne (r.) bei der Buchpräsentation in Salzburg.

Foto 2: RB/ihi