„Wissen nicht wohin“

Bulgarien ist Mitglied der EU. Plovdiv wird 2019 Kulturhauptstadt.  „Und hier setzt man die Menschen auf die Straße.“ Schekir Tener Süleyman versteht die Welt nicht mehr. Er wohnt in einer Roma-Siedlung im bulgarischen Plovdiv. Bald sind seine und 45 weitere Familien obdachlos. „Da ihre Häuser ohne Genehmigung errichtet wurden, gibt es kaum eine rechtliche Handhabe gegen die Abrissbescheide“, weiß Josef Mautner von der Salzburger Plattform für Menschenrechte. Er war kürzlich in Südbulgarien und berichtet dem Rupertusblatt.      

Salzburg/Stolipinovo.  In Artikel 31 der Europäischen Sozialcharta ist das Recht auf Wohnung festgeschrieben. Bulgarien hat die Charta ratifiziert. Doch Papier ist geduldig. Das erfahren Schekir Tener Süleyman und der Großteil der Roma tagtäglich. Ihre soziale Situation in Bulgarien ist von Armut und gesellschaftlicher Ausgrenzung geprägt. Ihre einzige Chance, zu Wohnraum zu kommen, ist „illegales“ Bauen auf öffentlichem Grund. 90 Prozent der Häuser in Stolipinovo, einer der größten Romasiedlungen auf dem Balkan, wurden so errichtet. Sie stehen hier zum Teil seit Jahrzehnten. Im Nachhinein eine Genehmigung zu erhalten, war und ist kaum möglich; selbst wenn die Betroffenen alle erforderlichen Dokumente bringen und bereit sind, das Gebäude entsprechend der geltenden Vorschriften zu adaptieren.    

Abrissaktionen sind in Stolipinovo nichts Unbekanntes. Alle drei Jahre „cleant“ die Stadtverwaltung von Plovdiv das Roma-Viertel. Illegale Shops, desolate Hütten aus Wellblech oder Holz müssen dann weichen. Nun jedoch hat das „Cleaning“ eine neue Dimension angenommen. Eine ganze Teilsiedlung soll dem Erdboden gleichgemacht werden. 30 Häuser am Ufer der Mariza sind bedroht und damit mehr als 40 Familien, die mitten im Winter ohne Dach über dem Kopf dastehen.  Eine junge Frau mit zwei Kindern und kranken Eltern klagt an: „Ich habe sechs Jahre an diesem Haus gebaut und das Geld zusammengespart. Wieso kann es nun einfach abgerissen werden?  Wir wissen nicht wohin!“

Roma-Familien bald obdachlos

„Der Abriss bringt keine Lösung der katas-trophalen Wohnsituation für die Roma in Stolipinovo. Er verschärft sie zusätzlich. Dort, wo die Menschen den beengten, desolaten Wohnverhältnissen im Zentrum mit der Bautätigkeit am Flussufer entkommen wollten, droht ihnen nun mit dem Abriss die absolute Obdachlosigkeit“, erklärt Josef Mautner. Wobei Lösungen möglich wären wie das Beispiel einer anderen Kommune zeigt. Hier sei es zu Mediationsgesprächen gekommen. Das Ergebnis: Die Stadt bietet den Roma-Familien Baugrundstücke zum Kauf an und damit einen realistischen Weg, legal Wohneigentum zu erwerben.   

Dass im aktuellen Fall die Bulldozer in Stolipinovo noch zu stoppen und Schekir T. Süleymans Haus zu retten ist, glaubt Mautner nicht. Er betont aber wie wichtig jede internationale Berichterstattung und die Wahrnehmung in Österreich sei. „Leider finden solche Abrissaktionen in vielen Roma-Siedlungen statt.“     

Die Plattform für Menschenrechte ist seit drei Jahren partnerschaftlich mit der Roma-Stiftung in Stolipinovo verbunden. Mehr Infos unter www.menschenrechte-salzburg.at

Foto (Plattform für Menschenrechte): Schekir Tener Süleyman (2. v. l.) zeigt Josef Mautner (l.) und seinen Begleitern von der Roma-Stiftung seine Siedlung und die Häuser, die abgerissen werden.