„Wir schauen hin und helfen“

Wie notwendig die Caritas als Nothelferin und Anwältin für Menschen am Rande ist, berichtet Caritas-Direktor Johannes Dines

Die Herausforderungen  sind heute andere als im Gründungsjahr 1919. Not gibt es heute aber immer noch. Das sagt Johannes Dines, Direktor der Caritas in der Erzdiözese Salzburg. Im Rupertusblatt-Interview benennt er die Brennpunkte der Zukunft und warum die Caritas nicht nur Nothelferin ist, sondern auch Anwältin für Menschen, die leicht übersehen werden.

RB: Ist Armut heute  und vor 100 Jahren vergleichbar?

Johannes Dines: Nach dem Ersten Weltkrieg war alles zerstört. Es gab keine Arbeit, kein Einkommen, keine gute medizinische Versorgung. Die Bevölkerung hungerte. 100 Jahre später ist Österreich eines der reichsten Länder der Welt. Wir haben ein ausgebautes Sozialsystem. Dennoch gibt es Armut. Ja, sie schaut anders aus als damals, eines ist aber gleich geblieben: Immer sind konkrete Menschen betroffen, also Kinder, Frauen und Männer. Sie sind in einer Situation, in der sie ihr Leben ohne Hilfe nicht mehr bewältigen können. 

RB: Wo sehen Sie aktuell die größte Not?

Dines: Das zentrale Thema der Gegenwart und Zukunft ist die Pflege. Die Probleme sind bekannt: Die steigende Zahl der Pflegebedürftigen auf der einen und den Fachkräftemangel auf der anderen Seite. Wir müssen uns fragen: Wie gelingt es, Menschen pflegerisch bestmöglich zu versorgen und ihnen ein Leben in Würde zu sichern. Ich bin da ganz bei Cicely Saunders (Anm.: Begründerin der Hospizbewegung), die sagte: „Es geht nicht darum, dem Leben mehr Tage zu geben, sondern den Tagen mehr Leben.“ Das heißt, es gilt auch die Einsamkeit und Altersarmut zu bekämpfen. Als Caritas sind wir in der Pflege als professionelle Anbieterin präsent und mit unseren ehrenamtlichen Besuchsdiensten. 

Ein anderes Thema ist die Zunahme von psychischen und psychiatrischen Erkrankungen. Wir wissen von momentan fünf Personen in der Salzburger Christian-Doppler-Klinik, die dringend einen Platz in einer Einrichtung bräuchten, damit sie nach ihrer Entlassung nicht auf der Straße stehen. Doch unsere Kapazitäten sind ausgeschöpft. 

RB: Die Schere zwischen Arm und Reich geht weltweit weiter auf – auch in Österreich?

Dines: Trotz aller sozialer Errungenschaften gibt es diese Kluft. Nach der EU-SILC-Studie reden wir davon, dass rund 1,5 Millionen Menschen in Österreich armuts- oder ausgrenzungsgefährdet sind – vor allem Mehrkindfamilien, Frauen im Alter, Alleinerzieherinnen und Langzeitarbeitslose. Der Caritas-Standpunkt ist klar: Wir wollen keine Gesellschaft, die von einer Geburtslotterie ausgeht. Egal wie die Ursprungsvoraussetzungen sind, jeder und jede soll die Chance bekommen, sich gut im Leben entwickeln zu können.

In Europa und weltweit gibt es Spannungen und Ungleichheit. Natürlich löst das etwas aus: Nämlich Migration und Wanderbewegungen. Das war bei uns nach dem Zweiten Weltkrieg nicht anders. Österreicher sind nach Amerika oder Kanada ausgewandert, weil sie sich bessere Zukunftschancen für sich und ihre Kinder erhofften. Armut und Migration sind also globale Herausforderungen. Wir müssen uns den Ursachen stellen und für Ausgleich sorgen. Papst Franziskus fordert zurecht ein, den Reichtum in der Welt zu teilen, um Spaltungen vorzubeugen.

RB: Das Thema Migration und Flucht war zuletzt sehr präsent…

Dines: Das bleibt so, da müssen wir nur in den Nahen Osten oder nach Afrika blicken. Dort wo Krieg ist oder Menschen aufgrund des Klimawandels oder anderer Bedrohungen die Exis-tenz entzogen wird, machen sie sich auf den Weg. Das ist eine Frage des Überlebens. Auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise 2015 gab es einerseits große Hilfsbereitschaft, aber auch große Sorge. Unser Ansatz war: Die Menschen sind da, sie brauchen Hilfe. Es sind Leute im Winter angekommen, ohne warme Kleidung. Momentan sind die Zahlen enorm gesunken, wir haben noch zwei Flüchtlingsquartiere und das wird auf eines zurückgehen.  

