Neue Wege

Erwin Kräutler richtet in seinem neuen Buch „Habt Mut!“ einen Appell an die Welt, die Menschlichkeit in den Vordergrund zu stellen. Gerade in Zeiten der Flüchtlingskrise ruft Kräutler zum Teilen und Verzichten auf. In seinem Plädoyer stützt sich der mittlerweile 77-jährige Altbischof aus Vorarlberg auf die Bibel, auf seine 50-jährige Erfahrung als Seelsorger in Amazonien und auf Papst Franziskus. Mit dem Rupertusblatt spricht er vor seiner Buchpräsentation in Salzburg über Herausforderungen in der Kirche, „mutige Vorschläge“ und seine mehr als 50 Jahre in Amazonien.

RB: Das neue Buch trägt den Titel „Habt Mut!“. An wen richtet sich dieser Appell in erster Linie?
Dom Erwin Kräutler: „Habt Mut!“ ist ein Wort Jesu – „Habt Mut: Ich habe die Welt besiegt“ (Joh 16,33) – und ist an uns alle gerichtet, an die Laien genauso wie an die Bischöfe, Priester und Ordensleute. Ich habe den Eindruck, dass viele von uns sich in den vergangenen Jahren von einer lähmenden Mutlosigkeit umfangen ließen und immer wieder gesagt oder gedacht haben: „Da ist ohnehin nichts zu machen!“. Nun kommt Papst Franziskus und verwendet das Wort Jesu „Habt Mut“ als eines seiner Lieblingsworte. Die Apostelgeschichte spricht von „Parrhesia“ und meint damit Unerschrockenheit, Kühnheit, Furchtlosigkeit und gleichzeitig Vertrauen und Leidenschaft. Alle diese Eigenschaften haben wir Christen von heute unendlich Not.

Aber den Appell „Habt Mut!“ richtet Papst Franziskus immer wieder ganz besonders an die Bischöfe. Nie vergesse ich, wie er mir während der Privataudienz am 4. April 2014 sagte, er erwarte von den Bischöfen „mutige Vorschläge“ und das entsprechende Wort, das er in seiner spanisch-argentinischen Muttersprache dafür verwendete, erinnerte mich an die Parrhesia der Apostelgeschichte.

RB: Sie blicken auf die zentralen Herausforderungen der Gegenwart und thematisieren neue Formen der christlichen Gemeinden und ihrer Leitung. Sie betonen, Papst Franziskus werde nichts alleine durchsetzen, er erwarte mutige Vorschläge. Welche könnten das sein?Dom Erwin Kräutler: Es geht um die Feier der Eucharistie, das Zentrum unseres Glaubens! In Amazonien gibt es tausende Gemeinden, die nur zwei- bis dreimal im Jahr die Möglichkeit haben, an einer Eucharistiefeier teilzunehmen, weil eben kein Priester vorhanden ist. Es müssen neue Wege gefunden und die Zulassungsbedingungen zum Priestertum überdacht werden.

Es geht nicht um eine Debatte für oder gegen den Zölibat, sondern um die Erfüllung des Auftrages Jesu: „Tut dies zu meinem Gedächtnis!“ (Lk 22,19; 1 Kor 11,25). Jeder Mann, jede Frau hat das Recht, seine oder ihre Lebensform zu wählen. Sich für ein eheloses Leben zu entscheiden, um ganz für Gott und sein Volk da sein zu können, ist ganz sicher eine besondere Gnade und soll nie „abgeschafft“ werden. Aber die Eucharistiefeier darf nicht davon abhängen, ob zufällig ein zölibatär lebender Priester vorhanden ist. Papst Franziskus will diese Frage nun sicher nicht im Alleingang entscheiden, sondern erwartet sich gerade in diesem Zusammenhang „mutige“ Vorschläge.

