Vorwärts für den Frieden

Familienfasttag. Die Augen von Ana-Maria Berrio Ramirez leuchten, wenn sie von den Kampagnen für Frieden in Kolumbien und dem Einsatz für Frauenrechte erzählt. Beides sei eng miteinander verflochten und habe ein gemeinsames Ziel: „Ein Leben ohne Gewalt für Frauen in Kolumbien. Dafür arbeiten wir.“ Wir, das sind ihre Mitstreiterinnen bei  „Vamos Mujer – Vorwärts Frauen”. Unterstützung bekommt die Organisation aus Öster-reich. Die Aktion Familienfasttag der Katholischen Frauenbewegung (kfb) stärkt die kolumbianischen Friedensaktivstinnen: mit den Spenden aus der Aktion Familienfasttag und mit der Solidarität tausender kfb-Frauen.  „Das bedeutet uns sehr viel“, bedankt sich Ramirez, die vor kurzem in Salzburg zu Gast war und mit dem Rupertusblatt über Kolumbiens langen Weg zum Frieden und die Situation der Frauen gesprochen hat.

Salzburg/Medellín. Martha Sophia Alvarez lebt in Antioquia. Der jahrzentelange Bürgerkrieg  in Kolumbien forderte in der Region viele Opfer. Eines ist ihr Sohn. Er ist auf eine Anti-Personen-Mine getreten und hat beide Augen sowie ein Bein verloren. Sie spüre deswegen keine Rachegefühle, sagt die Bäuerin. Sie mache sich seitdem umso mehr für ein friedvolles Zusammenleben stark. Denn Vergeben und Verzeihen setze einen Pro-
zess in Bewegung, aus dem Heilung und Versöhnung entstehen. Martha Sophia ist sicher, dass jeder und jede einen Beitrag zum Frieden leisten kann: „Als Bäuerinnen fördern wir Frieden mit dem Getreideanbau – damit aus Hunger nicht wieder Krieg entsteht.“ Dass sie durch den Zusammenschluss in einer Genossenschaft nun eigenes Geld verdiene, habe ihrem Leben eine Wende gegeben. Produkte wie Kaffee und Obst werden gemeinsam vermarktet. Oft hätten die Männer zwar noch etwas dagegen, dass sich ihre Frauen organisieren und vernetzen, „doch das werde sich ändern“, meint Martha Sophie. Ihr Mann Raoul gehöre bereits zu den modernen Männern.  

Selbstständigkeit fördern

„Die Männer sehen ja auch, dass die ganze Familie profitiert“, erklärt Ana-Maria Berrio Ramirez. Die „Vamos Mujer“-Koordinatorin begleitet Frauen wie Martha Sophia. „Wir möchten ihre Lebensbedingungen verbessern.“ Das gelinge mit der Vergabe von Mikrokrediten, die zum Beispiel in Kühe investiert werden. „Lange waren Kühe den Männern vorbehalten. Die Tiere sind eine Art Statussymbol“, erzählt Ramirez, die weiß, dass eigener Besitz das Selbstbewusstsein der Frauen stärkt.  Frauen in eine selbstständige, wirtschaftliche und finanzielle Unabhängigkeit zu begleiten, sie über ihre Rechte aufzuklären, ihnen die Kraft und die Möglichkeit zu geben, aufzustehen und sich zu wehren, ist seit neun Jahren das „Kerngeschäft“ von „Vamos Mujer“. Die kfb-Partnerorganisation ist in der Metropole Medellín und in den Dörfern des Departements Antioquia aktiv und erreicht rund 700 Frauen.  

Krieg und Frieden

Mehr als 50 Jahre herrschte in Kolumbien Bürgerkrieg. Guerillagruppen, paramilitärische Gruppen und die Regierung kämpften um die Vorherrschaft. Drogen finanzierten den Konflikt, der 270.000 Menschen tötete und sieben Millionen Menschen zu Flüchtlingen im eigenen Land machte. Sexuelle Gewalt gehört neben Vertreibung, Entführung und Ermordung zur Realität von Kriegen. Seit 2016 besiegelt ein Friedensvertrag den Waffenstillstand in Kolumbien. Doch die Ge-walt ist mit der Unterzeichnung der Papiere nicht verschwunden. „In all den Jahren entwickelte sich eine Mentalität, die Gewalt als etwas Normales ansieht. Die Menschen sind es gewohnt, Prob-leme mit Gewalt zu lösen.“ Das ziehe sich durch die ganze Gesellschaft, vom familiären, privaten Bereich bis in die politische Ebene. 

