Ruinen sind das Gesicht des Krieges

Noch vor den Kämpfen im Norden des Landes besuchte die Initiative Christlicher Orient (ICO) Syrien

Damaskus. Wo einst Fenster waren, klaffen riesige Löcher. Man sieht in das Innere eines mehrstöckigen Hauses. Betondecken hängen herab, die Räume voller Schutt. Eine Außenwand ist unbeschädigt, aus ihr wölbt sich eine Apsis. Pfarrer Hanna Ghoneim greift auf die Steine und schweigt. Nach einer langen Pause sagt er: „Das war meine Kirche.“ Er steht mit einer Gruppe österreichischer Journalisten in Ost-Ghouta, einst eine Stadt mit mehreren hunderttausend Einwohnern, heute eine Ruinenlandschaft. Ost-Ghouta war seit Beginn der Proteste und Aufstände 2011 ein Zentrum des Widerstands gegen den syrischen Präsidenten Bashar al-Asad, gut zehn Kilometer von Damaskus entfernt. 

Bei Einbruch der Dunkelheit flackern in den Ruinen von Ost-Ghouta da und dort Lichter. Unvorstellbar, dass sich hier schon wieder Menschen angesiedelt haben. Sobald die Waffen schweigen, macht sich eine Art Alltag breit. Der Krieg ist zur Zeit in mehr als der Hälfte Syriens vorüber, vor allem in den politischen und einst wirtschaftlichen Zent-
ren des Landes um die Städte Damaskus, Homs und Aleppo. Außer Checkpoints an Straßenkreuzungen herrscht aus militärischer Sicht Ruhe. Gekämpft wird noch in einer einzigen Provinz, in Idlib. Der aktuelle Einmarsch der Türkei hat den Norden zum Ziel, der unter der Kontrolle der syrischen Kurden steht – rund ein Drittel des Landes, in dem die Regierung al-Asads keine Macht hat.

Nach den Bomben: Wirtschaftskrieg

„Jetzt herrscht ein wirtschaftlicher Krieg“, erklärt der syrisch-orthodoxe Bischof Selwanos Boutros Alnemeh in seinem Amtssitz in der Altstadt von Homs. Das Land liegt am Boden und durch die internationalen Sanktionen gibt es keine Aussicht auf Besserung: Maschinen dürfen nicht importiert, Obst und Gemüse aus Homs dürfen nicht exportiert werden. Medikamente fallen ebenfalls unter das Embargo. Man müsse die Medikamente für eine Chemotherapie und die notwendigen Infusionsschläuche und -nadeln selbst ins Krankenhaus mitbringen, damit man behandelt werden kann. Selwanos fordert nachdrücklich die Aufhebung der Sanktionen, die – mit Ausnahme weniger Reicher – die gesamte Bevölkerung treffen.

Die Verzweiflung ist groß. Kürzlich habe  ihm ein Vater gesagt: „Wir sind nicht mehr imstande unsere Kinder zu ernähren. Das ist schrecklich. Als Krieg war, sind sie wenigstens gestorben.“ Die Kirche hilft, wo sie kann, „aber es ist nicht einfach, weil sich die Not vervielfältigt hat“, erklärt der Bischof und nennt ein Beispiel: „Vor dem Krieg betreuten wir zwanzig Waisenkinder, jetzt zweihundert.“  

Josef Wallner

Interview mit Stefan Maier, ICO-Projektkoordinator 

RB: Wo und wie ist ICO in Syrien aktiv?

Maier: Syrien ist ein ICO-Schwerpunktland und kriegsbedingt ist der Bedarf an Hilfe sehr groß. ICO ist zum Beispiel in Aleppo tätig, wo die Zerstörungen sehr massiv sind. Einer der wichtigsten Partner ist hier die katholische Pfarre St. Francis. Eines der gemeinsamen Projekte konzentriert sich auf die Hilfe zur Selbsthilfe und ermöglicht Familien wieder ein eigenes Einkommen.

RB: Wie sieht diese Hilfe konkret aus?

Maier: Im Krieg haben viele Menschen ihre wirtschaftliche Existenz verloren, ihre Geschäfte sind niedergebrannt. ICO unterstützt Betroffene mit einem Startkapital, 2.000 bis 5.000 Euro pro Familie, damit sie sich im handwerklichen Bereich oder Kleingewerbe wieder etwas aufbauen können. Mit ICO hat eine Familie ihre Konditorei wieder eröffnet, eine andere hat sich eine Stickmaschine angeschafft. 

RB: Die jüngste Entwicklung in Syrien ist beunruhigend. Die Türkei hat im Norden eine Luft- und Bodenoffensive gestartet. Wie schätzen Sie die Lage ein?

Maier: Syrien ist dreigespalten: ein Großteil wird vom syrischen Regime kontrolliert, die Provinz Idlib  ist die letzte Rebellenbastion und im Norden ist jetzt eine weitere Front aufgebrochen, die neue Opfer bringen wird. Wir können als ICO nichts an der gro-ßen Politik ändern.  Aber wir können mit Hilfe vor Ort die Folgen für die Zivilbevölkerung lindern. Wir wollen, dass die Menschen in Syrien eine Zukunfts-chance sehen und nicht noch mehr ihre Heimat verlassen. Dann wäre das Christentum in dieser Region bald ausgelöscht.        ingrid.burgstaller@rupertusblatt.at

Foto: Zerstörtes Stadtviertel in Homs, große Teile der Stadt im Westen Syriens liegen in Trümmern.

Foto: RB/Wallner