„Retten, was noch zu retten ist“

Amazonien: Waldbrände zerstören die grüne Lunge

Der aus Vorarlberg stammende Bischof Erwin Kräutler appelliert: „Retten, was noch zu retten ist.“  Amazonien ist mit 7,5 Millionen Quadratkilometern etwa 80-mal so groß wie Österreich und liegt in neun Ländern, darunter Brasilien, Peru, Venezuela, Bolivien und Kolumbien. Das Gebiet bedeckt fast die gesamte nördliche Hälfte Südamerikas und zählt zu den wichtigsten Ökosystemen.  Am 6. Oktober reist Kräutler zur Amazonien-Synode in den Vatikan, an der er selbst maßgeblich beteiligt ist. Schwerpunkte sind „neue  Wege“ in der Seelsorge, aber auch Umwelt, Ökologie und die Rechte der indigenen Völker.

„Für die Indios ist der Wald ihr Lebensraum. Für die brasilianische Regierung ist er nur eine Ware. Sie sehen Amazonien unter dem Aspekt des Kaufens und Verkaufens. Da prallen Welten aufeinander“, bringt es Kräutler auf den Punkt. Er war von 1981 bis 2015 Diözesanbischof der Prälatur Xingu und langjähriger Präsident des Rates der Brasilianischen Bischofskonferenz für die indigenen Völker (Cimi). „Wir sind dafür, dass ihre Gebiete abgegrenzt werden. Damit retten wir einen Teil von Amazonien“, erklärt der Romero-Preisträger und Gewinner des Alternativen Nobelpreises die Bedeutung der indigenen Schutzgebiete für den Kampf gegen den Klimawandel. „Die aktuellen Brände übersteigen alles, was man sich vorstellen kann. Es ist eine richtige Apokalypse.“

Ähnlich schildert es Raoni Metuktire vom Volk der Kayapó: „Wir sind sehr besorgt wegen der neuen Regierung in Brasilien. Sie bedroht uns. Wir haben Angst“, sagt der 90-Jährige. Gemeinsam mit Bischof Erwin Kräutler, der oft die Dörfer der Kayapó besucht hat und auch ihre Sprache spricht, setzt er sich seit Jahren am Xingu für die Indios und den Erhalt des Regenwaldes ein.

Fatale Folgen für Weltklima  

Amazonien gilt als grüne Lunge der Welt. Nirgendwo sonst auf der Welt binden Bäume vergleichbare Mengen an Kohlenstoff. Der Regenwald ist zentral für das Klima. Doch was passiert, wenn der Lunge des Planeten buchstäblich die Luft zum Atmen fehlt? Kippt das Klima in Amazonien, ist die ganze Erdball davon betroffen. Rund ein Fünftel des Regenwaldes ist bereits verschwunden. Millionen Hektar Land sind diesen Sommer abgebrannt. Inzwischen ist alleine in Brasilien von weit mehr als 100.000 Brandherden auszugehen. Nur im August ist die Fläche von 4,2 Millionen Fußballfeldern verlorengegangen. Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro ist zum Symbol für diese Politik der Zerstörung geworden – und aufgrund des damit verbundenen Klimawandels vielleicht der gefährlichste Mann der Welt.

Häuptling Raoni klagt an

Raoni Metuktire ist Häuptling vom Volk der Kayapó. Er ruft eindringlich zum Umdenken auf: „So viele Jahre haben wir, die indigenen Völker Amazoniens, euch gewarnt: Euch, unsere Brüder, die ihr so viel Zerstörung in unsere Wälder gebracht habt. Was ihr tut, wird die ganze Welt betreffen.“ Der Häuptling weiß, nicht nur seine Heimat ist bedroht: „Eure Heimat auch.  Wir rufen euch auf, aufzuhören mit dem was ihr tut: Stoppt die Zerstörung, stoppt eure Attacken auf den Geist der Erde. Wenn ihr die Bäume fällt, greift ihr den Geist unserer Vorfahren an. Wenn ihr Bodenschätze ausgrabt, verletzt ihr das Herz der Erde. Wenn ihr das Land und die Flüsse vergiftet – mit der Chemie der Landwirtschaft und dem Quecksilber der Minen – schwächt ihr den Geist, die Pflanzen, die Tiere und das Land selbst“, so der eindringliche Appell des Kayapó-Anführers an die Brasilianer und die Welt. „Wenn ihr das Land so schwächt, wird es sterben. Wenn das Land stirbt, wenn die Erde stirbt, wird niemand von uns mehr leben können und wir alle werden sterben.“

Das große Leiden der Indios

In Brasilien leben heute 305 bekannte indigene Völker mit 274 verschiedenen Sprachen. Von den rund 200 Millionen Menschen in Brasilien sind gut eine Million Indios. Sie sind die wenigen Überlebenden einer mehr als 500 Jahre andauernden Unterdrückungsgeschichte. 

Die Sterberegister aus anderen Teilen Lateinamerikas sprechen eine klare Sprache. Sie lassen vermuten, dass auch in Brasilien innerhalb der ersten 100 Jahre nach Ankunft der Portugiesen 90 bis 95 Prozent der indigenen Bevölkerung ihr Leben verloren haben. Sie starben an von den Europäern eingeschleppten Krankheiten wie Pocken, Masern und Grippe. Erst in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts erreichte die Bevölkerung Amerikas wieder jene Zahl, die sie vor der Ankunft Kolumbus‘ im Jahr 1492 hatte.

