Option für Amazonien

Amazonas-Bischof Erwin Kräutler wird 80                              

Altamira/Salzburg. Dom Erwin – so nennen die Menschen Bischof Erwin Kräutler in Brasilien. Sein Einsatz für die Menschen am Amazonas machte ihn zu einem der bekanntesten Bischöfe Südamerikas. Am 12. Juli feiert er seinen 80. Geburtstag.  Von Ruhestand kann beim Bischof emeritus der Prälatur  am Xingu aber keine Rede sein. Die Amazonas-Synode im Vatikan im Oktober fordert den gebürtigen Vorarlberger und stellt auch sein Lebenswerk in den Fokus: die Option für die Armen und für Amazonien. 

Seit 54 Jahren wirkt Erwin Kräutler im Amazonasgebiet und ist mit dem Volk Gottes am Xingu unterwegs. „Er ist ein liebender Vater für uns“, sagen die Menschen in „seiner“ Diözese am Xingu-Fluss.  Er war nie ein Schreibtisch-Bischof – auch nicht nach seiner Emeritierung 2015. Er setzt sich nach wie vor für die Rechte der Indigenen ein, für die Armen und Heimatlosen. Er ist „empört über all die Ausbeutung und Plünderung der Menschen und ihrer Mit-Welt“. Sein Einsatz hat ihm nicht nur den Alternativen Nobelpreis eingebracht. Er stand nach einem versuchten Mordanschlag und wiederholten Drohungen unter Polizeischutz. Kräutler aber ließ sich nicht aufhalten: „Die äußere Freiheit können sie mir nehmen, die innere nicht.“

Derzeit ist der aus Vorarlberg stammende emeritierte Bischof der brasilianischen Amazonas-Diözese Altamira-Xingu in die Vorbereitung der Amazonas-Synode eingebunden. Bei der Synode soll es neben der Ökologie um Theologie und Seelsorge, um die Belange der Indigenen sowie um Menschenrechte gehen. 

Amazonien geht die Welt an 

Im „Kathpress“-Interview spricht Bischof Erwin Kräutler  über die Folgen der skrupellosen Entwaldung Amazoniens, den Priestermangel und die notwendige Suche nach „neuen Zugängen zum Weiheamt“. 

Amazonien ist geografisch weit weg von Europa, die Regenwald-Zerstörung aber bedroht auch das Klima der nördlichen Halbkugel. Daran erinnert Erwin Kräutler immer wieder. Die Folgen der skrupellosen Entwaldung und das Überleben der indigenen Bevölkerung gingen die ganze Welt an und würden durch die vom Papst für Oktober in Rom einberufene Synode in den Fokus gerückt. Nicht nur eine regionale, sondern eine „weltkirchliche Herausforderung“ seien auch der eklatante Pries-termangel und die Gleichberechtigung für Frauen in der Kirche, so Dom Erwin, wie der Ordensmann der Missionare vom Kostbaren Blut oft genannt wird.

Neue Wege aufzeigen

Die Suche nach „neuen Zugängen zum Weiheamt“ forderte Kräutler im Blick auf den Priestermangel, der nicht nur Amazonien betreffe. Vielmehr könnten im Zuge der Amazonien-Spezialsynode „ganz sicher auch anderen Kontinenten mit ähnlichen Problemen und Realitäten neue Wege“ aufgezeigt werden. Pastoralräume hingegen, wie sie aktuell in manchen österreichischen Diözesen eingeführt wurden oder werden, sind aus der Sicht des austro-brasilianischen Bischofs keine langfristige Lösung. Diese kritisiert er als „palliativen Behelf, der die wenigen Priester mit noch mehr Verantwortung überhäuft“.

Diskutiert werden müsse zudem die Position von Frauen in der Kirche. „Die äußerst zaghafte Antwortsuche auf die Fragen der Gleichberechtigung der Frauen“ sei eine weltkirchliche Herausforderung und längst zu einer existenziellen Wichtigkeit geworden. Die Geduld der Frauen gehe „schön langsam zu Ende“, warnte Kräutler. Heute seien Frauen zwar in allen früher von Männern dominierten Berufszweigen tätig, nur „als Kirche hinken wir 200 Jahre hinterher“.

Als Möglichkeiten nannte er die Öffnung des Weihepriestertums für Frauen beziehungsweise so genannter „personae probatae“ (bewährte Personen). Dieser Begriff schließe anders als „viri probati“ (bewährte Männer) alle Geschlechter mitein. Das als Gegenargument für den Ausschluss von Frauen vom Weihepriestertum oft vorgebrachte 1994 veröffentliche Apostolische Schreiben „Ordinario Sacerdotalis“ von Papst Johannes Paul II. (1978 – 2005) ist für den Amazonas-Bischof nicht ausreichend. Auch wenn der Papst damals erklärte „alle Gläubigen der Kirchen haben sich endgültig an diese Entscheidung zu halten“, handle es sich weder um eine Enzyklika, noch um ein Dogma oder einen Glaubenssatz. „Also kann das ‚Verbot‘ von Johannes Paul II. auch revidiert werden“, folgert Kräutler.

