Zankapfel der Religionen

Abraham wird „der Vater all derer“ genannt, „die Glauben haben“ (Röm 4, 11). Heute zanken sich seine Kinder an seinem Grab.

Hebron. Es ist ein fast unscheinbares steinfarbenes Gemäuer, auf einer Erhebung am Rand der Hebroner Altstadt, und doch ist es eines, an dem sich seit Jahrhunderten immer wieder Konflikte entzünden: die Ibrahimi-Moschee. Sie ist über der Höhle Machpela erbaut, dem Grab der Patriarchen. Nach biblischer Überlieferung (Gen 23, 19) kaufte Abraham nach dem Tod seiner Frau Sara die Höhle samt Feld als Familiengrabstätte, für 400 Silberschekel – heute entspräche das rund 550.000 Euro. Nach Sara wurde Abraham selbst dort begraben, später sein Sohn Isaak und dessen Frau Rebekka und deren Sohn Jakob mit seiner ersten Frau Lea. Den Juden gilt das Grab der Erzväter nach dem Tempelberg in Jerusalem als zweitheiligster Ort, für die Muslime ist es der viertheiligste.

Ein erster Tempel stand hier bereits in der Zeit des Herodes, eine erste Kirche im 4. Jahrhundert, die St.-Abrahams-Kathedrale aus der Kreuzfahrerzeit wurde nach wenigen Jahrzehnten erobert und daraufhin 700 Jahre lang als Moschee genutzt. In dieser Zeit blieb Juden und Christen der Zutritt zum Heiligtum verwehrt. Sie durften sich nur noch bis zur siebten Stufe des Treppenaufgangs an der Südostecke nähern, um dort zu beten. Seit dem Sechstagekrieg ist der Gebäudekomplex beides: Moschee und Synagoge, aufgeteilt im Verhältnis 40 : 60. Der militärische Oberrabbiner und General Schlomo Goren gilt als der erste Jude, der nach 700 Jahren die Machpela betreten konnte. Die Treppe im Südosten wurde als Zeichen der jahrhundertelangen Diskriminierung entfernt.

Brennpunkt im Nahostkonflikt

Die heilige Stadt Hebron liegt zwar nur 30 Kilometer südlich von Jerusalem, aber inmitten der Palästinensischen Autonomiegebiete. Sie gilt als Hochburg von Selbstmordattentätern, die sich auch nach 50 Jahren noch mit allen Mitteln gegen die Besatzer wehren. Gleichzeitig leben hier einige der extremistischsten jüdischen Ultranationalisten, die das Recht auf „ihr“ gelobtes Land um jeden Preis geltend machen wollen. Provokationen und Ausschreitungen sind an der Tagesordnung. Trauriger Höhepunkt der Gewalttätigkeiten ist das Massaker von 1994, bei dem der Siedler Baruch Goldstein mit einem Sturmgewehr in die Ibrahimi-Moschee vordrang, 29 betende Muslime tötete und Hunderte verletzte. Für Empörung sorgte auch, als der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu 2010 die Höhle Machpela und Rachels Grab in Bethlehem zum Nationalerbe Israels erklärte – beides Orte, die eigentlich auf palästinensischem Boden liegen.

Das Grab der Patriarchen steht heute unter ständiger Bewachung durch die israelische Armee. Vor dem Betreten des Heiligtums werden die Gläubigen auf Waffen durchsucht – allerdings nur auf der muslimischen Seite. Sie werden durch drei Checkpoints geschleust, bevor sie in ihrer Moschee beten können, durch dunkle Gänge, Gitterkonstruktionen. „Wie Vieh“, meint einer der Gläubigen. „Und wozu? Glauben sie, dass wir einander töten?“ Anders als in anderen Moscheen, wo Männer und Frauen in getrennten Räumlichkeiten beten, ist man hier aus Platzgründen näher zusammengerückt. Hier stehen auch die symbolischen Gräber von Isaak und Rebekka, an der Grenze jene von Abraham und Sara. Hinter einem verschlossenen Eisentor liegt die andere Seite, die jüdische: Dort finden sich die Grabmäler von Jakob und Lea. Muslime und Juden haben zum jeweils anderen Bereich keinen Zutritt.

Die eigentliche Grabstätte der Patriar-chen, die im Untergrund liegt, hat kaum mehr ein Mensch betreten, seit Kreuzritter die Gräber aufbrachen und Muslime sie anschließend wieder versiegelten. Zugänglich ist die Höhle bis heute nicht – außer für Forschergruppen wie die Israelische Altertumsbehörde. Sie ist zum Schluss gekommen, dass die dort entdeckte Begräbnisstätte aus der Bronzezeit stammt – also jene Zeit, in der auch die Abraham-Erzählungen des Alten Testaments angesetzt werden.

Fotos (sab): Hope: Die Hoffnung auf ein friedliches Miteinander am Heiligtum Machpela in Hebron ist da. Heute dürfen Muslime die dortige Moschee jedoch nur betreten, nachdem sie mehrere Checkpoints der israelischen Armee passiert haben.

Ghost Town – „Geisterstadt“ – nennen die Einheimischen die Hebroner Innenstadt. An die 2.000 Geschäfte stehen dort leer, viele davon geschlossen durch das israelische Militär.