„Vamos Mujer sagt: Stoppt die Gewalt. Wir nehmen das nicht länger hin.“ Ana-Maria ist überzeugt: „Den Friedensprozess um-setzen heißt nicht nur, dafür zu sorgen, dass die Waffen schweigen. Das ist ein politischer und vor allem ein gesellschaftlicher Prozess. Kolumbien muss sich zu einer Gesellschaft hin verändern, in der das Miteinander sowie die Beziehungen zwischen Frauen und Männern auf Respekt basieren und nicht auf Gewalt.“ Dafür gehen die Frauen von „Vamos Mujer“ auf die Straßen, demonst-rieren und schließen Allianzen mit anderen Friedens- und Frauenorganisationen. 

Eine weitere Strategie ist die Ausbildung von Frauen als Friedensaktivistinnen und  politische Akteurinnen. „Lange wurden die Frauen nicht gesehen und gehört.“ Dabei seien es doch die Frauen, die „entscheiden, wer regiert. Wir sind die Mehrheit im Land“, unterstreicht Ramirez. Sie verweist auf eine Kampagne von „Vamos Mujer“, die Frauen (und Männer) zu einem verantwortungsvollen Umgang mit ihrer Wählerinnenstimme sensibilisiert. „Wir motivieren die Frauen, sich zu organisieren, die Stimme zu erheben und zu den Politikern zu gehen, damit diese die Frauen-Interessen in ihre Programme aufnehmen.“   

Im Mai stehen im südamerikanischen Staat Parlaments- und Präsidentschaftswahlen an. Juan Manuel Santos, der den Friedensvertrag unterzeichnete,  darf nach zwei Legislaturperioden nicht mehr antreten. Auf Seiten der rechten Parteien gebe es Kandidaten, die gegen den Friedensprozess sind. Ana-Maria Berrio Ramirez hofft, dass der Weg der Versöhnung fortgesetzt wird. Sie nehme aber eine Polarisierung wahr. „Nicht jeder Kolumbianer und jede Kolumbianerin ist für den Friedensprozess. Es ist eine große Aufgabe, das friedliche Miteinander umzusetzen. Doch die Jahre des Krieges haben uns Geduld gelehrt. Es geht Schritt für Schritt vorwärts.“ Wenngleich es sehr schmerzhaften Widerstand gibt. „Frauen und Männer, die sich für den Frieden einsetzen, werden bedroht und ermordet.“     

Gewalt kennt nur Verlierer

Weit verbreitet ist nach wie vor die Gewalt an Frauen und Mädchen aus der nächsten Verwandtschaft. „Vamos Mujer“ hat dank der Spenden aus dem Familienfasttag der Katholischen Frauenbewegung die Arbeit mit Betroffenen ausgebaut. Ana-Maria berichtet von einer Gruppe mit 50 Kindern und Jugendlichen. „Wir haben einen Ort geschaffen, wo sie sich austauschen können. Tanz, Malerei oder Theater helfen ihnen, Gefühle auszudrücken. Sie bemalen T-Shirts mit ihren Wünschen. Sie singen eigene Lieder. Sie sprechen erstmals über ihre Gewalt- und Missbrauchserfahrungen.“ Ganz wichtig sei die Aufklärung über ihre Rechte und über das, „was normal und was ein großes Unrecht ist. Manche hören bei uns zum ersten Mal, dass es nicht in Ordnung ist, wenn dein Onkel dich anfasst, wenn dein Vater dich schlägt“, erläutert Ana-Maria Berrio Ramirez. „Die Mädchen sollen wissen, du musst das nicht erdulden, deine Situation kann verändert werden“. Dafür, weiß die 51-Jährige, dürfen diese Taten nicht weiter im privaten Raum unter den Teppich gekehrt werden. Dass „Vamos Mujer“ alleine keine Veränderung bewirken könne, sei klar. Es brauche dazu die Schulen, die Familien und die Politik. „Wir gehen zu den Bürgermeistern in den Gemeinden, damit sie mit uns Strategien zum Schutz der Frauen und Familien entwickeln.“ 

Ganz entscheidend sei es, die Heranwachsenden zu erreichen. „Gewalt gegen Frauen macht dich zum Verlierer“ heißt eine Kampagne, die speziell Jugendliche anspricht und eine Fußballperformance beinhaltet. „Wir sind kreativ“, lacht Ana-Maria. Wichtig sei, dass die Botschaft von „Vamos Mujer“ ankommt: Jede  Kolumbianerin hat das Recht auf ein Leben ohne Gewalt.     

Fotos (kfb/ibu): Die Frauen von „Vamos Mujer“ (übersetzt „Vorwärts, Frauen“) engagieren sich für den Frieden in Kolumbien und fordern ein Leben ohne Gewalt. Unterstützung in Form von Solidarität und Spenden bekommen die Kolumbianerinnen von der Aktion Familienfasttag der Katholischen Frauenbewegung Österreichs.

Ana-Maria Berrio Ramirez  mit einer  „Vamos Mujer“-Broschüre.  „Der Kolibri vorne stehe für Träume und Utopien.  Aber für solche, die wir realisieren können“, unterstreicht  die  Friedens- und Frauenaktivistin.