Verkauft und vergessen

Schutz. „Nein zu sagen, wenn eine Frau anruft, die Hilfe und Schutz braucht, das ist schwierig.“ Nancy Chehade ist Leiterin des Frauenhauses in Rayfoun. Derzeit beherbergt die Caritas-Einrichtung 89 Frauen und Kinder. 

Rayfoun. „Wir versuchen, gute und professionelle Lösungen für die Betroffenen zu finden. Das kann lange dauern. Und manchmal, ja, da gibt es keine Lösung.“ Nancy arbeitet seit neun Jahren in Rayfoun. Sie nimmt Frauen auf, die misshandelt, geschlagen und traumatisiert sind. Der Großteil sind schutz- und rechtlose Arbeitsmigrantinnen aus afrikanischen und asiatischen Ländern sowie Flüchtlingsfrauen mit ihren Kindern. „Die meisten haben nur das was sie am Körper tragen.“ Es sei schon vorgekommen, dass eine Frau mitten im Winter nur mit Sandalen und T-Shirt vor unserer Tür gestanden ist. Sie einzuklei-den oder die Erstausstattung für ein Baby zu besorgen kostet natürlich. Und doch ist dieser Part der einfachere im Arbeitsleben von Nancy Chehade und ihrem Team, das aus Sozialarbeiterinnen, einer Krankenschwester, einer Psychologin, LehrerInnen und einem Hausmeister besteht. 

„Es ist kein normaler Job. Wenn ich heimgehe, kann ich nicht alles hinter mir lassen“, betont Sozialarbeiterin Abir und berichtet von diesem Tag im April. „Die Polizei hat einen großen Menschenhändler-Ring zerschlagen und dutzende Mädchen und Frauen befreit, die misshandelt und zur Prostitution gezwungen worden sind.“ Z. fand wie andere der Opfer Aufnahme in Rayfoun. Zehn Jahre war die junge Syrerin in den Fängen der Verbrecher. „Immer eingesperrt. Ich konnte nicht fliehen.“ Mehr möchte sie über ihr Martyrium nicht sagen. Über ein Resettlement-Programm von UNHCR wird die 26-Jährige bald nach Kanada ausreisen. Freude darüber kann sie nicht zeigen. Ihre tiefen seelischen Verletzungen wird sie auch in ihre neue Heimat mitnehmen.   

Sehnlichster Wunsch: ein Flugticket heim 

Nach einer wahren Odyssee landete S. aus Äthiopien im Frauenhaus. Eine Agentur hatte sie in den Libanon gelockt. Der erste Arbeitgeber war ihrer bald überdrüssig. Er hatte vorausgesetzt, sein neues Hausmädchen spreche schon perfekt arabisch. Es war ihm zu mühsam, sich mit ihr abzugeben, also hat er sie zurückgegeben. Wie eine x-beliebige Ware wurde sie an eine andere Agentur weiterverkauft. Ihr nächster Chef verschleppte sie ohne ihr Wissen nach Syrien. S. ist die Flucht aus dem Bürgerkriegsland gelungen. Jetzt steckt sie im Libanon fest. Seit neun Monaten wartet sie auf ihren Pass, den sie für den Flug nach Äthiopien braucht. „Die Botschaft tut nichts für mich. Es ist, als ob mein Land mich vergessen hätte.“ Mit diesem Dilemma ist Frauenhaus-Leiterin Nancy oft konfrontiert. „Den Behörden sind die Frauen egal.“ Doch ohne Papiere gebe es keine Möglichkeit zur Rückkehr in die Herkunftsländer – sehnlichster Wunsch fast aller Frauen.   

Bauliche Mängel und andere Hindernisse

Hunderte „Fälle“ betreute das Frauenhausteam im Vorjahr. Den Betrieb am Laufen und vor allem das Gebäude halbwegs in Schuss zu halten ist eine große Herausforderung. „Die baulichen Mängel an dem alten Haus, einem ehemaligen Kloster der Barmherzigen Schwestern, sind enorm“, weiß Stefan Maier, Leiter der Caritas-Auslandshilfe in Salzburg. Immer wieder gelingt es ihm Mittel für die notwendigsten Reparaturen aufzubringen. Zuletzt mussten Fens-terscheiben ausgetauscht werden. Nicht alle Libanesen akzeptieren, dass sich die Caritas für Migrantinnen einsetzt. Ein Nachbar, der sich zudem vom Kinderlärm gestört fühlte, hat mit einer Waffe auf das Haus gefeuert. Zum Glück war zum Zeitpunkt des Attentats niemand im getroffenen Zimmer. 

Foto (Ingrid Burgstaller): Das Frauenhaus Rayfoun, rund 30 Kilometer von der Hauptstadt Beirut entfernt, ist eine Zufluchtsstätte für Opfer moderner Sklaverei. Hier finden Frauen aus afrikanischen und asiatischen Ländern, die im Libanon als Hausmädchen ausgebeutet wurden, einen sicheren Hafen. Sie werden medizinisch und psychologisch betreut. Die Kinder erhalten Zugang zu Bildung.