RB: Von A wie „Ausbildung“ bis Z wie „Hilfe im eigenen Zuhause“ ist die Caritas breit aufgestellt. Gibt es neue Vorhaben? 

Dines: Wir sind in den unterschiedlichsten Bereichen für Menschen da, die Unterstützung brauchen. Da lässt sich der Bogen spannen von der Begleitung wachsender Familien in unserem Projekt Calimero bis zur mobilen palliativen Betreuung von Menschen in der letzten Lebensphase. Wo wir uns zukünftig noch stärker entwickeln wollen, ist die Hilfe für Mutter und Kind. 

Eine andere Aufgabe betrifft die Digitalisierung unserer Gesellschaft. Unsere Arbeitswelt und Kommunikation haben sich durch Smartphones und Social Media verändert. Uns beschäftigt die Frage: Wie können wir unsere Angebote adaptieren, damit wir mehr Menschen erreichen? 

Ein dritter Punkt betrifft das zivilgesellschaftliche Engagement. Wir wollen Menschen, die sich freiwillig einbringen und sich für eine solidarische Gesellschaft stark machen, noch besser fördern.

RB: Als Seismograf für soziale Entwicklungen nimmt die Caritas  und nehmen Sie als Direktor immer wieder klar Stellung. Wie politisch ist die Caritas? 

Dines: Es geht nicht um Parteipolitik, sondern um gesellschaftspolitische Themen. Unser Motto ist: Wir schauen hin, bringen uns ein, wenn es notwendig ist und stellen Forderungen. Dabei versteht sich die Caritas als Anwältin der Menschen, die in Not sind und die keine Lobby haben. Wir erheben dann das Wort, wenn Benachteiligung droht wie beim neuen Sozialhilfe-Grundsatzgesetz. Das hätte ursprünglich kinderreiche Familien stark benachteiligt. Wir haben deutlich gemacht: Jedes Kind muss gleich viel wert sein. 

Selbst wenn es da und dort zunächst nicht angenehm ist, höre ich in Gesprächen mit Politikern immer wieder: Es ist schon wichtig, dass es euch gibt und dass ihr uns aufmerksam macht, worauf wir achten müssen. Wir sind dabei stark mit den anderen Hilfsorganisationen vernetzt, tauschen uns fachlich aus und arbeiten in verschiedenen Projekten zusammen. Unser aller Anspruch ist es, an einer Gesellschaft mitzubauen, in der die Rechte aller Menschen geachtet werden und in der das „Wir“ größer ist als das „Ich“. In Österreich haben wir ja ein gutes soziales Netz, der Zusammenhalt ist da und die Unterschiede gehen nicht zu weit auseinander. Das soll so bleiben. Darauf passen wir auf. Niemand darf unter die Räder kommen, niemand abgehängt werden. Wir müssen das Bewusstsein schärfen wie sich etwa Kinderarmut auswirkt: auf die Schulleistungen, die Gesundheit und die späteren Möglichkeiten, das Leben eigenständig zu meistern. Diese Folgekosten müssen wir mit in Betracht ziehen – neben der menschlichen Komponente.  

RB: Bald sind wieder tausende Menschen für die Haussammlung im Einsatz. Was bedeutet das?

Dines: Die Haussammlung ist ja eine gemeinsame Aufgabe zwischen Caritas und den Pfarren der Erzdiözese. Deshalb ein großes Danke an diese Adresse. Insgesamt bleiben 40 Prozent der Spenden in der Pfarre für soziale Hilfsleistungen. 60 Prozent gehen an die Caritas und werden für Hilfe direkt in der Region verwendet: in den Caritaszentren, der Nothilfe oder in der sozialen Beratung vor Ort. Oft tun sich Caritas und Pfarre zusammen, um nach Naturkatastrophen zu helfen oder wenn eine Familie in eine schwierige Situation geraten ist. 

Ich bin dankbar, dass es tausende Freiwillige gibt, die von Tür zu Tür gehen. Ich möchte noch einmal betonen, sie tun das für Bedürftige, die aus ihrer Nachbarschaft oder Region kommen.

RB: Aber auch anderswo engagieren sich Freiwillige. Wäre die Arbeit ohne sie vorstellbar?  

