Nicht auf Kosten anderer gut leben

Soja. „Die Bohne trifft keine Schuld. Soja ist ein gutes Nahrungsmittel, sehr eiweißreich“, stellt Thomas Bauer klar. Es gelte aber hinzuschauen wie sie produziert und auf wessen Kosten sie angebaut wird.  Genau das tut der gebürtige Vorarl-berger in seiner Doku: „Soja: Der Fleisch gewordene Wahnsinn.“ Bauer zeigt auf, welch gravierende Folgen die steigende Produktion von Soja als Futtermittel auf Mensch und Natur hat. In Österreich essen wir pro Kopf und Jahr mehr als 60 Kilo Fleisch. Das Soja für die Tierfütterung wird überwiegend importiert – zum Beispiel aus Brasilien.  Für Soja-Plantagen müssen große Flächen an Regenwald weichen, Indigene und Kleinbauern verlieren ihr Land und ihr Zuhause. Brasilien ist seit mehr als 20 Jahren auch die Heimat von Thomas Bauer.

Salzburg/Brasilien. Die Expansion der Sojaplantagen von Südbrasilien aus nach Norden begann in den 70er Jahren. Mittlerweile wird rund die Hälfte der Ackerfläche Brasiliens für Soja genutzt. 80 Prozent davon gehen als Viehfutter in den Export nach Europa und in die USA. Die Ausbreitung der Sojafront bedeutet Rodungen im Amazonas-Regenwald und Vertreibung von Indigenen und Kleinbauern. „Es ist ja nicht so, dass dort wo heute Großgrundbesitzer ihre Monokulturpflanzungen betreiben, vorher niemand war. Das Land hat nicht brachgelegen. Hier haben Menschen gelebt“, betont Thomas Bauer. 

Für seinen Film hat er Indigene besucht, die durch riesige Gensoja-Plantagen ihr Land verloren haben. Kleinbauern kommen zu Wort, die unter dem ungezügelten Einsatz der großflächig versprühten Pestizide leiden. 

Betroffene am Wort

Die Guaraní-Kaiowá haben stets im Einklang mit ihrer Mitwelt gelebt. „Unser Gesetz sagt uns, nicht zu töten. Wir zerstören die Natur nicht. Die Gesetze der Weißen erlauben das aber.“ Häuptling Bonifacio Reginaldo Duarte fordert für sein Dorf in der Region Dourados jenes Land zurück, das ihnen gewaltsam genommen wurde. Doch es gebe schon so lange keine Gerechtigkeit für sein Volk. 

Auch  Valdiva Oliveira e Silva im Bundesstaat Mato Grosso fühlt sich allein gelassen. Die „Pistoleiros“ der Großgrundbesitzer haben sie immer und immer wieder bedroht. „Nie waren wir sicher.“ Drei Jahre haben sie trotzdem auf ihrem Stück Land durchgehalten. „Doch jetzt muss ich gehen oder ich werde mit meiner ganzen Familie sterben.“ Den Pestiziden könne sie nichts entgegenhalten.  

Die Sojapflanze braucht für einen hohen Ertrag regelmäßige Chemiebehandlungen, damit sie widerstandsfähig bleibt. Wenn es so weit ist, wenn die Flugzeuge am Himmel auftauchen, verlässt die Tochter von Bauer Arcenio Ribas ihr Zuhause. Der Vater hält aus. „Einer muss ja die Tiere versorgen. Sie sagen, sie versprühen das Gift, um Insekten und Pflanzen, die sie Unkraut nennen, zu vernichten.“ Die Pestizide verschmutzen die Luft, die Nahrungsmittel und das Wasser. Spuren finden sich im Essen, in allem was angebaut wird, sogar in der Milch von stillenden Müttern. 

Krankmachende Pestizide   

Die ganze Region ist verseucht. Hühner und Vögel verenden. „Das ist alles schwer zu ertragen. In einem Jahr hatten alle meine Kühe Fehlgeburten“, erzählt Ribas, der aufgehört hat seinen Grund zu bepflanzen. Jetzt kaufe er Biogemüse bei Bauern, die keine Monokulturen rundherum haben. „Es gibt keine Kontrollen was und wie viel gespritzt wird“, beklagt der Familienvater. 

Beschränkungen gebe es sehr wohl, klärt Bauer auf. „Nur wird es nicht kontrolliert bzw. haben Anzeigen keine Strafen zur Folge.“ Justiz, Verwaltung und Politik kümmern sich in der Regel nicht um die Interessen der Kleinbauern oder Indigenen. Der Landwirtschaftsminister sei der größte individuelle Sojaproduzent in Brasilien, gibt der Filmemacher ein Beispiel wie eng die Verstrickung von politischer Klasse und Agrobusiness ist. 

