Vom Wachsen der Saat

In Indien seien die Gegensätze extrem. „Sehr viele arme, aber auch sehr reiche Menschen“, beschreibt Jesu Sathianathen mit wenigen Worten die zwei Seiten in seiner Heimat. Doch er fügt hinzu: „Das Land ist viel komplizierter.“ Der Priester steht gemeinsam mit der Lehrerin Rani Gnanapragasam für Cope in Indien. Der Verein, der aus einer österreichisch-indischen Freundschaft gewachsen ist, unterstützt seit 2001 mittellose Kinder und Familien in südindischen Dörfern.

Salzburg/Tamil Nadu. „Ich komme aus einer Kleinbauern-Familie mit fünf Kindern. Wir hatten fast kein Einkommen. Mein Vater hat nie lesen und schreiben gelernt“, erzählt Jesu Sathianathen und betont wie ihn dieser Hintergrund in seinem Wirken als Priester bis heute beeinflusst. „Mich für arme Kinder zu engagieren, sie zu fördern, das war es immer, was ich wollte.“ Seit vielen Jahren setzt der Priester diesen Wunsch – für die Ärmsten der Armen da zu sein – in die Tat um. Das ist so in den „Arivahams“, den Häusern des Lernens, im Sozialzentrum oder in der Schule, die Cope betreibt. Derzeit erreicht der Verein rund 220 Kinder und dazu kommen noch die Familien. Cope hat erkannt, wie wichtig die Unterstützung von Vater und Mutter für die Bildungslaufbahn der Töchter und Söhne ist. In Eltern-Seminaren geht es um Themen wie die Heilkräfte der Natur oder um die Bedeutung von Liebe, Fürsorge, Verständnis, Vergebung und Akzeptanz in der Familie. „Wir haben noch nie vorher auf diese Art miteinander geredet, sind nie zusammengesessen um über unsere Bedürfnisse zu sprechen“, meinte ein Teilnehmer. Jesu und Rani freuen solche Aussagen. Sie wissen, wie schwierig der Alltag für die Menschen ist. „Sie leben auf engstem Raum, müssen jeden Tag ums Überleben kämpfen. Oft haben Familien nicht das Geld, um ihre Kinder zur Schule zu schicken.“

Gute Ausbildung und guter Charakter

Schule ist der wichtigste Schlüssel. Und doch: „Bildung alleine ist zu wenig“, unterstreicht Jesu Sathianathen und erklärt: „Indien hat jede Menge Probleme: zu allererst die extreme Armut, die sozialen Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern, das Kastensystem und die Spannungen zwischen den Religionen. Wir wollen die Kinder so erziehen, damit sie mit diesen Herausforderungen richtig umgehen.“ Das Lernen von Respekt, das Aufeinanderachtgeben und Teilen seien Werte, die sie vorleben und vermitteln wollen. „Eine gute Ausbildung und ein guter Charakter gehen Hand in Hand. Nur dann können die Grenzen von Kaste, Religion und Geschlecht überwunden werden.“

Töchter sind nicht besonders willkommen

Die Mädchen aus den Cope-Dörfern haben Vertrauen zu Rani Gnanapragasam. Und sie ist es, die ihre Schützlinge motiviert, ihnen zuhört und Ratschläge gibt. Sie berichtet über das nach wie vor schwere Los der indischen Mädchen und Frauen. „Wird ein Junge geboren, freuen sich alle. Eine Tochter wird oft als Unglück gesehen.“ Mädchen gelten als minderwertig, unnütz oder einfach nur als teuer. „Heiratet eine Tochter, müssen ihre Eltern für eine möglichst hohe Mitgift sorgen. Arme Familien können das nicht.“
Um die Stellung der Frau zu ändern, sei ihre Berufsausbildung entscheidend. „Bewusstseinsbildung ist das andere. Wir sind überzeugt, die nächste Generation ist offener“, sind sich Rani und Jesu einig. In den Cope-Häusern jedenfalls ist das Miteinander von Buben und Mädchen, von unterschiedlichen Religionen und Kasten selbstverständlich. „Wir säen Senfkörner und hoffen, dass große Bäume daraus werden“, umschreibt Jesu Sathianathen die Arbeit des Vereins. Der bisherige Erfolg hat Namen: Mercy, die ihren Studienabschluss in Literatur in der Tasche hat, Irudaya Raj, der ein Doktorat in Mathematik aufweisen kann und an einem College unterrichtet oder Helen, die ihren Bachelor in Computerwissenschaften machte und jetzt das Cope-Team bei organisatorischen Aufgaben unterstützt.
Ingrid Burgstaller

Hintergrund

Der Verein Cope ging 2001 aus einer österreichisch-indischen Freundschaft hervor. Bis heute wird das Entwicklungsprojekt ehrenamtlich von Menschen aus Österreich, Spanien und Indien getragen. Aktuell werden 220 Kinder in der Schul- und Berufsausbildung und unzählige mittellose Familien unterstützt. COPE heißt übersetzt „eine schwierige Situation bewältigen“. Kontakt: info@cope.in oder 0650/7363538.

Bildung und Werte – in den Cope-Häusern geht beides Hand in Hand. Fotos: Cope

Die Projektleiter vor Ort in Südindien: Jesu Sathianathen und Rani Gnanapragasam. Vor kurzem waren die beiden zu Besuch in der Erzdiözese.