„Reden hilft und ist wahnsinnig wichtig

Einsatz. 144 Menschen aus Österreich engagieren sich für Ärzte ohne Grenzen. Eine von ihnen ist Monika Gattinger-Holböck. Noch ist sie in der Salzburger Heimat, doch Ende Oktober geht es wieder los – dieses Mal für ein halbes Jahr. Die Psychologin wird sich auf der griechischen Insel Lesbos gestrandeter Flüchtlinge annehmen. Im Nordirak hat sie zuletzt wieder erlebt, dass psychosoziale Versorgung genauso wichtig ist wie körperliche Gesundheit. 

Salzburg. Die klinische Psychologin und Psychotherapeutin Monika Gattinger-Holböck (65) kann auf eine lange berufliche Laufbahn blicken. Den Ruhestand hätte sie sich mehr als verdient.  Doch mit der Pension ging es bei ihr erst so richtig los: Pakistan, Ukraine, Sierra Leone, Libanon und der Irak stehen schon auf der Einsatzliste. „Ich bin einfach froh, dass ich mit meiner Erfahrung weiter etwas Sinnvolles tun kann.“ Im Nordirak war sie in einem Traumaspital südlich von Mossul tätig. Sie habe in einer Art Kriseninterventionsteam gearbeitet. Ein Großteil der Flüchtlinge deren äußere Wunden hier versorgt wurden litt auch unter Belastungssymptomen. Frauen waren so erschöpft, dass sie nicht mehr in der Lage waren, ihren Alltag zu meistern; sie sahen keinen Sinn mehr im Leben. „Reden ist wahnsinnig wichtig und hilft“, weiß Gattinger. Eltern habe sie Tipps gegeben wie sie mit den Albträumen ihrer Kinder umgehen sollen. „Kinder haben gesehen wie ihr Vater verbrannte oder andere schreckliche Dinge mitgemacht.“ Mit den Kleinen selbst habe sie gezeichnet oder ihnen einen Teddy gegeben, dem sie ihre Sorgen anvertrauen konnten. 

Für ein halbes Jahr auf die Insel Lesbos 

Kommt Monika Gattinger-Holböck von einem Einsatz heim, schätzt sie einmal mehr „das Leben, das wir haben“. Bald hebt sie  wieder ab, Richtung Griechenland. Aber nicht zum Wellness-Urlaub, sondern zur Begleitung von Flüchtlingen. Tausende harren im Lager Moria auf Lesbos aus und warten auf ihre Asylentscheidung. „Das Lager ist überbelegt, es mangelt an sanitären Einrichtungen und die Leute wissen nicht wie es weitergeht. 80 Prozent haben schwere psychische Probleme und viele Folter- und Gewalterfahrungen.“ Dass es für die Salzburger Ärztin mehr als genug zu tun gibt, steht also außer Zweifel.

Interview: Recht auf Hilfe

Margaretha Maleh ist Präsidentin von Ärzte ohne Grenzen in Österreich.

RB: Was möchte Ärzte ohne Grenzen mit der Ausstellung am Mozartplatz vermitteln? Was erwartet Besucher?

Maleh: In einem aufblasbaren Zelt sehen sie zum Beispiel wie in Krisengebieten operiert wird. Manchmal fällt der Strom aus. Das Arbeiten „im Feld“ verlangt den Ärzten einiges ab. Doch es ist unglaublich, was die Chirurgen schaffen. Mit der Ausstellung möchten wir auch den Blick auf die Bedeutung des Rechts auf medizinische und humanitäre Hilfe schärfen. Es ist so wichtig, dieses Recht zu schützen. Das ist nicht überall der Fall. Im Jemen etwa ist der humanitäre Einsatz vor Ort  mittlerweile fast unmöglich, weil die Einreisekontrollen und die Aufenthaltsbestimmungen verschärft wurden. In Myanmar sind hunderttausende vertreibene Rohingya ohne ausreichende Hilfe. Wir haben keinen Zugang.

RB: In welchen Ländern/Krisenherden ist Ärzte ohne Grenzen im Einsatz?

Maleh: Im Augenblick sind unsere Teams weltweit in mehr als 70 Ländern tätig: Wir sind nach dem Erdbeben in Mexiko im Einsatz, kämpfen in der Demokratischen Republik Kongo gegen einen massiven Cholera-Ausbruch oder leisten in Bangladesch Nothilfe für Angehörige der Rohingya, die aus Myanmar in das Nachbarland fliehen. Wir behandeln körperliche Verletzungen, kümmern uns um die Wasseraufbereitung und versorgen mangelernährte Kinder.

RB: Wie viele Österreicher sind  aktiv?

Maleh: Im vergangenen Jahr wurden 144 Fachkräfte aus Österreich entsandt, 52 Prozent stammen aus medizinischen, 48 Prozent aus nichtmedizinischen Berufen. Die Logistiker müssen alles aufbauen, es braucht ja ein Dach über dem Kopf zum Operieren – auch wenn es nur eine Bambusklinik ist.

Ausstellung „Hilfe aus nächster Nähe“, Salzburger Mozartplatz. Noch bis 15. 10., tägl., 10.00 bis 18.00 Uhr, Eintritt frei! In originalgetreu ausgestatteten Zelten und Holzbauten zeigt Ärzte ohne Grenzen wie medizinische Nothilfe in Krisensituationen funktioniert. 

Foto (ibu): „Ich schätze alles was wir in Österreich haben“, sagt Monika Gattinger-Holböck. Sie weiß, dass Menschen anderswo ums Überleben kämpfen müssen.  Die Psychologin hat  schon mehrere Einsätze für Ärzte ohne Grenzen  hinter sich.