Häuptling Bonifacio Duarte und Bauern wie Arcenio Ribas und Valdiva Oliveria e Silva haben keine Chance: „Dabei wollen sie nur auf und von ihrem Land leben. Doch für Großgrundbesitzer gibt es nichts Schlimmeres“, weiß Thomas Bauer, der noch einmal auf die Spritzmittel zurückkommt: Die verwendeten Pestizide seien zum Teil in Europa verboten. „In Brasilien werden sie weiter verkauft.“ Dass sich das Gift vom Soja für den Weltmarkt nicht so einfach abwaschen lasse, sei wohl klar. 

In seinem Film legt Bauer offen wie die Kreisläufe funktionieren – wie die Menschen in Brasilien betroffen sind und Europa, wenn es diesen Sojarohstoff importiert. „Dieses System ruiniert auch die österreichischen Bauern.  Sie müssen immer mehr und güns-tiger liefern, um überhaupt noch etwas zu verdienen. Für die Produktion von billigem Fleisch werden große Mengen Futtermittel benötigt.“ Soja aus Brasilien. 

Konsumverhalten ändern

„Was kann ich schon als Einzelner tun?“ Einiges. Davon ist der Dokumentarfilmer fest überzeugt. „Wir Konsumenten können schließlich entscheiden, zu welchem Fleisch wir greifen.  Was wir kaufen. Der Druck auf die Politik muss von unten kommen, von der Bevölkerung.“ Natürlich brauche es auch die europäische und internationale Ebene, faire Handelsabkommen, strenge Kontrolle der Herstellungsbedingungen, ein Umdenken  in der Agrarpolitik. Bauer jedenfalls will weiter aufklären – in Brasilien und in Österreich. So schwierig es auch sei. Er werde sich weiter empören, verspricht er. „Wir dürfen nicht auf Kosten anderer ein gutes Leben führen.“ 

Vor 21 Jahren ist Thomas Bauer von Vorarlberg in das „Armenhaus“ Brasiliens gezogen, in die Kleinstadt Jacobina im Bundesstaat Bahia im Nordosten. Als Mitarbeiter der kirchlichen Pastoralkommission für Landarbeiter  (CPT) setzt er sich für bessere Lebensbedingungen, Bildung, Gerechtigkeit und Menschenwürde ein. Er erhebt seine Stimme, wenn Kleinbauern von ihrem Grund und Boden vertrieben werden.  SEI SO FREI, die entwicklungspolitische Aktion der Katholischen Männerbewegung in Österreich und Salzburg unterstützt seit Jahren Aktivitäten der CPT.

Hintergrund

Die Folgen des Soja-Booms in Brasilien holt der gebürtige Österreicher Thomas Bauer mit seinem Film „Soja: Der Fleisch gewordene Wahnsinn“ vor den Vorhang. Das Werk wurde in Salzburg bereits im Bondeko präsentiert. Interessierte können die Doku auf Youtube nachschauen.

In Österreich essen wir pro Kopf und Jahr mehr als 60 Kilo Fleisch. Der hohe Fleischkonsum hat global gravierende Folgen: Tierfutter verbraucht rund zwei Drittel aller fruchtbaren Flächen weltweit. Die EU importiert einen großen Teil des Futtermittels Soja aus anderen Weltgegenden.

Österreich produziert zwar 100.000 Tonnen gentechnikfreies Soja, aber vor allem für hochwertige Nahrungsmittel. 500.000 Tonnen Futtermittel-Soja werden aus Ländern wie Brasilien importiert. „Nach Gentechnik, Pestiziden oder ob durch den Anbau Menschen um ihre Existenz gebracht wurden, fragt kaum jemand“, klagt Thomas Bauer an. Sein Film deckt die Auswirkungen für Kleinbauern und Indigene auf. Er zeigt auch, wie es anders geht und besucht einen Biobauern in Oberösterreich.

Auf seinem eigenen Blog widmet sich Thomas  Bauer Themen wie Menschenrechte, Umwelt, Landkonflikte und gibt auch Einblick in sein Leben in Brasilien. tbauerblog.wordpress.com/author/thobauer/

 

Fotos (Thomas Bauer/ibu): Die riesigen Sojaplantagen werden mit Pestiziden besprüht – ohne Rücksicht auf Verluste für Mensch und Natur.