Pastoraltagung:Zuhören statt belehren

„Freiheit – Glück – Leben. Säkularität und pastorales Handeln“: Unter diesem Generalthema beleuchteten bei der Pastoraltagung vom 10. bis 12. Jänner hochkarätige Referentinnen und Referenten und rund 400 Interessierte aus dem In- und Ausland „die schrumpfende Bedeutung von Religion“ und deren Auswirkungen auf das kirchliche Handeln. 

Salzburg. Im Blick auf den sinkenden Stellenwert von institutionalisierter Religion in vielen Ländern Europas mag es vielleicht plausibel sein, der These vom Einhergehen der Modernisierung mit Säkularisierung anzuhängen – jedoch, diese lange Zeit vertretene Auffassung stimmt so nicht und ist in der Soziologie auch passé. Darauf hat der deutsche Religionsphilosoph und -soziologe Hans Joas in seinem Eröffnungsvortrag  bei der Pastoraltagung hingewiesen. Die USA etwa seien ein Gegenbeispiel dafür, dass Moderne und auch Wohlstand mit großer religiöser Vitalität einhergehen können, erst recht würden globale und historische Tatsachen allzu platten Deutungen widersprechen. Joas lapidar: „Säkularisierung stirbt tendenziell an Nachwuchsmangel.“

Dass Religion in unseren Breiten einem Bedeutungswandel und auch -verlust ausgesetzt ist, leugnet der vielfach ausgezeichnete Autor keineswegs. Seit der Jahrtausendwende seien in Deutschland 500 Kirchen umgewidmet, 140 abgerissen worden. Demgegenüber befinde sich Religion in prosperierenden Weltregionen wie Südkorea oder China im Aufschwung, auch in Afrika verbreite sich das Chris-tentum rasant.

Aber wenn nicht Modernisierung beziehungsweise die von Max Weber behauptete „Entzauberung“ der Welt die Ursache dafür ist, was dann? Joas lenkte den Blick auf das Verhältnis der Kirchen und Religionsgemeinschaften zur jeweiligen Staatsmacht – auf die „politische Soziologie der Religion“, wie er es nannte. Seine These: Eine „übertriebene Staatsnähe“ und „machtgestützte Monopolstellung“ sei für die Kirchen gefährlich. Wenn sich in der Bevölkerung politische und wirtschaftliche Unzufriedenheit ausbreite, würden sie diese Gruppen leicht aus den Augen verlieren. 

Eine Alternative zur Erklärung von Säkularisierung sei somit die Haltung der Kirchen zu den großen politischen Fragen der jeweiligen Zeit: Wie haben sie sich zur „sozialen Frage“ verhalten, wie zur nationalen, zur demokratischen, zur Frauen-emanzipation oder zu den Menschenrechten? „Wir erkennen damit, wie wenig unumgänglich bestimmte Säkularisierungsprozesse waren und sind“, wies Joas hin.

Auch bei heute vieldiskutierten politischen Fragen wie Migration könne eine moralisch argumentierende Befürwortung von (Massen)Einwanderung zur Entfremdung benachteiligter einheimischer sozialer Milieus von den Kirchen beitragen. „Zuhören ist da oft wichtiger als belehren“, riet Joas seinen großteils in kirchlichen Arbeitsfeldern tätigen Zuhörern. 

Das Fazit des an der Theologischen Fakultät der Berliner Humboldt-Universität lehrenden Soziologen: Die Kirchen und Religionsgemeinschaften sollten die Tatsachen heutiger Säkularisierung „illusionslos ins Auge fassen“, sie in ihrer Ausprägung aber auch nicht überschätzen oder gar in eine „Selbsteinschüchterung“ verfallen. „Untergangsprophetien“ relativierten sich, wenn Säkularisierung in einen historischen und globalen Rahmen gesetzt werde. kap

Bildtext: Hans Joas, Berliner Starphilosoph, widersprach der These von der unumkehrbaren „Entzauberung“ der modernen Gesellschaft. Foto: RB/Sonneck