Vorwärts in eine gerechtere Welt

Maria Schiestls Herz gehört Afrika. Ihr Leben hat sie den Maasai gewidmet. Seit zwölf Jahren leitet die Tiroler Ärztin ein Landkrankenhaus und ein Bildungszentrum in Entasekera, einem abgelegenen Ort im kenianischen Hochland. SEI SO FREI, die entwicklungspolitische Aktion der Katholischen Männerbewegung, hat den Aufbau der Häuser ermöglicht und ist nach wie vor an der Seite der engagierten Ärztin. Mit der heurigen Adventsammlung unterstützt SEI SO FREI Maria Schiestl, die für ihren  Einsatz gerade mit dem Romero-Preis ausgezeichnet wurde.    

Salzburg/Tirol/Entasekera. „Die Sehnsucht nach Afrika war immer da“, sagt Maria Schiestl. Spätestens seitdem sie die von der Mutter abonnierten Missionsbriefe ver-
schlungen habe, fügt die 1952 in Zell am Ziller Geborene erklärend hinzu. Missionsärztin, das war schon in jungen Jahren ihre konkrete Vorstellung. Doch es kam anders. Der Vater verstarb früh und der Traum vom Medizinstudium war für die Älteste von sieben Kindern vorbei. Sie durfte Lehrerin werden und als solche ging sie Ende der 70er Jahre schließlich auch das erste Mal nach Afrika. Eigentlich vom Österreichischen Entwicklungsdienst für einen Einsatz in Sambia vorbereitet, führte ihr Weg sie schon damals nach Kenia.  Sie unterrichtete  in einer Schule im Maasailand und übernahm später die Leitung einer Mädchenschule in Westkenia. 2004 reiste sie zum zweiten Mal nach Afrika – endlich als Ärztin. 

„Medizinisches Wissen wäre so wichtig.“ Bereits in den Jahren als Lehrerin in Kenia war Maria Schiestl dieser Gedanke immer wieder gekommen. Mit 38 Jahren dann die Entscheidung, den Mädchentraum doch noch umzusetzen und Medizin zu studieren. „Das war schon zach. Die anderen Studierenden waren gut 20 Jahre jünger.“ Mit Ausdauer zieht sie das Studium durch und sitzt zur Finanzierung an der Supermarktkassa. 

Das einzige Krankenhaus weit und breit

Im Jahr 2004 kam dann die Anfrage von „Horizont 3000“, ob sie Interesse an einer Stelle in Entasekera habe. Wieder ein Ort mitten im Maasaigebiet. „Kenia und die Maasai, das ist wie ein roter Faden in meinem Leben.“ Ein Bonus bei Dienstantritt sei ihr Wissensvorsprung gewesen. „Ich kannte ja die Menschen und ihre Kultur. Aber: Ob du in einer Schule mit jungen wissbegierigen Leuten zu tun hast oder in einem Krankenhaus mit Leben und Tod, das ist schon ein gewaltiger Unterschied.“ Mit 53 Jahren stellte sich Maria Schiestl dieser großen Aufgabe. 

Kilometerweite Einöde, schlechte Straßen, kein öffentlicher Verkehr, weder Telefon noch Fernsehen. Vier Stunden dauert es bis zum nächsten größeren Ort, bei Regen doppelt so lange. Das Landkrankenhaus in Entasekera liegt mitten in den Loitabergen und ist die einzig durchgängig besetzte und funktionierende Gesundheitseinrichtung in der Region. Das heißt bis zu 27.000 Loita-Maasai in einem Umkreis von 60 Kilometern sind auf die hier angebotene medizinische Versorgung angewiesen. „Wir haben etwa 400 ambulante und 30 bis 40 stationäre Patientinnen und Patienten im Monat. Bei den Fahrten mit dem  Gesundheitsteam in die abgelegenen Dörfer erreichen wir 250 Frauen pro Monat. Die meis-ten lassen bei diesen Besuchen ihre Kinder impfen“, erzählt Schiestl  und erinnert sich, dass die Tage gerade in der Anfangszeit nie genug Stunden hatten. „Ich musste viel über Krankheiten dazulernen, die es in Europa gar nicht gibt.“ Dazu kam, dass sie lange die einzige Ärztin vor Ort war. „Niemand wollte in diesem entlegenen Gebiet arbeiten.“ 

Heute leitet „Daktari Maria“, wie sie von ihren Patienten genannt wird, ein 27-köpfiges Team. „Das ist schön und gleichzeitig eine enorme Verantwortung“, unterstreicht die Ärztin. Die Gesundheitsstation finanziell über Wasser zu halten koste Zeit und Kraft.Die Unterstützung von SEI SO FREI und die Spenden aus Österreich seien unverzichtbar.          

Schritt für Schritt Frauenleben verändern

Immer mehr Schwangere kommen zur Untersuchung und Entbindung in die Klinik. Das rettet täglich Leben. Darüber ist Maria Schiestl froh. Die Frauen und Mädchen liegen ihr besonders am Herzen. In der männerdominierten Kultur der Maasai haben sie es sehr schwer. „Sie sind der Besitz des Mannes, dürfen in der Öffentlichkeit nichts sagen“, so Schiestl, die erklärt: „Die Maasai haben für Kind und Frau nur ein Wort. Erst wenn eine Frau eine Gogo ist, also im Alter einer Großmutter, wird ihr Respekt entgegengebracht.“  

Die Zillertaler Ärztin hat 2009 begonnen mit Bildung Schritt für Schritt Veränderung in den Alltag der Frauen zu bringen. In ihren Kursen geht es um Frauen- und Kinderrechte, häusliche Gewalt, Aids, Hygiene, Konfliktbewältigung, Zwangsverheiratung und Genitalverstümmelung. Mehr als 1.000 Frauen hat Schiestl schon erreicht. „Als wir begonnen haben, wurde noch jedes Mädchen beschnitten. Heute sind es noch 50 Prozent.“ Früher haben nur an die 18 Prozent eine Schule von innen gesehen und gelernt, mittlerweile sind es die Hälfte der Mädchen.