Dines: Wir versuchen dort zu sein, wo wir merken, da sind Hilfe und Unterstützung dringend notwendig. Dafür müssen wir uns gut aufstellen. Die Caritas hat rund 700 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Dazu kommen 3.500 Haussammlerinnen und Haussammler sowie an die 700 weitere Freiwillige, die regelmäßig mitarbeiten. Fest steht: Vieles wäre ohne sie nicht möglich. Wichtig ist mir noch etwas anderes: Dieses Engagement ist das Zeichen einer funktionierenden solidarischen Gesellschaft. Für mich sind die Freiwilligen Prophetinnen und Propheten für eine bessere Welt. Sie reden anders über Menschen in Not und geben ihre Erfahrungen weiter. Dort wo Leute miteinander ins Gespräch und in Kontakt kommen, da ändern sich Einstellungen und verschwinden Ängste. 

RB: Sie sind seit 2012 Caritas-Direktor. Was sind die wichtigsten Projekte dieser Jahre? 

Dines: Da könnte ich einiges aufzählen wie zum Beispiel die sechs Lerncafés, in denen 120 Kinder Nachhilfe erhalten. In den Einrichtungen haben wir manchmal 10 bis 14 verschiedene Nationen. Die Lerncafés sind also zusätzlich ein Friedens- und Integrationsprogramm. Freude habe ich auch mit dem Beschäftigungsprojekt 50+, das sich in den den Carlas (Anm.: Caritasläden) etabliert hat. Die Arbeitslosigkeit geht zwar zurück, aber an Rändern bleibt sie hartnäckig und Ältere tun sich schwer, Jobs zu finden. Ein Höhepunkt war, dass wir es geschafft haben eine große Notschlafstelle umzusetzen. Im Haus Franziskus in Salzburg haben Obdachlose ein Dach über dem Kopf. Vor einigen Monaten sperrte mit dem Tageszentrum, dem Haus Elisabeth noch die Ergänzung dazu auf. 

Dankbar bin ich für jede und jeden, der die Caritas mit einem Beitrag stärkt. Sei es durch die Zeitspende als Freiwillige, eine Sach- oder Geldspende.  Das sagt uns: Ihr macht gute Arbeit. Ich möchte mich auch für die  gute Zusammenarbeit bei der Erzdiözese, den öffentlichen Stellen und unseren Kooperations- und Netzwerkpartnern bedanken.  

RB: Die Caritas ist 100, Sie haben vor kurzem Ihren 60. Geburtstag gefeiert. Grund genug, um sich etwas wünschen zu dürfen.

Dines: Wir haben uns als Organisation in den vergangenen Jahrzehnten so entwickelt, dass wir für die Zukunft gut gerüstet sind. Die Caritas braucht aber immer  Menschen, die sich mit ihr für das gleiche Ziel einsetzen: eine Welt, in der Solidarität und Menschlichkeit zählen. 

 

Hintergrund

Ein Jahr nach Ende des Ersten Weltkrieges herrschten in Salzburg Hunger, Arbeitslosigkeit und Wohnungsknappheit. In dieser Zeit gründete Erzbischof Ignaz Rieder den „Salzburger Landesverband ‚Barmherzigkeit‘ – Caritasverband“. 100 Jahre später haben sich zwar die Aufgabenbereiche verändert, die Werte und das Motto der Caritas sind gleich geblieben: Not sehen und handeln. Und zwar unabhängig davon, warum ein Mensch in Not geraten ist, woher er kommt, welche Hautfarbe oder Religion er hat.

Erster Direktor, oder wie es 1919 hieß Obmann, war Franz Fiala. Prälat Georg Kriechbaum wird 1945 Caritasdirektor. Am 1. September 1982 folgt  ihm Prälat Sebastian Manzl als Direktor nach. Hans Kreuzeder löst Manzl an im Jahr 2000 ab.

Johannes Dines ist seit 2012 Direktor der Caritas in der Erzdiözese Salzburg. Er ist 1960  in Seewalchen/Oberösterreich geboren, verheiratet und hat drei erwachsene Kinder. Vor seiner Bestellung an die Spitze der Caritas war er viele Jahre in der Erzdiözese und als Persönlichkeitstrainer sowie Unternehmensberater tätig. Im Mai 2012 wurde Dines im Salzburger Dom zum Diakon geweiht. Der Theologe und Pädagoge wohnt in Hof bei Salzburg.

Foto: Caritas-Direktor Johannes Dines. / Foto: RB/Caritas Salzburg