Nepals Frauen bauen Zukunft

Frauen waren in Nepal durch traditionelle Strukturen und einen verheerenden Bürgerkrieg lange benachteiligt.  „Es sind jetzt Verbesserungen da. Manchmal ist es nur eine Kleinigkeit und die verändert das ganze Leben. Ich erinnere mich an ein Mädchen, das war so verzweifelt wegen der Abschlussprüfung. Ich habe ihr in unserem Krisenzentrum Nachhilfe gegeben. Sie hat bestanden und ihr Lächeln kam zurück.  Heute studiert sie“, berichtet Jyoti Shrestha von den schönen Seiten ihrer Arbeit. Als Sozialarbeiterin wisse sie aber auch, „dass in Sachen Gleichberechtigung noch viele Schritte zu gehen sind. Daher erheben wir unsere Stimme“. Jyoti Shrestha ist Gründungsmitglied bei „Nepal Mahila Bishwasi Sangh“ (NMBS), einer Partnerorganisation der Katholischen Frauenbewegung (kfb) in Österreich.  

Salzburg/Kathmandu. Die Frauen von „Nepal Mahila Bishwashi Sangh“ leisten einen wichtigen Beitrag auf dem Weg zu sozialer Gerechtigkeit und einem stabilen Frieden in Nepal. Anita Lama haben sie ein „würdevolles Leben“ ermöglicht. „Vor NMBS war alles nur trist“, sagt die 20-Jährige.  Sie war noch ein Kind als ihre Eltern verstorben sind. Anita zog zu ihrer Schwester nach  Kathmandu. Das Geld reichte kaum für das tägliche Essen. Für Schuluniform, Bücher und Prüfungsgebühren blieb nichts übrig. Anita sollte die Schule verlassen. Eine Lehrerin brachte sie zu NMBS. Hier bekam sie die Chance, weiterzulernen und einen Schulabschluss zu machen. Sie arbeitet heute in einer Fabrik. Doch ihren Traum hat sie nach wie vor fest im Visier: „Mein Ziel ist es, Lehrerin zu werden.“ 

Bildung öffnet die Augen

Lernen dürfen ist für Mädchen in Nepal keine Selbstverständlichkeit. „Vor allem in den Dörfern sind die Buben bevorzugt. Mädchen verlassen dagegen schon mit zehn Jahren die Schule. Sie müssen sich daheim um den Haushalt und die jüngeren Geschwis-
ter kümmern. Die Eltern sind tagsüber auf dem Feld“, berichtet Jyoti Shrestha. „Ich habe erlebt, dass in einer ersten Klasse 100 Mädchen anfangen. In der fünften Klasse sitzen dann nur mehr 25. Die anderen sind ohne Abschluss abgegangen.“ Dass sie oft früh verheiratet werden, sei ebenfalls an der Tagesordnung genauso wie häusliche Gewalt. 

Sozialarbeiterin Jyoti will die Situation der Mädchen verändern und unterstreicht: „Das Einzige, was wirklich hilft, ist Bildung.“  Eltern oder Dorfälteste davon zu überzeugen, dass es für Mädchen wichtig ist, eine Ausbildung zu haben, koste einiges an Kraft. „Doch es zahlt sich aus“, so die zweifache Mutter, die von der Gültigkeit eines alten Sprichwortes überzeugt ist: „Bildest du einen Mann aus, so bildest du ein Individuum aus. Wenn du eine Frau ausbildest, dann bildest du eine ganze Familie.“ Jyoti geht sogar noch weiter und erklärt: „Bildung öffnet die Augen für die Zukunft; Bildung ist der erste Schritt selbstbewusst das eigene Leben zu gestalten. Wenn wir Frauen und Mädchen zu Bildung verhelfen, bringen sie nicht nur sich selber voran, sondern die Gesellschaft und die ganze Welt.“

Von Frauen für Frauen

„NMBS ist von Frauen für Frauen gegründet“, betont Jyoti und umreißt mit knappen Worten den seit 1993 gültigen Auftrag: „Wir helfen in Notsituationen.“ Frauen und Mädchen, die vor Gewalterfahrungen, Armut und familiären Krisen geflohen sind oder wegen einer Krankheit nicht mehr weiter wissen finden im Krisenzentrum in der Hauptstadt Kathmandu nicht nur eine Übergangswohnmöglichkeit. Sie bekommen soziale und psychologische Betreuung, finanzielle Unterstützung und werden über ihre Rechte aufgeklärt. Die Organisation kombiniert diese Begleitung mit Ausbildungs- und Bewusstseinsarbeit auf niederschwelligem Niveau. „Frauen lernen lesen und schreiben oder nehmen an Business-Trainings teil. Sie werden in kaufmännischen Dingen geschult und auf eine berufliche Selbstständigkeit vorbereitet. Mehrere unserer Frauen haben heute kleine Geschäfte, sie verkaufen Tee oder Gemüse und haben damit ein eigenes Einkommen.“ 