Die Frauen gehen in den Seminaren teilweise durch schwierige Themen wie den Verlust ihrer Kinder. „In ihrer Kultur gilt es als Schwäche zu weinen. Bei uns dürfen sie ihr Schicksal erzählen. Wir weinen und lachen gemeinsam.“ Nach einer Woche verlassen die Frauen dann strahlend und mit neuem Selbstbewusstsein den Kurs. 

Anfangs seien die Männer skeptisch gewesen. „Ich habe ihnen gesagt, ich will keine Familien auseinanderbringen, aber die Frauen sind ein wichtiger Teil der Gesellschaft.“ Jetzt sehen die Männer die Frauen in einem anderen Licht, weil sie erstmals am wirtschaftlichen Leben teilnehmen. Frauen bearbeiten ein Stück Land oder starten eine Hühnerzucht. In Entasekera hat es das vorher nicht gegeben. 

Romero-Preis an Maria Schiestl

Vor einer Woche ist Maria Schiestl in Innsbruck mit dem „Oscar-Romero-Preis 2016“ der Katholischen Männerbewegung ausgezeichnet worden. Für die 64-Jährige ist das ein Ansporn zum Weitermachen. Dabei setze sie auf ihr bewährtes Motto: „Wo eine Tür zugeht, öffnet sich anderswo ein Fenster. Damit und mit Gottvertrauen bin ich aufgewachsen. Das wird mich auch in Zukunft begleiten.“ 

Fotos (Gerhard Berger): „Bildest du eine Frau, veränderst du die Gesellschaft.“ Dass dieser Satz der Realität entspricht, kann die Ärztin Maria Schiestl aus Erfahrung bezeugen. Die Maasai-Frauen in Entasekera danken es ihr: „Wir waren in der Dunkelheit, jetzt können wir für uns selbst sprechen – Danke Daktari Maria.“ 

 

Aus dem Hirtenbrief zum Advent von Erzbischof Franz Lackner

Liebe Brüder und Schwestern!

Der Advent lenkt unseren Blick auch auf Maria, die Mutter Jesu. Sie ist uns gleichsam an die Seite gestellt, als Beispiel, damit in unseren Herzen Gott ankommen, Weihnachten werden kann. 

Was zeichnet diese Frau aus Nazareth aus? Es ist nicht leicht, angemessene Worte zu finden, die ihrem Geheimnis halbwegs angemessen sind. Als eine, die bei Gott Gnade gefunden hat, schimmert in ihrem Leben für uns Christen Wesentliches durch: Maria ist zunächst ganz Empfangende: „Mir geschehe, wie du es gesagt hast!“ (Lk 1,38). Das, was Gott mit ihr vorhatte, war gänzlich jenseits ihrer Vorstellungskraft; aber Maria lässt sich auf Gott ein. „Ich bin die Magd des Herrn.“ Sie hat Gott in ihrem Leben eine Chance gegeben, dass ER sein Heilswerk für die Menschen vollbringen konnte. Von Maria her dürfen wir uns schon fragen lassen: Liegt hier nicht ein großer Unterschied zu uns heute? Wir wissen und können sehr viel selber! Ist da noch Platz für Gott? Haben wir überhaupt Sehnsucht nach letzter Erfüllung?

Ein zweites Merkmal, das ich in dieser großartigen Glaubensgestalt entdecke: das Loslassen! „Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meinem Vater gehört?“ (Lk 2,49). Schon beim 12-jährigen Jesus, der von seinen Eltern „voll Angst“ gesucht wurde, ist zu merken: Er ist nicht nur der Sohn Mariens und Josefs, sondern einem Höheren zuerst verpflichtet. Er ist für Gott und die Menschen da! Maria lässt los.

Diese beiden Haltungen Ma-riens mögen auch unseren Glauben auszeichnen: Empfangen, sich berühren und von Gott be-stimmen lassen; und loslassen, nichts und vor allem niemanden als unseren Besitz betrachten. Besonders das Gebet ist dabei eine Schule der Einübung: Gebet macht durchsichtig, demütig und empfänglich; im Beten lassen wir los, besonders wenn wir beten: „Vater unser, dein Wille geschehe …“ 

Mit der SEI SO FREI-Adventsammlung wird uns heuer ein ganz besonderes Projekt ans Herz gelegt: Im Süden Kenias, in den abgelegenen Hügeln der Maasai hat die Missions-Ärztin Dr. Maria Schiestl ein Gesundheits- und Bildungszentrum aufgebaut. Gebürtig aus unserer Erzdiözese, im schönen Zillertal, hat sie schon als Kind den Wunsch verspürt, in Afrika als Ärztin zu arbeiten. Nachdem sie zuerst als Lehrerin in Kenia tätig war und dort die schlechte Gesundheitsversorgung im Maasailand sah, fasste sie den Entschluss, Medizin zu studieren. Auch sie sagte damit „ja“ und folgte ihrer Berufung. Seither ist sie bei den rund 25.000 Loita Maasai als Ärztin tätig. Für die Menschen vor Ort wurde sie so zu einem „Stern der Hoffnung“, wie es auch auf dem Plakat zur Adventsammlung heißt. Ich bitte Sie, diese beeindruckende Arbeit mit Ihrer Spende im Rahmen der Adventsammlung großherzig zu unterstützen. 

Ihnen allen wünsche ich einen gesegneten Advent. 

Erzbischof Franz Lackner