Wertvolle Unterstützung

Experten aus Erfahrung. An Erschöpfungsdepression oder Angststörungen erkranken seit einigen Jahren immer mehr Menschen. Im Peer Center in der Stadt Salzburg helfen ihnen Betroffene. Die Experten aus Erfahrung hören zu und geben ihre Erlebnisse weiter. 

Salzburg. „Vermutlich liegt es an der veränderten Umgebung, dass diese Formen psychischer Erkrankung seit einigen Jahren  zunehmen“, spricht Bernhard Hittenberger, Ärztlicher Leiter des psychosozialen Dienstes des Landes Salzburg, Zeitdruck in Freizeit und Arbeitswelt an. Aus eigener Erfahrung weiß Sr. Michaela Lerchner HSF, was erkrankten Menschen helfen kann. „2006 bekam ich eine schwere Depression. Neun Wochen stationärer Aufenthalt in der Psychiatrie haben nichts am Krankheitsverlauf verändert. Ich kam an meine psychischen und physischen Grenzen“, erzählt sie offen. Ihre drängendsten Fragen in dieser Zeit: Wann ändert sich dieser nicht auszuhaltende bedrohliche Zustand? Ist eine Besserung überhaupt zu erwarten? Kann ich jemals wieder ein selbstbestimmtes, selbstorganisiertes Leben führen? Geht es nur mir so schlecht? 

Sr. Michaela erfuhr 2015, als sie genesen war, vom Peer Center und arbeitet seitdem mit. „Ich hätte mir damals gewünscht, dass mir jemand sagt: Ich habe auch einmal so eine schlimme Zeit erlebt. Wenn du möchtest, begleite ich dich“, beschreibt sie. Für Angehörige sei es schwierig, zuzuhören. „Oft können sie mit der Situation schlecht umgehen, fühlen sich hilflos und wissen nicht, was sie tun können.“ Sr. Michaela hat die Ausbildung zur Genesungsbegleiterin absolviert – der Beruf ist in Deutschland anerkannt und bezahlt, in Österreich noch weitgehend unbekannt und auf ehrenamtlicher Basis. „Ich gebe im Peer Center meine Erfahrung aus meinem Genesungsprozess weiter“, sagt sie. Mit den Experten aus Erfahrung haben Erkrankte im Gegensatz zu Ärzten oder Psychologen sofort eine Vertrauensbasis und das Gefühl verstanden zu werden. „Ich gebe keine Ratschläge“, meint sie. „Ich höre zu und versuche, neue gehbare Wege aufzuzeigen.“ 

Gemeinsam malen und reden

Das Peer Center hat verschiedene Angebote, um ins Gespräch zu kommen. Intensiv wird es zum Beispiel beim Malen. „Das entspannt und beruhigt. Zuerst schaut es vielleicht danach aus, dass das Bild nicht gut wird, es ist dann aber doch schön. Das sind Erfahrungen, die man auch aufs Leben übertragen kann.“ Kommen darf jeder und so lange bleiben, bis es ihm oder ihr besser geht. „Zum Krankheitsbild gehört Rückzug. Die Erkrankten brauchen eine geregelte Tagesstruktur und die Angebote im Peer Center wirken der massiven Vereinsamung entgegen.“

Dass das Angebot gebraucht und genutzt wird, zeigen die Zahlen: 2017 gab es 120 Einzelgespräche und 140 Gruppentreffen, an denen 750 Menschen teilnahmen. „Unsere Zeit ist so schnelllebig. Man ist zu gestresst, um sich zu treffen und gemütlich zu reden. Als ich jung war, gingen wir zu Fuß eine Stunde zur Sonntagsmesse und eineinhalb Stunden wieder nach Hause. Am Heimweg war Zeit für Gespräche: Was beschäftigt mich gerade? Das war eine Art Psychotherapie. Heute kennt man seine Nachbarn oft nicht mehr und bleibt mit seiner Not alleine.“

Foto: Sr. Michaela gibt ihre Erfahrungen im Peer Center weiter. In ihrem Krankheitsverlauf hätte sie sich jemanden gewünscht, „der das Nicht-Aushaltbare mit mir aushält und mir sagt, dass sich die Zeit ändert und wieder besser wird“. Malen entspannt und beruhigt. Was macht das Malen mit mir, welche Farben verwende ich? Fotos: jup

 

Tag der offenen Tür im Peer Center: Fr., 19. Oktober, 13.00 – 17.00 Uhr  und Sa., 20. Oktober, 10.00 – 16.00 Uhr

 
∗ Gesprächsgruppe Wahrnehmung: jeden Montag, 15.00 – 16.30 Uhr

∗ Gesprächsgruppe mit Frühstück: jeden Mittwoch und jeden Freitag, 9.00 – 10.30 Uhr

∗ Gesprächsgruppe mit Malen: jeden Donnerstag, 15.00 – 18.00 Uhr

∗ Einzelgespräch nach tel. Vereinbarung

 
∗ Mitarbeiter sind herzlich willkommen! Er/Sie muss an mindestens sechs Gesprächsgruppen teilgenommen haben; Psychiatrie-erfahren sein; Erfahrung mit Psychopharmaka und Psychotherapie haben; psychisch stabil und teamfähig sein.

 
∗ Psychiatrie-Trialoge Stadt Salzburg: Mo., 26. November, 19.00 – 21.00 Uhr, Schloss Mirabell, Pegasus-Raum: Phänomen Stimmenhören aus Sicht von Betroffenen, Angehörigen und Professionellen

 

Peer Center – Psychosoziale-Betroffenen-Initiative: Lessingstr. 6, 5020 Salzburg, Tel. 0660/6327410, buero@peercentersalzburg.at, www.peercenter.at