Pro Jahr profitieren rund 500 Frauen vom Kursangebot und rund 30 werden vom Team im Krisenzentrum unterstützt. Zusätzlich gefordert waren die NMBS-Mitarbeiterinnen nach dem großen Erdbeben im April 2015. „Viele Menschen haben ihre Existenz und ihre Häuser verloren. Die Not unmittelbar nach der Katastrophe war immens groß. Mir fehlten oft die Worte. Wir haben die Leute so gut es geht mit Essen und anderem Notwendigen versorgt. Nach wie vor braucht es Hilfe. “ 

Selbstvertrauen stärken

Das Erdbeben hat eines der ärmsten Länder in Asien getroffen und zugleich eine noch immer kastendominierte und politisch polarisierte Gesellschaft. Erst vor zehn Jahren endete ein langer Bürgerkrieg. Heera Thapa hat dieser Konflikt aus ihrem Dorf vertrieben.  Sie flüchtete mit Mann und Kind nach Kathmandu. Die  Armut hat sie auch an ihrem neuen Wohnort, einem Slum der Hauptstadt, eingeholt. Ein Radio-Interview mit der Generalsekretärin von NMBS, Draupati Rokaya, veränderte den Blick der einst schüchternen Frau. „Mein Leben war völlig auf das beschränkt, was sich innerhalb der vier Wände meines Hauses abspielte.“ 

Bei NMBS öffnete sich für Heera das Tor zu einer neuen Welt. Sie besuchte einen Alphabetisierungskurs. Thapa lernte, für sich und für andere zu sprechen. „Zum Beispiel über die Ungerechtigkeiten, die in den Gemeinden geschehen.“ Mittlerweile arbeitet Thapa als staatliche Sozialarbeiterin und kümmert sich um benachteiligte Frauen und Kinder. Sie betreibt außerdem eine kleine Kantine und geht wieder zur Schule. „Wie ein kleines Mädchen“, lacht die 37-Jährige und erklärt selbstbewusst: „Meinen Abschluss lasse ich mir nicht mehr nehmen.“   

Wandel für Nepal

Die Frauen von NMBS  bewegen etwas. Wandel verspricht sich Jyoti auch von Bidhya Devi Bhandari, der ersten Frau im Präsidentenamt und von der neuen Verfassung, die 2015 in Kraft trat. Sie soll Fortschritte bei Gesundheit, Eigentumsrecht, Bildung und vor allem Gleichberechtigung für alle ethnische Gruppen und Frauen bringen. „Das was auf dem Papier steht muss aber konsequent umgesetzt werden. Dafür kämpfen wir. Wir gehen für unsere Rechte auf die Straße.“ 

Die Stimme erheben

 Jyoti Shrestha möchte weiter als Sozialarbeiterin zu einer Zukunft ohne Ausbeutung in Nepal beitragen und Vorbild sein. „Christin sein heißt für mich, jenen zu helfen, denen es nicht so gut geht. Das tue ich bei ,Nepal Mahila Bishwashi Sangh‘ und in meiner Pfarrgemeinde. Die Inspiration kam schon von meinen Eltern. Sie haben mich immer ermutigt, mich für die Gemeinschaft einzusetzen.“ Diese Einstellung gebe sie an ihre eigenen Kinder und an die Frauen und Mädchen bei NMBS weiter. „Frauen sind für mich Friedensstifterinnen. Ich ermutige sie, ihre Stimme zu erheben und sich für unser Land und für die Rechte der Frauen einzusetzen.“ 

Fotos (NMBS/Friederike Flesch/kfb): Die Bildungs- und Beratungs-angebote von NMBS sind jährlich für Hunderte von Nepalesinnen der Weg in eine selbstbestimmte Zukunft. Die Partnerorganisation der Katholischen Frauenbewegung kämpft dafür, dass Frauen ein sicheres und friedvolles Leben führen können und nicht länger in schlecht bezahlten, ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen ihr Dasein fristen müssen.

 

Hintergrund

Zum Familienfasttag lädt die Katholische Frauenbewegung (kfb) bereits seit 1958 ein. Seit damals gilt: Vom Eigenen abgeben, damit andere über mehr zum Leben verfügen. Tausende kfb-Frauen sammeln auch heuer wieder unter dem Slogan „teilen spendet zukunft“ in den Pfarren und bei Suppenessen für Zukunftsprogramme in Asien, Lateinamerika und Afrika. Ziel ist es, Frauen zu stärken, ihr Leben selbstbestimmt zu gestalten. 

∗ Mehr Infos zur Aktion Familienfasttag unter www.teilen.at

∗ Benefiz-Suppenessen, Fr., 10. März, 12.00 Uhr, Romanischer Saal des Stiftes St. Peter in Salzburg. Mit Jyoti Shrestha aus Nepal.