Trotzdem Ostern feiern

Ermutigende Gedanken über die Bedeutung des Osterfests für unser Leben von Erzbischof Franz Lackner

Liebe Schwestern und Brüder, 

dieses Ostern ist für uns anders als die Feste vergangener Jahre. Wir durchleben seit nunmehr vier Wochen eine Zeit, die für viele von uns sehr schwierig ist. Einige fühlen sich eingesperrt, allein oder einer Enge ausgesetzt, die keine Luft zum Atmen lässt. Nicht wenige müssen schwere finanzielle Einbußen hinnehmen oder haben begründete Ängste, ihre Arbeit zu verlieren. Was Einzelne von uns immer wieder durchleben müssen, ist nun zu einer kollektiven Leiderfahrung geworden. 

Fest der überraschenden Wende

In dieser Situation sollen wir nun Ostern feiern, das Fest der Auferstehung, des Sieges über den Tod, das Fest, da die Freude über die Trauer siegt, das Leben über die Vergänglichkeit. Fällt es uns schwerer unter diesen Umständen? Womöglich. Aber vielleicht sind es gerade diese Umstände, die uns viel tiefer begreifen lassen, was Ostern bedeutet. Ich möchte es mit dem Wort „trotzdem“ zusammenfassen. Ostern ist ein Fest der überraschenden Wende. Alles spricht dagegen. Nichts deutet darauf hin. Und trotzdem geschieht es. Der übel Misshandelte, der Bloßgestellte und Verurteilte wurde begraben. Ein Stein wurde auf sein Grab gelegt. Alles war vorbei. Das Leben sprach sein hartes unwiderrufliches letztes Wort: Tod. Und trotzdem war es nicht vorbei. Der Geschundene erhob sich aus dem Grab. Er stand auf von dem Tode. 

Dieses „Trotzdem“, das Eintreffen gegen alle Wahrscheinlichkeit, bestimmt auch unseren Glauben. Søren Kierkegaard, ein dänischer Philosoph, Theologe und religiö-
ser Schriftsteller, spricht von einem Glaubenssprung, der alle „Klugheit und Wahrscheinlichkeit aus den Augen verliert“. Das ist kein Glaube gegen die Vernunft, aber einer gegen schwerwiegende Argumente. Ein solcher Glaube ist eine Flamme, die brennt, auch wenn sie von keiner Luft genährt oder von Wasser gelöscht wird. Ein Glaube trotz allem, was dagegenspricht. Der österreichische Psychiater Viktor Frankl hat das großartige Buch „Trotzdem Ja zum Leben sagen“ geschrieben. Seine Frau und seine Eltern wurden in den Konzentrationslagern ermordet. Er selbst überlebte drei Jahre in den Todeslagern. Nur ein Jahr später lehrt er uns in seinem Bericht, dass im Menschen eine Kraft lebt, Sinn zu suchen und zu finden, mögen die Lebensumstände noch so grausam sein. Dieser Sinn kann inmitten der Wüste zu einem Baum werden. Er erhebt sich aus den Dunkelkammern der Weltgeschichte. Der Mensch ist wahrhaftig ein unglaubliches Wesen, so schwach und zerbrechlich, wie viele sich auch jetzt fühlen, und doch von einer Widerstandskraft, die Berge versetzt. 

Eine neue Welt ist versprochen

Die letzte, äußerste Widerstandskraft der Menschheit trat in jener Nacht im dunklen Grab vor mehr als 2.000 Jahren in Erscheinung. Der Tod konnte Jesus nicht in seinen Ketten halten. Der Stärkere besiegte den Starken, Jesus den Tod. Jesus ist Mensch und Gott zugleich, deswegen hat nicht nur Gott den Tod besiegt. In ihm hat die Menschheit gesiegt. In diesem Sieg geschieht etwas völlig Neues – die Evangelien deuten es uns nur in Bildern an. Der Stein wird entfernt. Die belastende Macht der Endlichkeit zur Seite gerückt. Jesus begegnet Maria Magdalena in einem Garten. Ein Bogen wird gespannt zu den Eröffnungsszenen der Bibel. Im Garten war der Mensch gefallen und hatte das ursprüngliche Leben verloren. Im Garten erscheint der neue Adam, Jesus der Christus. 

Doch es geht sogar darüber hinaus. Die Szene im Garten kündigt uns eine neue Welt an. Denn Jesus geht hinauf zum Vater. Mit ihm kommt die Menschheit zu Gott. Es bedeutet, dass wir und der dreifaltige Gott ewige Gemeinschaft haben. Von diesem Leben können wir nur schwer sprechen; wir erahnen es und wir erleben es in Ansätzen. Im Halleluja hören wir die ersten Töne dieser neuen Welt. Wir erleben sie, wo wir hier und heute bereits mit dem Auferstandenen verbunden sind. Diese Welt ist unser Ziel und unsere Hoffnung. 

Ich wünsche euch ein gesegnetes Osterfest, trotz Corona. Denn die Mächte des Todes sind nichts im Vergleich zu dem, was Christus uns verheißen hat.

Erzbischof Franz Lackner

 

Foto: Christus – das Licht, das in der Finsternis leuchtet. Vom Dunkel zum Licht, vom Tod zur Auferstehung, das ist der Inhalt der Osternachtsfeier, der wichtigsten Feier des ganzen Kirchenjahres. Das gilt heuer genauso wie im Jahr 2019, aus dem unser Bild stammt.

Foto: RB/Neumayr

Osterfeier im Dom zu Salzburg Salzburger Dom Erzbischof Franz Lackner Foto: Franz Neumayr 20.4.2019