Wenn es im Alter kaum zum Leben reicht

Altersarmut. 1,5 Millionen Menschen in Österreich und 82.000 in Salzburg sind armuts- und ausgrenzungsgefährdet. Die Hälfte davon gehört zu den Älteren, ist also über 50 Jahre alt. Auf sie lenkt die Caritas Salzburg den Blick mit ihrer aktuellen Inlandskampagne. 

Salzburg. Für Außenstehende und sogar die eigene Familie  ist er oft unsichtbar: Der „Kampf“  ums Nötigste, dem immer mehr ältere Menschen täglich ausgeliefert sind. „Sie müssen ihre Arbeitslosigkeit, Sparsamkeit und ihren sozialen Rückzug rechtfertigen und wissen dabei häufig in jeder Monatsmitte kaum, wie sie am nächsten Tag über die Runden kommen sollen“, berichtet der Salzburger Caritas-Direktor Johannes Dines. „Mich braucht eh keiner mehr.“ Das sei das schlimmste Gefühl, das es aufzufangen gelte. „Gemeinsam sind wir als Gesellschaft und Caritas gefordert, den Menschen unter die Arme zu greifen und ihnen Mut zu machen.“   

Um den sichtbaren Trend zu „Arm im Alter“  aufzuhalten,fordert Dines anstatt einer erneuten Symptonbekämpfung ein ganzes Bündel an präventiven Maßnahmen in den Bereichen Bildung, Familie und Arbeitsmarkt. „Was wir heute versäumen, baden die alten Menschen aus.“ Konkret nennt der Caritas-Direktor Erleichterungen für den beruflichen Wiedereinstieg durch optimierte Kinderbetreuung, um der Altersarmut vor allem bei Frauen vorzubeugen. Zudem müsse die unbezahlte Arbeit besser verteilt werden, so Dines, der erinnert: „Tausende arbeitslose Menschen über 50 müssen sich bis zur Pension mittels staatlicher Hilfen durchkämpfen. Ändert sich nichts, wird Altersarmut für eine noch größere Zahl von Betroffenen Realität.“ Notwendig sei unter anderem eine Ausweitung des AMS-Projekts gegen Langzeitarbeitslosigkeit und ein Umdenken in den Betrieben. Diese sollten vermehrt auf die Kompetenzen älterer Personen zurückgreifen. 

„Welttag der Armen“ am 19. November

Die Caritas der Erzdiözese Salzburg startete am Dienstag ihre neue Inlandskampagne – diesem Rupertusblatt liegt ein Zahlschein bei – in der die Hilfsorganisation zu Spenden aufruft. Verschiedenste Aktionen sind vor allem rund um den 19. November geplant. Dieses Datum hat Papst Franziskus als „Welttag der Armen“ ausgerufen. Unter dem Motto „Über den Tellerrand“ werden in zahlreichen Pfarren haltbare Lebensmittel und Hygieneartikel für Menschen in Not gesammelt. Freiwillige können auch Zeit spenden und bei „Wir.lesen.vor“ älteren Menschen Freude bereiten. Mehr zu den Angeboten und Terminen auf www.caritas-salzburg.at 

Foto (wildbild/caritas): Menschen, die von Armut betroffen sind, leben in extremer Sparsamkeit.  Sie ernähren sich oft nicht gesund,  können sich keine finanziellen Reserven schaffen und sind im „psycho-sozialen Dauerstress“ durch die hohen Wohn- oder Energiekosten.

Interview 

mit Dr. Edda Böhm-Ingram – sie ist Bereichsleiterin der Caritas für Soziale Arbeit

„Aus Scham nicht zur Beratungsstelle“

RB: Die Sozialberatung und die Caritas-Zentren in den Regionen sind An-laufstellen für Menschen in Not. Wie viele Ältere kommen zur Caritas?

Böhm-Ingram: Wir haben im Vorjahr insgesamt 5.000 KlientInnen  betreut. Der Anteil der Älteren ist beträchtlich. Mehr als ein Drittel alleine in der Sozialberatung waren Menschen über 50. Meist haben sie nur wenig Erspartes. Da kann eine hohe Stromrechnung schnell zum Problem werden. Bei einer Befragung hat die Mehrheit angegeben, dass sie am Ende des Monats nicht einmal 15 Euro zur Seite legen kann. Was das für unvorhergesehene Ausgaben heißt, ist leicht auszurechnen.

RB: Was bedeutet es, arm zu sein?

Böhm-Ingram: Ein Drittel der Menschen, die Beratungsstellen aufsuchen, haben nach Abzug der Fixkosten pro Tag 8,50 Euro. Das muss für Essen, Kleidung und alles andere reichen. Ein Kinobesuch oder Einladungen sind da kaum noch drinnen. Zu uns kommen die Menschen oft, wenn es schon brennt, das heißt, wenn zum Beispiel die Stromabschaltung droht. Das hat viel mit der Scham der Leute zu tun. Sie hoffen bis zuletzt, es doch alleine und aus eigener Kraft zu schaffen.    

RB: Wie hilft die Caritas konkret?

Böhm-Ingram: Wir helfen mit finanziellen Notüberbrückungen. Die ist stets an eine Beratung gekoppelt, da die Menschen ja dauerhaft aus ihrer Situation herauskommen sollen. Immer gelingt das nicht. Wir unterstützen auch mit Lebensmittel- oder Kleidergutscheinen. Ein anderer Schwerpunkt ist Beschäftigung. Arbeitslose Menschen 45+ werden in zwei Projekten der Caritas wieder in den Arbeitsmarkt integriert: in den Carla-Secondhand- Shops bei der „Neuen Arbeit“.

Caritas, Altersarmut, (c) wildbild