„Wie wunderbar ist es zu leben“

Zukunft.  „Dort wo ich aufgewachsen bin, hat die Guerilla das Sagen. Ich war eine von ihnen“, erzählt Maria. Jahrzehntelang zog der Bürgerkrieg eine Spur von Schmerz, Trauer und Wut durch Kolumbien. Mittendrin: Tausende Kinder unter Waffen. „Ein Neuanfang nach Flucht oder Verhaftung ist schwierig. “ SEI SO FREI-Projektpartner und Romero-Preisträger Padre Gabriel Mejía kümmert sich um ihre Resozialisierung.

Salzburg/Medellín. „Wir waren oft nur zwei Tage an einem Ort. Der Rucksack wog 37 Kilo, das war sehr mühsam. Wir mussten immer wachsam sein, selbst in der Nacht“, berichtet der heute 17-jährige Juan aus seiner Zeit bei der Guerilla. „Die Hälfte in meiner Einheit waren Kinder. Einer war erst neun.“ Bei einem der Kämpfe habe er einen guten Freund verloren. „Ich denke noch oft an ihn.“ Die Frage, ob er auch zur Waffe gegriffen hat, bejaht er: „Wir mussten uns verteidigen. Die Regierung will nicht, dass Koka angepflanzt wird, aber das ist die einzige Einnahmequelle für die arme Bevölkerung.“ Juan bricht ab und nach einer längeren Pause sagt er: „Die Guerillas waschen dein Gehirn und pflanzen dir das Töten ein. Heute denke ich anders.“ 

Maria ist erst dreizehn, als sie sich der Guerilla anschließt. Ihr Lebensweg steht für viele Kinder und Jugendliche „unter Waffen“: Marias Eltern bewirtschaften mit den vier Kindern eine kleine Landwirtschaft. Im Chocó, dem ärmsten Teil des Landes ist das keine leichte Aufgabe. 90 Prozent der Bevölkerung sind Afrokolumbianer, Nachfahren der aus Afrika entführten Sklaven. Der Staat vernachlässigt die Region systematisch. Die Schule läuft mehr schlecht als recht. Bei Regen ist sie fast unerreichbar. Von klein auf hilft Maria auf dem Feld mit. Das Einkommen reicht trotz harter Arbeit oft nicht aus. Perspektivlosigkeit, Frust und Zorn treiben das Mädchen in die Arme der Männer und Frauen in den Gummistiefeln, die immer wieder in ihrem Dorf auftauchen. Maria sah wie Freunde im Kampf gegen die Paramilitärs starben. Andere wurden von der eigenen Guerilla gefoltert und so für Vergehen bestraft. Maria selbst wurde mehrmals als Spionin eingesetzt. Bei einem solchen „Einsatz“ nutzte sie die Gelegenheit und flüchtete.

Therapie, Schule und Liebe

In einem der Claret-Heime von Padre Gabriel begann für Juan und Maria ein neues Leben. Sie hörten von ihm Sätze wie: „Den Frieden kann man nicht mit Waffen erkämpfen. Friede ist eine Einstellung des Herzens. Wer die Liebe in sein Herz lässt, den wird sie verändern. Die Liebe ist das größte Heilmittel. Sie kuriert alle Wunden und lehrt zu verzeihen.“ P. Gabriel und sein Team eröffnen den jungen Menschen einen neuen Weg. Ihre dramatischen Erfahrungen werden therapeutisch aufgearbeitet. Neben der Schule prägen in allen Claret-Häusern Meditation, Tanzen, Thai Chi und Pfadfinderaktivitäten die Tage. „Wir müssen den Kindersoldaten ein neues, anderes Leben aufzeigen. Eine vernünftige Ausbildung und der Glaube helfen dabei. Wir versuchen, in ihnen die Kinder zu sehen, die sie einmal waren und nicht die brutalen Kämpfer “, betont P.  Gabriel Mejía. Sein System der Resozialisierung funktioniert. Natürlich nicht immer. Es gibt Jugendliche, die laufen davon. Juan will seine zweite Chance nützen. „Hier bei Hogares Claret leben wir in einer Familie. Ich habe gemerkt, wie wichtig es ist, eine Familie zu haben.“

In ein friedliches Leben begleiten

Diana hat ein Lied geschrieben. In „Ma voluntad“ (Mein Wille) verarbeitet sie die Erfahrungen bei der größten Rebellengruppe Kolumbiens, der FARC. Als Dreizehnjährige wurde sie rekrutiert und als Drogenkurie-rin eingesetzt. Ihr Wunsch ist es, die letzten Jahre hinter sich zu lassen. Sie möchte gerne als Krankenschwester arbeiten. Bei Hogares Claret hat sie die ersten Schritte in eine friedliche Zukunft getan. Sie singt: „Ich spüre: Das ist ein Ort mit viel Liebe. Dieser Ort zeigt mir das Schöne: Wie wunderbar ist es zu leben!“

Hogares Claret, die von P. Gabriel gegründete Organisation, betreut in Medellín und weiteren Städten Kolumbiens tausende Straßenkinder, Kindersoldaten und minderjährige Gefangene.  

 

SEI SO FREI ist die entwicklungspolitische Aktion der Katholischen Männerbewegung und langjähriger Partner von P. Gabriel Mejía. 

∗ Der aktuellen Printausgabe des Rupertusblatts liegt ein Zahlschein von SEI SO FREI  Salzburg bei. Mit einer Spende  können Sie den Claretiner-Pater unterstützen, der in Kolumbien Kindersoldaten  in ein neues Leben begleitet.

∗ Spenden an SEI SO FREI sind steuerlich absetzbar! 

∗ Weitere Infos unter www.seisofrei.at

Fotos (SEI SO FREI/ibu): Die Jugendlichen teilen eine gemeinsame Erfahrung: Sie haben im kolumbianischen Bürgerkrieg gekämpft. Zum Teil in verfeindeten Gruppen. P. Gabriel Mejías wichtigste Botschaft: „Wenn du dich selbst liebst, passt die ganze Welt in dein Herz.“

Thai Chi und Meditation helfen den Kindern und Jugendlichen zur Ruhe zu kommen.