„Gutes Leben“ für alle 

Die von 6. bis 27. Oktober angesetzte Amazonien-Spezialsynode nehme aber nicht nur die pastorale Notsituation in der Region in den Blick, sondern auch das „gute Leben“ für alle, erklärte Bischof Kräutler, der dem vorsynodalen Rat zur Vorbereitung der Synodenversammlung angehört. Er wünsche sich, dass die Synode einen Beitrag zu den angestrebten „neuen Wegen für die Kirche und eine ganzheitliche Ökologie“ leiste und die versammelten Bischöfe dem Papst „mutige Vorschläge“ machen.

Deutliche Worte der Kritik äußerte Kräutler im „Kathpress“-Interview zum seit Jahresbeginn amtierenden brasilianischen Staatspräsidenten Jair Bolsonaro. Dieser habe eine „anti-indigene Einstellung“, so der Bischof vor dem Hintergrund der Ankündigungen Bolsonaros, Umweltschutzgebiete sowie indigene Reservate für die wirtschaftliche Nutzung durch multinationale Konzerne zu öffnen. „Wir werden mit allen Mitteln für Amazonien und die Indios eintreten.“ Die Synode werde sich ebenfalls mit dieser Thematik befassen: „Es geht um die Verteidigung Amazoniens gegen skrupellose Ausbeutung und Zerstörung.“ Den Völkern Amazoniens, dessen Gebiet sich über rund 7,5 Millionen Quadratkilometer erstreckt, wünscht Kräutler an seinem 80.
Geburtstag Folgendes: „Respekt vor ihrer Würde als Menschen und bessere Tage“. 

Mit Salzburg sehr verbunden

Mit Salzburg ist Kräutler sehr verbunden, hier empfing er 1965  die Priesterweihe. Sei So Frei Salzburg, die entwicklungspolitische Aktion der Katholischen Männerbewegung, unterstützt seit vielen Jahren Dom Erwins Arbeit in Brasilien. Im August erscheint ein neues Buch, das Bischof Kräutler in Zusammenarbeit mit dem Salzburger Journalisten Josef Bruckmoser verfasst hat. „Erneuerung jetzt“ ist das Buch zur Amazoniensynode, es zeigt Wege auf für eine Kirche der Zukunft – in Amazonien, aber ebenso in Europa. 

Ein Leben für Amazonien 

Erwin Kräutler wurde am 12. Juli 1939 in Koblach in Vorarlberg geboren. Nach der Matura Eintritt in die Kongregation der Missionare vom Kostbaren Blut; anschließend Studium der Philosophie und Thelogie an der Universität Salzburg. Am 3. Juli 1965 wird er durch Erzbischof Andreas Rohracher im Salzburger Dom zum Priester geweiht. Schon kurz nach seiner Priesterweihe geht er nach Brasilien. Von 1981 bis 2015 wirkte er – als direkter Nachfolger seines Onkels Erich Kräutler – als Bischof von Altamira-Xingu, der flächenmäßig größten Diözese Brasiliens und mit 350.000 Quadratkilometern viermal so groß wie Österreich. 1983 wurde Kräutler international bekannt, als er bei einer Solidaritätsaktion mit Arbeitern, denen man den Lohn vorenthielt, verhaftet und verhört wurde. Im gleichen Jahr wurde er Präsident des Indigenenmissionsrats CIMI der Brasilianischen Bischofskonferenz. Dieses Amt übte er bis 1991 und später erneut von 2006 bis 2015 aus.

1987 setzte sich Kräutler bei der Verfassunggebenden Versammlung Brasiliens erfolgreich für die Verankerung der Rechte der Ureinwohner ein. Kurz darauf wurde er bei einem mysteriösen Autounfall, bei dem ein Kleinlastwagen das Fahrzeug Kräutlers rammte, schwer verletzt. Nach mehreren Morddrohungen steht der Bischof seit 2006 unter Polizeischutz. Kräutler, der sich jahrelang an vorderster Front gegen den Bau des Amazonas-Kraftwerks Belo Monte einsetzte, ist auch international ein gefragter Experte für Menschenrechte, Umweltschutz und Indio-Rechte. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Romero-Preis der Katholischen Männerbewegung Österreich, das Ehrendoktorat der Universität Salzburg und 2010 den Alternativen Nobelpreis. 

Foto1: Bischof Erwin Kräutler.  

Foto2: Dom Erwin mit seiner indigenen „Adoptivmutter“.

Foto3: Bischof Erwin Kräutler bei einer Prozession in Altamira.

Foto4: Dom Erwin, Bischof Erwin Kräutler, setzt sich unermüdlich für die Menschen in Amazonien ein, insbesondere für die indigenen Völker. Er warnt davor, ihren Lebensraum weiter den Interessen der globalen Wirtschaft zu opfern. 

Fotos: eds/privat/ibu

SONY DSC