Verfassung schützt, aber…

Brasilien ist flächenmäßig das fünftgrößte Land der Erde. Es sind gerade mal 1.299 indigene Territorien erfasst. Davon haben nur 402 eine rechtliche Absicherung. Dabei stellt die Verfassung von 1988, die nach der Militärdiktatur verabschiedet wurde, im Artikel 231 klar: 

„§ 2. Das im traditionellen Besitz der Indios befindliche Land ist zu ihrem dauernden Besitz bestimmt, ihnen ist die ausschließliche Nutznießung der vorhandenen Ressourcen des Bodens, der Flüsse und Seen vorbehalten.[…] § 4. Das Land im Sinne dieses Artikels ist unveräußerlich und unverfügbar, und die Rechte an ihm sind unabdingbar.“

Seit der Einführung dieser Verfassungsbestimmungen sind mehr als 30 Jahre vergangen. Die bescheidene Zahl indigener Gebiete mit rechtlicher Absicherung zeigt, dass die indigene Frage den meisten Regierungen kein Anliegen war. Zu groß sind die Verflechtungen mit Bergbaukonzernen, Energiewirtschaft und dem Agrobusiness, das den Regenwald für die Rinderzucht und den genmanipulierten Sojaanbau abholzt. Die riesigen Monokulturen werden von Flugzeugen aus mit Pflanzengiften besprüht, die in Europa niemals zugelassen oder längst verboten sind. Vergangenes Jahr sind in Brasilien 13.500 km2 Tropenwald verschwunden. Das entspricht der Fläche der Bundesländer Salzburg, Vorarlberg und Burgenland zusammen – oder zehn Fußballfeldern pro Minute. 

Der Rechtsaußenpolitiker Jair Bolsonaro lenkt seit dem Vorjahr die Geschicke Brasiliens und trommelt zum Generalangriff auf die Indios: Mit einem Dekret hat der Präsident die staatliche Indiobehörde FUNAI entmachtet, für indigene Gebiete ist jetzt das Landwirtschaftsministerium zuständig. Konzerne und Großgrundbesitzer fühlen sich ermutigt und besetzten einfach indigenes Land. Wer sich wehrt, wird getötet. Die von evangelikalen Fundamentalisten und Militärdiktatur-Bewunderern geprägte Regierung bedroht jene, die sich für indigene Rechte einsetzen. Sie haben auch die bevorstehende Amazonien-Synode im Visier und den Geheimdienst darauf angesetzt. 

Weltkirche hilft

Die wichtigste Einrichtung zum Schutz der brasilianischen Indios ist Cimi, der Rat der Brasilianischen Bischofskonferenz für die indigenen Völker. Bischof Erwin Kräutler und sein Nachfolger als Cimi-Präsident Erzbischof Roque Paloschi kämpfen unbeirrt weiter. Durch die weltkirchliche Unterstützung hat Cimi die Möglichkeit, unabhängig von staatlichen Geldern und Regierungseinfluss, die Rechte der Indios zu schützen. Sei So Frei, die entwicklungspolitische Aktion der Katholischen Männerbewegung unterstützt Bischof Erwin Kräutler in seiner Arbeit. Infos: www.seisofrei.at

Wolfgang K. Heindl/ibu

Buchtipp: Erwin Kräutler: Erneuerung jetzt. Impulse zur Kirchenreform aus Amazonien. In Zusammenarbeit mit Josef Bruckmoser. Tyrolia Verlag, Innsbruck–Wien 2019, 160 S., 19,95 Euro, ISBN 978-3-7022-3787-5.

 

Nachsynodale Tagung in Salzburg

Die Amazonien-Sondersynode sucht ab kommenden Sonntag „Neue Wege für die Kirche und für eine ganzheitliche Ökologie“. In Salzburg werden unmittelbar nach Abschluss der mit Spannung erwarteten dreiwöchigen Beratungen die Synoden-Teilnehmer Erzbischof Roque Paloschi und der Befreiungstheologe Paulo Suess bei einer Tagung am 30. und 31. Oktober in St. Virgil von ihren Erfahrungen in Rom berichten. Die Koordinierungsstelle für internationale Entwicklung und Mission (KOO) der Österreichischen Bischofskonferenz organisiert die nachsynodale Tagung.

Paloschi ist Erzbischof der brasilianischen Amazonas-Stadt Porto Velho und als Nachfolger von Bischof Erwin Kräutler Präsident des Indio-Missionsrats Cimi. Der 62-jährige Bischof war auch als Mitglied des kirchlichen Panamazonien-Netzwerks Repam in die Vorbereitungen zur Amazonien-Synode eingebunden. Der brasilianisch-deutsche Priester und Missionswissenschaftler Suess ist Theologischer Berater des Cimi und ebenfalls in die Arbeit der Synode involviert. 

Erzbischof Franz Lackner eröffnet das Treffen in St. Virgil am Nachmittag des 30. Oktober. Danach folgen eine inhaltliche Einleitung durch  „Weltkirche“-Bischof Werner Freistetter und der Austauch mit den beiden Synodenteilnehmern. In Workshops geht es um die pastorale und politische Dimension der Synode sowie ökologische Bildungsarbeit oder etwaige weltkirchliche oder finanzethische Auswirkungen. Weitere Infos und Anmeldung: www.koo.at

Fotos: RB/Sei So Frei

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