RB: Sie schreiben auch, die Sachlage bei der Weihe von Frauen sei besonders schwierig. Ist es unmöglich die frühere Erklärung eines Papstes hier zu revidieren?
Dom Erwin Kräutler: Unmöglich ist da gar nichts! So manche, sogar mit Nachdruck verteidigte Erklärungen der Vergangenheit haben im Laufe der Zeit an Bedeutung verloren und wurden eindeutig revidiert. Das II. Vatikanische Konzil hat mehrere Entscheidungen getroffen, die etwa noch zur Zeit des I. Vatikanischen Konzils (8. Dezember 1869 bis 20. Oktober 1870) als häretisch angesehen worden wären. Denken wir nur an die Erklärung „Dignitatis Humanae“ (7. Dezember 1965) über die Religionsfreiheit. Wenn ich sage, die Weihe von Frauen sei etwas schwieriger, dann deswegen, weil Papst Johannes Paul II. in seinem Apostolischen Schreiben „Ordinatio Sacerdotalis“ vom 22. Mai 1994 scheinbar ein für allemal Türen fest verschließen und seine Meinung für alle Zeiten zementieren wollte. Aber auch dieses Apostolische Schreiben ist kein Glaubenssatz und hat nicht einmal den Rang einer Enzyklika.

RB: Franziskus hat mit seiner Umwelt-Enzyklika „Laudato si“ für viel Aufsehen gesorgt. Sie gelten als der „Öko-Flüsterer“ des Papstes. Waren die Worte aus Rom die höchste Bestätigung am Ende Ihrer Amtszeit als Bischof? Sie haben sich in Ihren mehr als 50 Jahren in Amazonien immer für Armen, die Rechte der Indios und ihre Mit-Welt eingesetzt.
Dom Erwin Kräutler: Meine Bilanz ist eine Hymne der Dankbarkeit für alles was ich für das Volk Gottes am Xingu und in Brasilien sein und leisten konnte. Wenn ich nun „Emeritus“ bin ist deswegen mein Weg noch nicht zu Ende. Ich werde mich weiterhin für die indigenen Völker und alle anderen Bevölkerungsschichten einsetzen, die an der „existenziellen Peripherie“ leben. So lange mir der liebe Gott den Atem schenkt, trete ich für unsere Mit-Welt ein, ganz im Sinne von „Laudato si“. Amazonien ist bedroht und ich werde meine Stimme immer wieder für die Bewahrung dieser für die ganze Welt so wichtigen Region erheben. „Laudato si“ ist für mich ein Meilenstein in der Kirchengeschichte und gleichzeitig auch die päpstliche Bestätigung dessen, was wir so lange schon verteidigt und wofür wir uns mit allem Nachdruck eingesetzt haben.

Ich bin nun bald 51 Jahre am Xingu und habe es keinen Augenblick in meinem Leben bereut, die Entscheidung getroffen zu haben, mein Leben Gott und seinem Volke am Xingu zu weihen. Trotz mancher heftiger persönlicher Angriffe und sogar unmissverständlicher Drohungen, die mir das Leben manchmal schwer machten, lasse ich gerne Édith Piaf für mich singen: „Non, je ne regrette rien“ (Nein, ich bereue nichts) und stimme jeden Tag voll Freude mit Unserer Lieben Frau das Magnifikat an.

RB: Nach 35 Jahren haben Sie den Bischofsstab an Franziskanerpater João Muniz Alves weitergegeben. Wie wird das Leben als emeritierter Bischof aussehen und wo wird es stattfinden?
Dom Erwin Kräutler: Die Amtseinführung ist bereits am 3. April erfolgt und seit diesem Tag bin ich „Emeritus“. Ich freue mich über meinen Nachfolger, der selbst mit viel Freude an den Xingu kommt und auch sehr herzlich aufgenommen wird. Er hat keine Berührungsängste, geht auf die Leute zu und wird ganz sicher ein guter Hirte für das Volk Gottes am Xingu sein. Ich selbst werde die Zelte in Altamira nicht abbrechen, sondern meinem Nachfolger zur Seite stehen. Wenn er auch aus einem benachbarten Bundesstaat in Nordbrasilien stammt, wird es doch einige Zeit dauern, bis er sich hier eingelebt hat und alle fünfzehn Territorialpfarreien mit zusammen 786 kirchlichen Gemeinden kennen gelernt hat.

Über Langeweile werde ich mich sicher nicht beklagen müssen, denn ich habe dutzende Einladungen quer durch ganz Brasilien, Einkehrtage für Pries-
ter und Ordensleute zu leiten und an allen möglichen Tagungen teilzunehmen und Referate über Amazonien und die indigenen Völker zu halten. Zudem bin ich bei der Bischofskonferenz bis 2019 Sekretär der Bischöflichen Kommission für Amazonien. Natürlich habe ich auch sehr viele Einladungen nach Europa und werde meinen Terminkalender so einrichten müssen, dass es mir nicht zu viel wird. Also vorläufig keine Spur von geruhsamem, idyllischem Pensionistendasein!

