Offene Türen für alle

Kindsein durfte Jad lange nicht. In seinen ersten Lebensjahren im syrischen Aleppo gehörten Bomben, die vom Himmel fielen und Schüsse, die durch die Straßen peitschten,  zum Alltag. Das Haus seiner Familie  ist zerstört.  2013 flüchtete er mit den Eltern in den Libanon. In St. Vinzenz, einer Schule der Barmherzigen Schwestern in Broumana, hat er mehr als einen Ort zum Lernen gefunden. „Ich habe schon viele Freunde.“ Die Caritas unterstützt Schule und Internat, damit Kinder wie Jad die Chance auf Bildung und auf Zukunft haben.

Broumana. Der Krieg in Syrien dauert schon länger als der Zweite Weltkrieg. Er forderte hunderttausende Todesopfer und vertrieb zwölf Millionen Menschen aus ihrem Zuhause. Im Libanon, kleiner als Tirol, sind zwei Millionen Flüchtlinge gestrandet. Die Überforderung ist überall zu spüren: Das Trinkwasser ist knapp, der Strom fällt immer wieder aus, die Arbeitslosigkeit steigt und das staatliche Schulsystem kann nur einen Bruchteil der syrischen Kinder aufnehmen. Die ganz Jungen verstehen nicht wirklich, was das bedeutet, nicht zur Schule zu gehen. Andere wissen, was sie verpassen und sie sind wie ihre Eltern dankbar über die Chance wie sie ihnen die Schule und das Internat St. Vinzenz bietet: „Ich habe große Fortschritte gemacht. Mein Vater ist sehr stolz auf mich, weil ich zu den Besten gehöre“, erklärt Malek aus Aleppo.  

Der Zehnjährige ist einer von 85 syrischen Kindern, die in der katholischen Privatschule lernen, lachen, essen und einfach wieder Kind sein dürfen. „Wir Libanesen haben während der dunklen Jahre unseres Bürgerkrieges sehr gelitten und deshalb Verständnis für Kriegsopfer und Flüchtlinge“, betont Oberin Sr. Zahia Frangié, die mit ihrem Team ein Konzept der offenen Türen lebt, in der Christen und Muslime Seite an Seite die Schulbank drücken. Wenn es Schwierigkeiten gibt, sind die finanzieller Natur: Die Eltern können keine Schulbeiträge zahlen und vom Staat kommt für die syrischen Kinder keinerlei Unterstützung. 

Eine Welt ohne Gewalt und Zerstörung 

Damit die syrischen Mädchen und Buben möglichst schnell in die Klassengemeinschaften hineinwachsen und dem Stoff folgen können, müssen in Nachhilfestunden Rückstände aufgeholt werden. Die größte Baustelle ist  Französisch –  neben Arabisch die zweite Unterrichtssprache im Libanon. Und da es sich mit leerem Bauch schlecht lernen lässt, gibt es täglich Mahlzeiten. „Früher mangel-ernährte Kinder haben an Gewicht zugelegt und ihr Gesundheitszustand hat sich deutlich verbessert“, erzählt Internatsleiterin Marie Ghia. Sie verweist auch auf die psychologische Begleitung. Die Kinder haben Gewalt erlebt, den Tod von Familienangehörigen. Die seelischen Verletzungen sind nicht sichtbar, dafür umso zerstörerischer. Der Bedarf an Hilfe ist so groß, dass St. Vinzenz inzwischen eine zweite Psychologin anstellte. Der achtjährige Jad sagt: „Ich denke nicht mehr an den Krieg.“ Er hat in St. Vinzenz eine Welt ohne  Gewalt, Zerstörung und Trauer kennen gelernt. 

Bildung verändert Kinderleben

In Österreich ist es selbstverständlich, dass Kinder in die Schule gehen und lesen, schreiben und rechnen lernen. Doch weltweit haben 264 Millionen Mädchen und Jungen diese Chance nicht.  Sie dürfen nicht lernen, weil ihre Familien zu arm sind, weil die Schulen überfüllt oder zu weit entfernt sind, weil sie vor Krieg geflüchtet sind oder in einer Krisenregion leben.

Im Februar lenkt die Caritas den Blick auf die Not von Kindern und zeigt, wie es trotz schwieriger Alltagsumstände gelingt, etwas zu verändern. Mit Spenden ist es möglich, 50.000 Kindern weltweit echte Zukunftsperspektiven zu eröffnen. Die Caritas Salzburg stellt ihre Schwerpunktländer Ägypten, Syrien und den Libanon in den Mittelpunkt. Das Rupertusblatt holt in den nächsten Ausgaben die einzelnen Projekte vor den Vorhang – den Anfang macht St. Vinzenz in Broumana. Damit in der Schule weiter bedürftige Kinder aus dem Libanon und Syrien die bestmögliche Bildung erhalten, braucht es Unterstützung. Prominente Rückendeckung für das Vorzeigebildungsprojekt kommt seit kurzem vom Intendanten des Salzburger Landestheaters, Carl Philip von Maldeghem. Er ist neuer Schirmherr von St. Vinzenz.

Fotos (Caritas Salzburg): Gesund und fröhlich dank der guten Versorgung – jeden Tag ein warmes Essen für die Kinder in St. Vinzenz. „Ich mag das Essen, besonders die Nachspeisen“, meint Mahmoud aus Syrien.

In St. Vinzenz im Libanon können syrische Kinder endlich wieder lernen.