Staunend zu globaler Gerechtigkeit

Laudato si. Gerechtigkeit innerhalb ökologisch vorgegebener Grenzen zu verwirklichen, ist die Herausforderung unserer Zeit. Um aber sich überhaupt selbst beschränken zu können, brauchen Menschen eine andere Perspektive als die von Genuss und Gewinn.

Johann Neumayer, Umweltreferent der ED

Salzburg. Die Geschichte der Moderne ist geprägt vom Kampf um Freiheit. Die Revolten gegen Begrenzungen, die Herrschende ihren Untergebenen auferlegt haben, aber auch technische Errungenschaften vergrößerten sie eminent: Man denke nur an die Freiheit des Reisens oder die Freiheit, Dinge am globalen Markt einzukaufen.
Doch andere Grenzen sind nicht einfach aus dem Weg zu räumen: Denn die Notwendigkeit, die Funktionsfähigkeit des Ökosystems zu erhalten, begrenzt unsere Freiheit unweigerlich, ebenso der Anspruch auf Gerechtigkeit.

Gerechtigkeit muss global sein: Mit welchem Recht beanspruchen wir Rohstoffe und Verschmutzungsrechte, die wir anderen nicht zugestehen? Und sie muss generationenübergreifend sein: Mit welchem Recht verbrauchen wir endliche Ressourcen und zerstören wir Ökosysteme, die unseren Kindern und Enkeln fehlen werden? Diese Gerechtigkeit innerhalb der ökologisch vorgegebenen Grenzen zu verwirklichen, ist die Herausforderung des Jahrhunderts. Auf sie trifft das allzu oft missbrauchte Wort „alternativlos“ wohl wirklich zu.

Um aber gut mit vorgegebenen Grenzen leben und sich überhaupt selbst beschränken zu können, brauchen Menschen eine weitere Perspektive als die von Genuss und Gewinn. Ein absolut gesetzter Anthropozentrismus, der nur die eigene Freiheit sieht, nicht aber die Rechte der anderen und die Grenzen der Schöpfung, führt ins Desaster. Die jüdisch-christliche Tradition bietet ein Gegenmodell an, das von Staunen und Dankbarkeit geprägt ist und damit Platz eröffnet für Liebe und Verantwortung zur Schöpfung. Diese alte Lebenshaltung kann noch ungemein aktuell werden.

Mit welchem Recht beuten wir die Erde aus? „Ist es nicht dieselbe relativistische Denkweise, die den Erwerb von Organen von Armen rechtfertigt, um sie zu verkaufen oder für Versuche zu verwenden, oder das ‚Wegwerfen‘ von Kindern, weil sie nicht den Wünschen ihrer Eltern entsprechen? Es handelt sich um die gleiche Logik des ‚Einweggebrauchs‘, der so viele Abfälle produziert, nur wegen des ungezügelten Wunsches, mehr zu konsumieren, als man tatsächlich braucht“, heißt es in Laudato si 123. Foto: Ruth Rudolph/pixelio.de