RB: Zum Abschluss kurz zur Politik in Brasilien, die von Korruptionsskandalen und dem Kampf um die Macht bestimmt wird. Das Land steckt wenige Monate vor Olympia in einer tiefen Krise. Wie schätzen Sie die Lage ein?
Dom Erwin Kräutler: Die Krise, die inzwischen schon Jahre dauert und sich in den letzten Monaten und Wochen arg zugespitzt hat, ist noch lange nicht überwunden. Im Gegenteil! Wir gehen einer sehr ungewissen und politisch unstabilen Zukunft entgegen. Sollte Präsidentin Dilma ihres Amtes enthoben werden, wird ihr ein Vizepräsident folgen, der noch weniger Vertrauen verdient. Die Opposition ist keineswegs vertrauenswürdiger und genauso skandalumwittert. Ich kann im Moment absolut niemanden im politischen Szenario Brasiliens ausmachen, der oder die für mich wählbar wäre. Immer mehr Korruptionsskandale kommen ans Tageslicht. Die Aufdeckung dieser Verbrechen und die damit verbundene Festnahme zahlreicher bekannter Politiker sind aber sicher sehr positiv zu bewerten. Vielleicht beginnt damit ein neues Brasilien. Das hoffe ich von Herzen.

Interview: Ingrid Burgstaller


Bis zu seiner Emeritierung war Erwin Kräutler Bischof von Xingu, der flächenmäßig größten Diözese in Brasilien. Er wurde 1939 in Koblach/Vorarlberg geboren. 1965 ging er nach Brasilien. 1981 übernahm er die Diözese Xingu. Der Missionar vom Kostbaren Blut ist „Mitautor“ der päpstlichen Umwelt-Enzyklika und erhielt zahlreiche Auszeichnungen wie den Alternativen Nobelpreis. Er ist auch Träger des Romero-Preises der Katholischen Männerbewegung, die mit Sei so frei, ihrer entwicklungspolitischen Aktion, die Arbeit von Dom Erwin Kräutler seit langem unterstützt.

Appell des Amazonasbischofs

„Welt und Kirche verändern“

Die Welt hat sich verändert, alte „Ordnungen“ und „Sicherheiten“ wanken und Europa muss sich neu orientieren. Aber wohin? Amazonasbischof Erwin Kräutler benennt sieben Kategorien für ein Leben, das vor dem eigenen Gewissen und vor der Mitwelt bestehen kann: Liebe die Menschen, schau bei den Armen nicht weg, achte die Schöpfung, suche den Frieden, führe auf Augenhöhe, habe Mut zur Veränderung und nimm deine Verantwortung wahr. Es überrascht nicht, dass der Bischof vom Xingu und der Papst aus Buenos Aires in vielen Akzentsetzungen übereinstimmen.

Erwin Kräutler, in Zusammenarbeit mit Josef Bruckmoser: Habt Mut! Jetzt die Welt und die Kirche verändern, Tyrolia Verlag, Innsbruck 2016, 144 S., 14,95 €, ISBN 978-3-7022-3508-6.

„Habt Mut! Jetzt die Welt und die Kirche verändern“ – Vortrag mit Bischof Erwin Kräutler in Salzburg: Mittwoch, 27. April, 19.00 Uhr, im Saal der Salzburger Nachrichten, Karolingerstraße 40, Salzburg. Karten: 9 € (zugunsten der Arbeit von Bischof Kräutler in Amazonien).
Kartenbestellung: seisofrei@ka.kirchen.net oder 0662/8047-7550. VVK: Rupertus Buchhandlung, Dombuchhandlung, Salzburger Nachrichten.

„Wir haben alle gemeinsam nur diese eine Welt, die in unser aller Verantwortung liegt.“ Das unterstreicht Bischof Erwin Kräutler in seinem neuen Buch „Habt Mut!“. Er benennt darin auch die zentralen Herausforderungen vor denen die Welt und Europa und mit ihnen die europäischen Christinnen und Christen stehen. Am 27. April stellt Kräutler sein Buch in Salzburg vor. Foto: RB-Archiv