"Stark für meine Kinder"

Syrien. Nesrin ist sieben Jahre alt. Sie hat nie etwas anderes als Krieg erlebt. Nach sieben Jahren Bomben liegt Syrien zu großen Teilen in Trümmern. Halbwegs verschont blieb die Küstenstadt Lattakia. Hierher ist Nesrin aus Raqqa mit ihrem Bruder Tariq und den Eltern geflohen. Sie beginnen ein neues Leben – mit weniger Angst, immer mehr Lachen und einem geregelten Schulalltag. „Ich liebe das Lernen“, betont die Siebenjährige und ihre Mutter ergänzt:  „Wenn sie nicht auf mich hört, sage ich: Dann darfst du nicht mehr zur Schule. Das wäre die größte Strafe.“ Nesrin und Tariq sind zwei von derzeit 500 Kindern, die dank der Caritas Salzburg in Lattakia die Chance auf  Bildung bekommen.  

Lattakia. Die Leiterin der Auslandshilfe der Caritas Salzburg war vor kurzem in Lattakia. Claudia Prantl besuchte die lokale Partnerorganisation und das gemeinsame Schulprojekt, das seit 2016 jährlich hunderte Mädchen und Buben im Alter zwischen sieben und zwölf Jahren für den regulären Schulbetrieb fit macht. Durch Krieg, Vertreibung und Flucht haben die Kinder teilweise ganze Schuljahre versäumt oder sind gar nie eingeschult worden. Die von der Caritas Salzburg geförderten viermonatigen Intensiv-Lernkurse schließen die Lernlücken. „Der Unterricht findet im Untergeschoss der maronitischen Kirche statt. Es war zu spüren: Für die Kinder ist das nicht nur ein Ort zum Lernen. Überall sind bunte Zeichnungen an den Wänden. Im lichtdurchfluteten Innenhof bekommen die Schülerinnen und Schüler ihre Jause. Hier können sie auch spielen, singen und tanzen. Sie haben Nachholbedarf am Kindsein, an freier Bewegung, das ist nicht zu übersehen und zu überhören.“

Dankbar für den Neustart

Besonders beeindruckt hat Prantl die Stärke der Frauen. Die Männer und Söhne sind oft abwesend. „Sie haben das Land verlassen oder verstecken sich. Noch immer besteht die Gefahr, dass sie zum Militär eingezogen werden und kämpfen müssen.“ 

Das Beispiel einer mutigen Frau ist Hadiyeh, die erklärte: „Frauen sind stärker als sie denken. Gib etwas in die Hand einer Frau und es gelingt.“ Sie ist vor der Terrormiliz Islamischer Staat mit ihren Kindern aus Idlib  nach Lattakia geflohen. Ihr Mann wurde entführt. Monatelang wartete sie auf ein Lebenszeichen.  Sie weiß seit kurzem, dass er im Gefängnis getötet wurde. Den Kindern hat sie die schlimme Nachricht noch nicht mitgeteilt. Die junge Mutter ist froh, dass Hasan (11) und Layla (7) Plätze im Schulprogramm haben. Auch Hadiyeh selbst ist eine Schülerin –  offiziell scheint sie freilich in keinem Klassenbuch auf. Sie war Analphabetin.  Sie lernte einfach mit ihren Kindern mit und kann jetzt etwas lesen und schreiben. Daneben hat sie im Projekt als Busbegleiterin einen geringen aber regelmäßigen Verdienst. Hadiyeh ist dankbar für diesen Neustart in Lattakia. Beide Kinder entwickeln sich gut und haben schon ganz konkrete Berufswünsche. Hasan möchte Anwalt werden, Layla Lehrerin. 

Für Jugendliche ab zwölf Jahren gibt es einen speziellen Alphabetisierungslehrgang, Friseurkurse oder Workshops, die auf ein selbstbestimmteres Leben vorbereiten sollen. Dass Mädchen sehr früh heiraten ist keine Seltenheit. Die „Gegenmittel“ seien Bildung und Aufklärung. „Manche Väter haben die Kursteilnahme zunächst nicht erlaubt. Doch sie merkten, dass ihre Töchter davon nur profitieren.“ Pragmatisch sei der Ansatz „cash for work“. Dabei handle es sich um eine geringe finanzielle Entschädigung. „So gut wie jeder Jugendliche hat irgendwelche Hilfsjobs, um das Familienüberleben zu sichern. Wenn sie zum Unterricht kommen, bedeutet das für sie einen Verdienstausfall. Das gleicht ,cash for work‘ aus“, berichtet Prantl.

„Wir wissen nicht, was morgen ist“

Für Claudia Prantl war es der erste Projektbesuch in Syrien seit Ausbruch des Krieges vor sieben Jahren. Die Einreise ist nur über das Nachbarland Libanon möglich. Von Beirut aus ist die Küstenstadt Lattakia in sieben Stunden mit dem Auto erreichbar. „Es gab etliche Checkpoints zu passieren, die Abwicklung ist meist sehr langwierig.“ In Lattakia seien die Menschen um „Normalität“ bemüht. Doch das gelinge nur bedingt: „Durch die vielen Inlandsflüchtlinge ist die Bevölkerungszahl auf mehr als das Doppelte, auf 1,5 Millionen Menschen, angewachsen. Die Preise in den Geschäften sind dramatisch angestiegen, der Strom fällt alle paar Stunden aus…“ Wenn Prantl nach der Zukunft fragte war die  Antwort meist: „Ich weiß nicht mal was morgen passiert. Als Syrer fühlen wir uns wie die Bauern  in einem Schachspiel der Großmächte.“ Hadiyeh, die verwitwete zweifache Mutter hat die Hoffnung auf Frieden in Syrien noch nicht aufgegeben. „Das wünsche ich mir für meine Kinder.“ 

Fotos (Caritas Salzburg): Nesrin ist sieben und sie sagt: „Ich liebe die Schule.“ Gemeinsam mit ihrer Mutter Fadia und ihrem zwölfjährigen Bruder  Tariq ist das Mädchen aus Raqqa in das vergleichsweise sicherer Lattakia in Syrien geflohen. Das von der Caritas unterstützte Bildungsprojekt macht sie schulfit.