„Nächstenliebe ist auch mühsam“

Als Bestätigung sieht David Lang, Leiter des  „ArMut teilen“-Projekts in Salzburg-Mülln, den vom Papst ausgerufenen „Tag der Armen“ am 19. No-vember. Fällt doch der neue Welttag auf den Elisabethsonntag und den traditionellen Umverteilungstag. Teilen, Be-gegnung und die konkrete Tat – alles was Franziskus fordert, setzt „ArMut teilen“ am 19. November in die Tat um.

RB: Was bedeutet die Einführung des „Welttages der Armen“?

Lang: Es ist eine Bestätigung für „ArMut teilen“, dass der Papst das Thema Armut so in den Vordergrund stellt. Seine Botschaft „Liebt nicht mit Worten, sondern in Taten“ leben wir. Nächstenliebe, teilen und Engagement im sozial-karitativen Bereich braucht immer das konkrete Tun. Es geht also um die Unterstützung für die alleinerziehende Mutter, der die Stromabschaltung droht und die ohne Hilfe mit ihren Kindern in der dunklen Wohnung sitzen würde. Das zweite ist die Begegnung. Wir sind bei „ArMut teilen“ und beim Umverteilungstag nahe dran an den Menschen. Das ist oft eine Herausforderung, die Leute sind nicht immer einfach. Doch gerade dort, wo es schwierig wird, fängt Nächstenliebe an.     

RB: Papst Franziskus spricht auch von einer armen Kirche für die Armen, die seiner Überzeugung nach „im Zentrum des Evangeliums stehen“ müssen.  Wie fällt die Bestandsaufnahme aus? Lebt die Kirche, leben die Pfarren das? Stehen die Armen im Zentrum?

Lang: Ich denke, wir haben da schon noch einen Weg zu gehen, damit wir eine Kirche für die Armen sind, wie Franziskus es fordert. Für die Erzdiözese wünsche ich mir, dass noch weitere Pfarren unser Modell von „ArMut teilen“ kopieren, adaptieren und umsetzen – damit es an möglichst vielen Standorten den Umverteilungssonntag gibt.  

RB: Wo überall wird schon umverteilt?

Lang: Start war vor 13 Jahren in Mülln. Mittlerweile gibt es den Umverteilungssonntag in weiteren sechs Salzburger Stadtpfarren: St. Martin, Liefering, Morzg, Itzling, Parsch und in der Dompfarre. In Liefering ist der Verein „Lieferinger für Lieferinger“ entstanden, der heuer sein 10-Jahr-Jubiläum feiert. Umverteilt werden rund 24.000 Euro, unterstützt mehr als 120 Haushalte. Diese Zahlen sind recht stabil. Um 30 Prozent gestiegen sind hingegen im vergangenen Jahr die Anfragen von Hilfesuchenden unter dem Jahr. Leute klopfen ja nicht nur am Umverteilungssonntag an, sie kommen das ganze Jahr über in die Pfarren. Wir hören uns ihre Notlage an und schauen, was wir tun können. Der Anstieg hat damit zu tun, dass „ArMut teilen“ bekannter geworden ist; das andere ist einfach der große Bedarf. Wenn man bedenkt, dass rund 17 Prozent der Bevölkerung in der Stadt Salzburg und  82.000 Personen im ganzen Bundesland armuts- und ausgrenzungsgefährdet sind, erreichen wir ohnehin nur einen Bruchteil. 

RB: Wer spendet das Geld zum Umverteilen und an wen geht die Hilfe?

Lang: Wir haben Großspender, aber es kommt auch die ältere Dame, die selber nur eine geringe Rente hat, und zehn Euro gibt. Vielen ist es wichtig, dass ihre Spende zu 100 Prozent, lokal und zeitnah weitergegeben wird – das können wir versprechen. Bei den Hilfesuchenden ist die Bandbreite ebenfalls groß; sie reicht vom 22-jährigen Arbeitslosen bis zur 75-jährigen Mindestpensionistin. Ausschlaggebend ist: Es muss eine Notlage vorliegen. 

Wir haben es mit realistischer Armut zu tun. Das heißt: Da ist nicht nur das „herzzerreißende Bild“ von der alleinerziehenden Mami mit zwei kleinen Kindern,  die sich die Reparatur der Waschmaschine nicht leis-ten kann. Armut kommt ganz unterschiedlich daher; 80 Prozent der Hilfesuchenden haben eine psychische Erkrankung. Es sind ganz individuelle Geschichten, warum Menschen scheitern, ihr Leben so zu organisieren, wie wir als Mittelschicht uns das vorstellen.Wenn jemand schon seit Jahren Depressionen hat, tut er sich mit der Jobsuche sehr schwer – dieses „wer arbeiten will, findet schon was“ geht dann nicht auf.     

RB: Was brauchen die Menschen neben der finanziellen Unterstützung noch?

Lang: Den Armen ins Zentrum rücken heißt: Ich höre zu. Ich versuche, deine Situation zu verstehen. Ich nehme dich ernst. Dieser Dienst am Nächsten ist mühsam – aber das ist die Auseinandersetzung mit dem Mitmenschen. Es geht darum, den Armen in Kirche und Pfarre Heimat zu bieten. Wir können nicht sagen, dem helfen wir nicht, weil er sowieso nicht mehr auf die Füße kommt. Dann würde er das zweite Mal durch den Rost fallen.

Foto (ibu): Dr. David Lang koordiniert in der Salzburger Stadtpfarre Mülln das „ArMut teilen“-Projekt und das Umverteilen, das traditionell am Elisabethsonntag – heuer gleichzeitig  „Welttag der Armen“ – über die Bühne geht. Dass Papst Franziskus das Thema der Armut so in den Vordergrund rückt, nimmt Lang als Bestätigung für seine und die Arbeit der anderen Umverteilungs-Pfarren in Salzburg. 

 

ArMut teilen

Wer kann, der gibt – wer an der Armutsgrenze lebt, bekommt!  Das ist das Prinzip des „ArMut teilen“-Projekts und des Umverteilungssonntags, der am 19. November in den Salzburger Stadtpfarren Mülln, St. Martin, Liefering, Morzg, Itzling, Parsch und in der Dompfarre umgesetzt wird. Hilfesuchende aus dem jeweiligen Pfarrgebiet schildern in einem Vier-Augen-Gespräch ihre Notlage; die Pfarrteams entscheiden dann, wer mit wie viel aus dem „Spendentopf“ unterstützt wird. Weitere Infos und Spendenkonten unter www.armut-teilen.at.