Wandel im Denken

Die Briten haben sich mehrheitlich für den Austritt aus der EU entschieden. Vor einer „Schockstarre“ warnt Europabischof Ägidius Zsifkovics. Das „Brexit“-Votum sei bedauerlich, müsse aber zugleich als ein „Weckruf für einen neuen europäischen Humanismus“ betrachtet werden, zu dessen Verwirklichung alle aufgerufen seien.  

„Der europäische Traum wäre nur dann ausgeträumt, wenn der Einsatz für Menschenrechte an letzter Stelle einer europäischen Vision stünde“, erklärt der Eisenstädter Bischof, der Österreichs Kirche in der Brüsseler Kommission der EU-Bischofskonferenzen vertritt. Zsifkovics sieht den „zu respektierenden“ Mehrheitsentscheid der Briten als „bedauerlichen Rückschritt für das Zusammenwachsen Europas, für die Vertiefung und Stärkung der europäischen Identität und des Projekts einer europäischen Solidargemeinschaft“. Er warnt vor dem Erstarken von „Schrebergärten-Mentalitäten und Gruppenegoismen“: Transnationale Probleme und Herausforderungen ließen sich kaum national lösen, denn „europäische Probleme können nur europäisch angegangen werden“.

Aufgrund seiner Vertrauens- und Orientierungskrise müsse das Friedensprojekt EU erneut Antworten auf Probleme der Gegenwart finden. Zu diesen zählt der Bischof die Flüchtlings- und Migrationskrise sowie die Suche nach einer gerechten, am Menschen orientierten nachhaltigen Gesellschafts- und Wirtschaftsform. Europa brauche wieder die Fähigkeit zu Integration, Dialog, Kulturbegegnung und sollte zum Hervorbringen und Umsetzen von Visionen befähigt werden; der Traum dazu sei mit dem Ausgang des britischen Referendums „nicht ausgeträumt“, dürfe nicht „von selbstherrlichen Totengräbern“ beerdigt werden.

EU braucht radikale Umkehr

Das britische Votum für den EU-Austritt könnte dazu beitragen, dass die EU zu einer „radikalen Umkehr“ findet und einen Neustart wagt: Zu dieser Einschätzung kommt der in London wirkende Jesuit Robert Deinhammer. Europas Institutionen bräuchten dringend eine tiefgreifende Reform und einen Wandel im Denken, der aber bislang unerreichbar weit entfernt schien. Wenn nun durch den „Brexit“ europaweit EU-Skeptiker Aufwind bekommen und Dominoeffekte drohten, könne sich dieser Prozess beschleunigen.

Das Vereinigte Königreich sei nun gespalten und „sehr schwer zu einen“, wie das regionale und demographisch stark unterschiedliche Stimmverhalten gezeigt habe. Neue Spannungen etwa mit Schottland seien realistisch, so die Einschätzung des österreichischen Religionsphilosophen und Juristen. Die Kirchen hatten sich im Vorfeld mit eindeutigen Wahlempfehlungen weitgehend zurückgehalten, was Deinhammer positiv bewertete: „Viele Bürger kamen sich manipuliert vor und es herrschte weitgehend der Eindruck, man glaube den Politikern nicht mehr. Hätte man sich in dieser Situation ebenfalls mit Appellen eingeschaltet, wäre dies kontraproduktiv gewesen“, unterstreicht der Jesuit. 

Dennoch habe es auf Kirchenseite auch Versäumnisse gegeben. Deinhammer: „Die gesamte Kampagne für und gegen den Brexit war von ökonomischen Eigeninteressen bestimmt. Die Kirchen hätten zu einer inhaltlichen Diskussion beitragen können, bei der auch die politische und religiöse Dimension der EU behandelt wird.“ Schließlich seien dem Philosophen zufolge die EU-Gründungsväter vor allem christlich motiviert gewesen. Im Zuge der Säkularisierung und des EU-Fokus auf neoliberal orientierte Ökonomie seien aber jegliche religiöse und zunehmend auch die politisch-geistige Komponente der Gemeinschaft verloren gegangen.

kap