„Seid Sand im Getriebe der Welt“

„Wenn dein Bruder sündigt, dann geh zu ihm und weise ihn unter vier Augen zurecht.“ Auf dieser Aussage Jesu beruht das erste geistige Werk der Barmherzigkeit.

P. Anselm Grün OSB

Früher hieß dieses erste geistige Werk der Barmherzigkeit „Sünder zurechtweisen“. Mit beiden Begriffen „Sünder“ und „Irrende“ tun wir uns schwer. Denn wir geben ja damit vor, dass wir selber auf dem rechten Weg sind. Was für ein Recht nehmen wir uns heraus, andere, die wir für verirrt halten, zurechtzuweisen? Doch jedes Werk ist ein heilsames Werk, das den Menschen gut tun soll. Wenn sich jemand verirrt hat, wenn er den Weg nicht mehr findet und ziellos herumirrt, dann braucht er einen Wegweiser, der ihm wieder den rechten Weg zeigt. Der Wegweiser stellt sich nicht über den andern. Er begleitet ihn ein Stück weit, damit er den Weg zu dem Ziel findet, auf das hin er unterwegs ist.

Den Weg zeigen

Das erste Werk der Barmherzigkeit geht auf das Wort Jesu zurück, das uns Matthäus in der so genannten „Gemeinderegel“ überliefert: „Wenn dein Bruder sündigt, dann geh zu ihm und weise ihn unter vier Augen zurecht. Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder zurückgewonnen“ (Mt 18,15).
Sündigen heißt im Griechischen „hamartanein“, das meint: den Weg verfehlen, sich verirren. Wer seinen Weg verfehlt, der braucht einen, der ihm den Weg zeigt. Im Griechischen steht hier: „Hört er dich, hast du deinen Bruder gewonnen.“
Es geht nicht um ein Gefälle: Ich weiß den Weg und du nicht. Vielmehr spreche ich mit dem andern. Wenn er mich als seinen Bruder hört, wenn er offen ist für einen, der ihm helfen will, dann tut es ihm gut. Dann gewinne ich ihn als Bruder. Er wird mir Bruder oder Schwester. Es entsteht eine gute Beziehung. Ich bin nicht der Besserwisser und auch nicht der Tugendsame. Ich bin genauso auf dem Weg wie der Irrende. Und auch ich kann mich auf meinem Weg verirren. Dann brauche auch ich Menschen, die mir den Weg zeigen.

Kein Sieger, kein Verlierer

In der Psychologie spricht man davon, dass es nach einem Gespräch nie einen Sieger oder Verlierer geben darf. Vielmehr spricht man von einer „Win-win“-Situation, in der beide sich als Gewinner fühlen. Nur dann ist die Zurechtweisung des Irrenden ein Werk der Barmherzigkeit, wenn sich der Irrende oder der Sünder als Gewinner fühlt, wenn ihm die Augen aufgehen und er sein Leben neu anzuschauen vermag, wenn er sich aufrichtet und gestärkt und zuversichtlich seinen Weg gehen kann.

Die politische Dimension

Irrende zurechtweisen hat auch eine politische Dimension. Es ist unsere Aufgabe, auf Tendenzen in unserer Gesellschaft aufmerksam zu machen, die uns in eine falsche Richtung treiben. Da ist die Tendenz, alles nur nach finanziellen Gesichtspunkten zu sehen oder unser Mit­einander immer mehr zu verrechtlichen. Dabei geht es nicht darum, andere an den Pranger zu stellen und sie anzuklagen. Vielmehr ist es unsere Aufgabe, unser eigenes Bewusstsein und das Bewusstsein der Menschen zu schärfen für Wege, die in die Irre führen. Dichter haben diese Aufgabe immer wieder übernommen.
Berühmt ist das Gedicht von Günter Eich, das niemanden anklagt, aber doch alle aufrütteln will, nicht jeden Irrweg mitzugehen:

„Wacht auf, denn eure Träume
sind schlecht!
Bleibt wach, weil das Entsetzliche
näher kommt!
Wacht darüber, dass eure Herzen
nicht leer sind,
wenn mit der Leere eurer Herzen
gerechnet wird!
Tut das Unnütze,
singt die Lieder,
die man aus eurem Mund nicht erwartet!
Seid unbequem,
seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt!“

Heilsame Wege

In der Bibel waren es die Propheten, die das Volk aufrüttelten und auf falsche Wege aufmerksam machten.
Wir können uns selbst nicht zum Propheten ernennen, sonst würden wir uns leicht für unfehlbar hinstellen. Aber Jesus fordert uns dazu auf, in der Gesellschaft auf Wege hinzuweisen, die in die Irre führen, und gemeinsam nach Wegen zu suchen, die heilsam sind für uns Menschen.

Labyrinth auf dem Fußboden der Kathedrale von Chartres. Jesus fordert dazu auf, in der Gesellschaft auf Wege hinzuweisen, die in die Irre führen. Foto: Wikimedia commons