Pfarrgemeinden weiter engagiert

„Kritisch unter die Lupe genommen“, hat der Ökumenische Rat der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ) die Haltung von Politik und Öffentlichkeit zu den Flüchtlingen.

Wien.  Es sei Aufgabe der Kirchen, „in gesellschaftspolitischen Fragen Flagge zu zeigen“, stellte ÖRKÖ-Vorsitzender Thomas Hennefeld fest. Matthias Drexel von der Caritas und Christoph Riedl von der Diakonie berichteten bei der Versammlung von Vertretern der 16 Mitgliedskirchen über Erfahrungen ihrer Organisationen in der täglichen Flüchtlingsarbeit und machten auf Versäumnisse in der Flüchtlingspolitik aufmerksam. 

 

Trotz der öffentlichen Infragestellung des zivilgesellschaftlichen Einsatzes und der latenten „Abwehrhaltung“ gegen Flüchtlinge sei das Engagement der Pfarrgemeinden aller Konfessionen in der Flüchtlingsarbeit nach wie vor ungebrochen. Drexel verwies darauf, dass von den rund 600 Pfarrgemeinden der Erzdiözese Wien 150 im Flüchtlingsbereich aktiv sind. In den Pfarren bestünden soziale Netzwerke, die den Flüchtlingen in vielfacher Weise beistehen. Die Hilfe für Flüchtlinge schweiße die Menschen aber auch zusammen, es komme zu einer Stärkung des Gemeinschaftsgefühls, so der Caritas-Fachmann. Überhaupt sei festzustellen, dass mehr Menschen denn je „auf hohem Niveau“ als Freiwillige tätig sind. 

 

Bei der ÖRKÖ-Vollversammlung wurde festgehalten, dass sich für die Kirchen auch die Verpflichtung ergebe, die vielfachen positiven Erfahrungen in den Pfarrgemeinden aller Konfessionen auch öffentlich zu machen und sie in den politischen Diskurs einzubringen. Das könne ein wichtiger Kontrapunkt zum proklamierten „Ende der Willkommenskultur“ sein. 

 

Diakonie-Experte Riedl erinnerte daran, dass die NGOs im Mai 2015 – also bereits vor der vielzitierten „Flüchtlingswelle“ – den zuständigen Politikern einen konkreten Sechs-Punkte-Plan zum bestmöglichen Umgang mit Flüchtlingen vorgelegt hatten; leider sei keiner dieser Punkte verwirklicht worden, es habe auch keinen Dialog zwischen der Politik und den NGOs gegeben. Ein umfassendes Konzept stehe seit langem aus, bemängelte Riedl. Nach der Ungarn-Krise 1956 habe man aus der einstigen Kadettenschule Traiskirchen „provisorisch“ ein Flüchtlingslager gemacht – und bei diesem Provisorium sei es geblieben. kap

 

Bildtext: Vom Provisorium bei der Ungarnkrise 1956 zum Dauer-Flüchtlingslager:  Die frühere Kadettenanstalt Traiskirchen mit dem Schneeberg. Foto. Von Schletz