Trotz allem Widerstand den Ärmsten helfen

Viel Gegenwind bekommt Pfarrer Wolfgang Pucher CM, Vinzipfarrer und „Rebell der Nächstenliebe“ in Graz, zu spüren, wenn er sich für die Armen einsetzt. „Traut euch etwas! Geht nicht, gibts nicht“, appellierte er beim Diakonieseminar in St. Virgil.

Salzburg. Armut hat viele Gesichter: „Ein kleiner Bub sitzt mit zerrissener Kleidung auf einem Rettungsstuhl, vom Krieg gezeichnet. Ihm würden wir sofort unsere Hilfe anbieten. Bei einer hübschen Frau, die sehr arm ist, aber wegen ihrer psychischen Probleme schwierig, tun wir uns schwer. Der Bub zeigt die schöne Armut. Lasst uns unsere Hilfe nicht nur auf brave, umgängliche und dankbare Menschen reduzieren“, appellierte Pucher.

 

Mit einem Zeltdorf für bosnische Deserteure hat es bei ihm begonnen: 1991/92 war ein strenger Winter, die 101 Männer schliefen in Waggons am Grazer Bahnhof, sie hatten nichts anzuziehen und zu essen. Wenn der VinziBus kam, war die Freude groß: „Sie stürzten auf den Bus zu wie verhungernde Tiere. Die Mitarbeiterin sagte zu mir: Du musst etwas tun!“, erzählte Pfarrer Pucher. Die Naturfreunde borgten ihm neun Großraumzelte, die er auf einem Sportplatz für drei Monate aufstellen durfte. 

 

In der Pfarrgemeinde sorgte das für großen Wirbel: „Die Leute drohten beim Bischof mit Kirchenaustritt, die Pfarrjugend half nicht, es gab Demonstrationen. Es war eine nervenaufreibende Zeit“, so Pucher. Für fast alle 101 Männer hatte er mit der Zeit andere Quartiere gefunden, „nur die Polen wollte niemand versorgen. Ich zweifelte, dann kam aber eine Postkarte. Eine Frau wollte helfen, am liebsten Polen eine Herberge geben. Da hat Gott es mir gezeigt“, war Pucher erleichtert. 

 

Beim Abschlussgottesdienst im Zeltdorf fragte er die 500 Mitfeiernden: „Wer hätte gedacht, dass alle Männer quartierversorgt sind?“ „Sie haben gesehen, dass es funktionierte, deshalb fragte ich sie: ,Wer glaubt, dass wir für 40 schwer alkoholkranke Männer, die in Graz unter der Brücke schlafen, eine Unterkunft finden?‘ Und alle zeigten auf.“

 

Das erste VinziDorf entsteht

 

Doch auch hier stieß er auf Widerstände: Die 13 Container für alkoholkranke Männer wollte niemand auf seinem Grund haben. Beim sechsten Standplatz gab es eine Bürgerversammlung. „So viel Hass habe ich noch nie erlebt“, meinte Pucher. Dann bekam er doch noch ein freies Fleckerl auf einem Friedhof – keine ebene Fläche, kein Kanal- und Stromanschluss. Mit Gottes Hilfe und der guter Menschen schaffte er es und am 1. Dezember 1993 zogen die ersten Obdachlosen im VinziDorf ein. Mittlerweile hat er 38 VinziWerke gegründet. 

 

Bildtext: Pfarrer Pucher erzählte beim Diakonieseminar von seinen Projekten und Schwierigkeiten. Foto: jup