Wachsender Antisemitismus

Die jüdische Bevölkerung in Deutschland nimmt laut dem Unabhängigen Expertenkreis Antisemitismus wachsende antisemitische Tendenzen wahr und fürchtet eine Zunahme in den kommenden Jahren.

Berlin. Doch unterscheide sich die Wahrnehmung stark von der Mehrheitsbevölkerung, die Antisemitismus nicht als akut relevantes Problem sehe, erklärte der Expertenkreis bei der Vorstellung seines Berichts in Berlin. Oft meldeten die Betroffenen Vorfälle nicht.


Der nach rund zwei Jahren Arbeitszeit vorgestellte Bericht beschreibt auf etwa 300 Seiten Formen von Antisemitismus unter Deutschen und Migranten. Zudem wurden rund 550 Juden zu ihren Erfahrungen mit Antisemitismus befragt. Analysiert werden auch Präventionsprogramme auf Bundes- und Landesebene. Repräsentativen Umfragen zufolge nehmen „klassisch-antisemitische“ Haltungen seit Jahren ab und wurden im vergangenen Jahr von rund fünf Prozent der Bevölkerung vertreten. Damit sind Stereotype gemeint wie jenes, dass Juden zu viel Einfluss hätten. Auch der „sekundäre Antisemitismus“ – etwa Vorbehalte gegenüber der Aufarbeitung des Holocaust – sinkt laut Bericht und wird von 26 Prozent vertreten.


Ausgeprägt ist indes israel-bezogener Antisemitismus. Dieser wurde dem Bericht zufolge zuletzt von 40 Prozent der Befragten vertreten. Hier komme es auf den Kontext an, bekräftigten die Experten. Wenn jedoch Kritik an der israelischen Regierung auf das Land bezogen werde, sei die Grenze überschritten, sagte der Direktor der Stiftung „Topographie des Terrors“, Andreas Nachama, der auch Kommissionsmitglied ist.


Besonders schwierig sei die Untersuchung zu so genanntem muslimischen Antisemitismus. Zwar gebe es bislang wenige Untersuchungen, so die Experten, aber die vorliegenden Studien zeigten, dass entscheidender als die Religion die Sozialisierung sei. Der Unabhängige Expertenkreis beklagte ein fehlendes Gesamtkonzept zur Bekämpfung von Antisemitismus in Deutschland. Es gebe ein Nebeneinander vielfältiger Projekte gegen Rassismus und Extremismus auf Bundes- und Landesebene. Abhilfe schaffen könnten ein Antisemitismus-Beauftragter und eine Bund-Länder-Kommission. kap

 

Bildtext: Oft erleben Juden in Deutschland eine subtile Form von Antisemitismus im Alltag – verstärkt im Internet, so der Expertenkreis. Ausgeprägt ist der israel-bezogene Antisemitismus, im Bild die Klagemauer. Foto: I.Friedrich/pixelio.de