„Wir sind gemeinsam gewachsen“

Apropos und Michaela Gründler gehören seit 20 Jahren zusammen. 

Michaela Gründler ist die längst dienende Straßenzeitungs-Chefredakteurin in Österreich. Im Interview mit Christina Repolust erzählt sie, wie sich die Salzburger Straßenzeitung in den vergangenen 20 Jahren veränderte und wie sie mit ihrem Team hinter den Kulissen arbeitet.

RB: Seit 20 Jahren arbeiten Sie mit und für Menschen, die ihr Leben unter harten Bedingungen – Obdachlosigkeit, Sucht, psychische Erkrankungen – meistern. Wie gelingt dieses kleine Wunder Monat für Monat?

Gründler: Das mache ich mit meinem Team. Im Unterschied zu anderen Straßenzeitungen, bei denen Redaktion und Vertrieb meist räumlich getrennt sind, sind bei uns Redaktion und Zeitungsausgabe Tür an Tür. Das ist herausfordernd, besonders wenn wir in der Endredaktion sind. Aber um nichts in der Welt möchte ich diese Nähe missen. Ich bekomme immer mit, wie es den Einzelnen so geht.

RB: Ist für Sie der Begriff „Innigkeit“ hier zu hoch gegriffen?

Gründler: Innigkeit ist ein schöner Begriff. Durch Begegnung entsteht Berührung. Nicht nur zwischen den Verkäuferinnen und Verkäufern und uns, sondern auch auf der Straße. Unsere Leute bauen sich ihren Platz auf der Straße auf und schaffen sich somit kleine Beziehungsinseln. Regelmäßig rufen Leserinnen und Leser in der Redaktion an und fragen nach, wo denn „ihr“ Verkäufer oder „ihre“ Verkäuferin geblieben sei, ob es ihm oder ihr wohl gut gehe. Diese Anrufe zeigen, dass beide Seiten eine Beziehungsinsel bilden: Sie sind aufeinander bezogen, viele suchen das Gespräch, das ist mehr als der Tausch von 2,50 Euro gegen eine Ausgabe von Apropos.

RB: Sie bieten Ihren 10.000 Leserinnen und Lesern zwölfmal im Jahr nicht nur interessante Schwerpunkte, sondern Reportagen, Interviews und Geschichten. Wie gelingt das?

Gründler: Nun, Sie lesen ja auch nur die Schwerpunktthemen, die gelungen sind. Nein, im Ernst: Wir halten die Themen be-wusst offen. Dann überlegen wir in der Redaktion, welche aktuellen Projekte uns zum Thema einfallen, welche Menschen wir kennen, die dazu etwas zu sagen haben. Wir sondieren in Richtung Soziales, Kultur und spannende Interviewpartnerinnen und -partner – wenn es fließt, dann wissen wir, dass das Thema „überlebt“. Außerdem lese ich ständig: In der Früh, nach der Arbeit. Ich versuche, innerlich immer weiter zu wachsen, denn wenn man sich selbst besser versteht, versteht man auch andere besser.

RB: Ihr Team hat sich verändert. Konstanz und Veränderung liegen nah beisammen? 

Gründler: Als ich vor 20 Jahren bei Apropos anfing, haben mich nicht wenige gefragt: „Wie lange willst du das machen? Wann fängst du denn bei einer richtigen Zeitung an?“ Im Laufe der Jahre hat sich diese Frage gewandelt, jetzt bekomme ich zu hören. „Wenn du je bei Apropos aufhörst, denk an mich, ich übernehme gern.“ Die Zeitung und ich sind gewachsen, das Team hat sich verändert: Professionalisierung und eine klare Ausrichtung haben die vergangenen 20 Jahre geprägt.  Meine beiden Redakteurinnen bringen vielfältige Ansätze, Schwerpunkte und Gedanken ein, das entlastet mich sehr. Apropos wird als professionell gemachtes Medium wahrgenommen, das zeigen auch die Preise, die wir im Laufe der Jahre gewonnen haben: Das war und ist die Anerkennung für unser aller Arbeit.

RB: Die Texte der Schreibwerkstatt sind ein wesentlicher Teil jeder Ausgabe, hier kommen die Verkäufer und Verkäuferinnen zu Wort.

Gründler: Wir wollen, dass sie in ihrem vollen Potenzial wahrgenommen werden. Dass es die Geschichten gibt, die sie auf der Straße erzählen, die sie aber auch in Ruhe im sicheren Umfeld der Redaktion selbst zu Papier bringen. Die Autorinnen und Autoren der Schreibwerkstatt spüren mehr und mehr ihren Selbstwert, bekommen Rückmeldungen zu ihren Texten. Wir reden nicht über sie, sondern mit ihnen, sie schreiben, was sie bewegt.


RB: Wie führen Sie  den Satz „Ich bin Chefin der Straßenzeitung und ...“ zu Ende?

Gründler: Das ist leicht. Ich bin die Chefin der Straßenzeitung Apropos und dafür zuständig, dass alles funktioniert. Ich trage Verantwortung für das Team und die Verkäuferinnen und Verkäufer. In den Anfangsjahren hat diese Verantwortung bei mir manchmal zu Überforderung geführt. Aber das Leben hat mir Signale geschickt, die mich wieder auf die richtige Spur und in meine eigene Mitte geführt haben. Nur dann, wenn ich gut auf  mich achte, kann ich auch achtsam gegenüber den anderen sein.

 

Zur Person

Seit 20 Jahren  arbeitet die gebürtige Linzerin Michaela Gründler für die Salzburger Straßenzeitung. Unter ihrer Leitung erhielt Apropos zahlreiche namhafte Preise. Sie verwirklichte mit ihrem Team erfolgreiche Projekte: von eigenen Apropos-Büchern bis hin zu den sozialen Apropos-Stadtspaziergängen. Gründler war ehrenamtlich in zahlreichen Vorständen wie etwa bei den Salzburger Medienfrauen, im Landeskulturbeirat sowie im weltweiten Straßenzeitungsnetzwerk tätig. Aktuell ist sie Mitglied in der Medienkommission der Erzdiözese Salzburg.  

 

Foto: Michaela Gründler möchte „eine Zeitung produzieren, die Freude bereitet. Dass gleichzeitig Menschen in Not dabei geholfen wird, sich selbst zu helfen macht Apropos zu meinem Herzensprojekt.“

Foto: RB/Andreas Hauch