„Mutter Lucy ist ein Engel“

Sr. Lucys Hilfsprojekt Daher gibt Menschen eine zweite Chance

Salzburg/Pune. Lucy Kurien ist Ordensfrau und Mutter. „Ihr seid keine Waisenkinder, ihr seid alle meine Kinder.“  Das sage sie zu allen ihren Schützlingen in den 48 Häusern ihrer Hilfsorganisation Maher. „Am Anfang war alles nur ein Traum in meinem Kopf.“ Heute betreibt Maher in drei indischen Bundesstaaten Einrichtungen für mehr als 1.500 Menschen – darunter Slumkinder und misshandelte Frauen. Die ersten  und bis heute treuesten Unterstützer ihres Werks hat Sr. Lucy in Salzburg.

„Ohne Maher wäre ich kriminell geworden oder schon längst tot.“ Mangesh ist ein stets lächelnder und höflicher junger Mann. Von klein auf, sagt er, habe er kämpfen müssen. „Aber eines Tages kam ein Engel, Schwester Lucy.“ Mangesh ist ein Dalit. Die als „Unberührbare“ gebrandmarkten Menschen stehen am unteren Ende der Kastenhierarchie. Der Vater gab das wenige Geld der Familie für Alkohol aus. Mangesh lief weg und landete als Siebenjähriger bei Maher. Sr. Lucy fragte ihn: „Was kann ich für dich tun?“ Die Antwort des Jungen: „Ich habe Hunger.“ Mutter Lucy, so nennt Mangesh die Ordensfrau, gab ihm zu essen und noch weit mehr. Sie habe ihm eine zweite Chance eröffnet, ihn ermutigt, zur Schule zu gehen. Mangesh hörte nicht auf zu lernen. Als Erster in seiner Verwandtschaft machte er Matura und studierte. 2016 zeichnete ihn der indische Präsident als besten Studenten des Landes aus. Alle Karriere-Türen standen offen. Doch der 26-Jährige will etwas zurückgeben und er blieb bei Maher als einer der wichtigsten Mitarbeiter von Sr. Lucy. 

Startschuss für Maher fiel in Salzburg 

Es war eine schicksalshafte Episode, die Schwester Lucy zur Gründung von Maher motivierte. „Ich lebte im Kloster. Eines Tages stand eine Frau vor dem Tor. Sie suchte Schutz. Ich wies sie ab, wir hatten ja keinen Gästebereich.“ Später hat der Ehemann die Frau mit Benzin übergossen und angezündet. Sr. Lucy fühlte sich schuldig. Sie suchte Rat bei einem Jesuitenpater. Er stellte nur eine einzige Frage: „Was willst du wirklich?“ Der Traum von Maher (in Marathi: Haus der Mutter) nahm Gestalt an.  Eine zweite Begegnung hauchte dem Hilfswerk Leben ein. Die indische Nonne machte Bekanntschaft mit den Girardis aus Eugendorf. Die Familie gründete einen Unterstützerkreis. 1997 öffnete mit Hilfe aus Salzburg das erste Frauenhaus. Bis zum Jahr 2019 folgten 47 weitere Zufluchtsorte für mehr als 900 Kinder, hunderte Frauen und auch Männer. „Sie ziehen aus den Dörfern in die Städte. Wer keine Arbeit findet, landet auf der Straße. Die meisten sind Alkoholiker“, erklärt Sr. Lucy und macht noch auf eine andere Gruppe aufmerksam, um die sie sich mit ihrem Team annimmt: alte Frauen. „Sie werden regelrecht ,ausgesetzt‘ – häufig in der Nähe von Kirchen.“  Schwester Lucy Kurien ist mittlerweile eine hoch angesehene Expertin, ihre Stimme wird gehört. Spenden kommen aus aller Welt. „Doch das Herz von Maher ist in Salzburg“, hält die 64-Jährige fest.

Religionen unter einem Dach 

In den Heimen von Maher leben Menschen unterschiedlicher Kasten und Religionen zusammen. „Ich komme aus einer traditionellen katholischen Familie und hatte keine Ahnung vom Hinduismus oder dem Islam. Ich machte mir Gedanken: Wie soll ich sie beten lehren?“ Es gehe nur mit Dialog und im Miteinander, ist die Ordensfrau heute überzeugt. „Deshalb gibt es in jedem unserer Häuser neben der Bibel auch die wichtigsten Bücher der anderen Religionen“, berichtet Sr. Lucy, die sich freut, dass ihr Wirken Anerkennung findet. So ist sie im November zu einer interreligiösen Konferenz in den Vatikan eingeladen. 

Der Schlüssel ist Bildung 

Indien modernisiert sich, die Wirtschaft wächst. Doch der für europäische Verhältnisse nur schwer vorstellbare Graben zwischen Arm und Reich ist riesig. „Die Armut ist weiter extrem und vor allem die Frauen sind gefährdet“, betont Sr. Lucy. Misshandlung, Entführung und Vergewaltigung seien keine Einzelfälle. Sie wisse, sie könne nicht jede Frau oder jedes Kind retten. Kraft zum Weitermachen ziehe sie aus Veränderungen im Kleinen. Sie erzählt von einem Besuch in einem Dorf in den Anfangsjahren. „Kein Bub und schon gar kein Mädchen ging hier zur Schule.“ Zwanzig Jahre später arbeiten die Kinder von damals als Lehrerinnen, Polizisten, Krankenschwes-tern oder Apotheker. „Ich wünsche mir, dass
noch viele Kinder diesen Weg gehen können. Der alles entscheidende Schlüssel dafür ist Bildung.“ Als Mitstreiter steht Sr. Lucy Kurien ihr ehemaliger Schützling Mangesh zur Seite, der einem besonderen Motto folgt: „Suche nicht nur nach deinem Glück, sondern sei du der Grund, damit andere glücklich sind.“ 

Infos zu Maher, über den Freundeskreis des Hilfsprojekts in Österreich und Spenden: www.vereinmaher.wordpress.com oder www.maherashram.org 

Foto: Schwester Lucy Kurien mit Mangesh – einst ihr Schützling, heute einer der engsten Mitarbeiter ihres Hilfswerks Maher.

Foto: RB/ibu