Näher am Menschen

Hoffnung, Frieden, Einheit. Diese Schlagworte standen über der Reise von Papst Franziskus nach Chile und Peru. Beide Länder ringen mit Spannungen; auch die katholische Kirche erlebt Kontroversen. Der Besuch des Papstes war daher auch ein Versuch, die Kirche als Partnerin für die Lösung sozialer Prob-leme anzubieten und zugleich die eigenen Reihen zusammenzuhalten.

 

 

Lima/Santiago de Chile. Chiles Kirche ist von einem Missbrauchsskandal erschüttert. Im Brennpunkt steht der inzwischen 87-jährige charismatische Priester Fernando Karadima, dessen große Zeit in die Pinochet-Ära fällt. 2011 wurde er verurteilt. 2015 ernannte Franziskus einen geistlichen Zögling Karadimas, Bischof Juan Barros, zum Leiter der südchilenischen Diözese Osorno. Doch Barros wird beschuldigt, von Karadimas Taten gewusst zu haben. Jetzt steht auch der Papst in der Kritik. 

Franziskus ging das Thema offensiv an. „Schmerz und Scham“ bekundete er angesichts der Vergehen an Minderjährigen. Die Bischöfe bestärkt er in ihrer Vergebungsbitte und ihrer Hilfe für die Opfer. Später traf er mehrere Missbrauchsopfer. Franziskus habe „sie angehört, mit ihnen gebetet und ge-
weint“, sagte Vatikansprecher Greg Burke. 

Diese Reise führte auch an die Ränder der Gesellschaft wie in ein Frauengefängnis in Santiago de Chile. Franziskus sprach den Gefangenen Mut zu. „Jede Anstrengung beim Kampf für ein besseres Morgen wird belohnt werden – auch wenn sie oft erfolglos erscheinen mag.“ Eine Insassin berichtete von ihrem Schicksal und dem vieler minderjähriger Mütter und ihrer Kinder in der Haft. Franziskus dankte der Frau ausdrücklich für den „Mut und die Demut“ ihres Bekenntnisses. Um Vergebung zu bitten, sei für jeden Menschen notwendig. Niemand sei ohne Sünde.

„Weisheit der angestammten Völker“

Ein zentrales Thema war die Lage der indigenen Mapuche. Im chilenischen Präsidentenpalast lobte er die „Weisheit der angestammten Völker“. In der Katholischen Universität, einer der Top-Hochschulen Lateinamerikas, riet er der Bildungselite, sich den indigenen Traditionen zu öffnen – den Hörsaal mit dem Wissen der Ahnen zu verbinden. Die Mapuche selbst mahnte er zu einem friedlichen Kampf um ihre Rechte. Gewalt, so der Papst, „verkehrt die gerechteste Sache in Lüge“.

Den indigenen Völkern wandte er sich auch in Peru zu. Noch vor dem üblichen Höflichkeitsbesuch beim Staatsoberhaupt flog er nach Puerto Maldonado in der Amazonasregion, um die Gier nach Öl, Gas, Gold und Edelhölzern als „Massenvernichtung“ von Naturraum zu verurteilen. Raubbau sowie Monokulturen bedrohten Amazoniens Völker mehr als je zuvor. Zugleich wandte er sich gegen eine Art von Naturschutz, die die Eingeborenen von der Nutzung ihres Landes abhalten will. Ein etwas überraschender Aspekt seiner Reden in Puerto Maldonado war der Aufruf an die Indigenen, sich nicht ihren katholischen Glauben rauben zu lassen. Die Kirche Amazoniens brauche die Prägung durch die angestammten Völker, betonte der Papst vor den Bischöfen der Region, die 2019 zu einer eigenen Synode zusammenkommen sollen.

Indigene: Mahnung an Politik 

Die Glaubwürdigkeit gegenüber den Indigenen verlangte es, dass Franziskus bei Perus Präsident Pablo Kuczynski deutliche Worte wählte. Und so insistierte er vor den politischen Eliten auf Anerkennung und Mitbeteiligung dieser Bevölkerungsgruppe. Die auf Rohstoffexport konzentrierte Wirtschaft tat er als „überholtes Entwicklungskonzept“ ab. Vor allem aber prangerte er Korruption an, eine Geißel, die vor allem „die Armen und die Mutter Erde“ treffe.

Klare Botschaften hatte der Papst für die Bischöfe Perus, unter denen nach Jahrzehnten des Widerstands gegen die Befreiungstheologie weiterhin ein konservativer Geist regiert. Franziskus legte ihnen nahe, die „Bequemlichkeit des Bischofshauses“ zu verlassen und „Straßenbischof“ zu werden. Nicht nur abgenutzte Schuhsohlen sollen das Merkmal eines guten Hirten sein: Dem Papst geht es darum, dass Glaubensverkündigung nicht echt ist, wenn nicht auch die Schuld gegenüber den Schwächs-
 ten „benannt und verurteilt“ wird.

Eine Kirche, die näher am Menschen ist und in Kauf nimmt, politisch zu sein – eine solche wünscht sich Franziskus für die besuchten Länder. Zugleich soll dies die katholische Botschaft wieder glaubwürdiger machen. Der Papst weiß, dass er dazu Priester und Ordensleute braucht – und sie zuerst aus nostalgischer Isolation und moralischen Überlegenheitsgefühlen befreien muss. Diese seine Ansprache an die Geistlichen in Chile war mit Abstand die längste und eindringlichste der Reise. Vielleicht sogar eine der grundsätzlichsten seines Pontifikats.             Burkhard Jürgens/kap

Foto (KNA): Um Vergebung zu bitten, sei für jeden Menschen notwendig, sagte Franziskus bei seinem Besuch in einem Frauengefängnis in Santiago de Chile – er forderte auch bessere Reintegration.

 

 

 

Papst Franziskus begrüßt Frauen bei seinem Besuch in der Frauenjustizvollzugsanstalt "San Joaquin" in Santiago de Chile am 16. Januar 2018.