Zukunft ist ungewiss

Verschnaufpause für Wajid Ali: Die Abschiebung nach Pakistan konnte im letzten Moment verhindert werden. Jetzt ist er in Nairobi.

Wajid Ali flog auf Einladung einer Benediktinergemeinschaft und mit einem Touristenvisum nach Nairobi. Begleitet hat ihn Salzburgs „Flüchtlingspfarrer“ Alois Dürlinger, der nun berichtet wie es dem Lehrling in Nairobi geht:  „Trotz der Unsicherheit über seine Zukunft relativ gut.“ Österreich bleibt sein Hoffnungsland. Ob und wann er wieder einreisen kann – zum Beispiel über die Mangelberufsliste –  ist ungewiss. 

RB: Wie geht es Wajid Ali? 

Dürlinger: Er ist ein sehr reflektierender junger Mann, das kommt ihm jetzt zugute. In langen Gesprächen hat er mir von seinen Hoffnungen und Sorgen erzählt. Er hat die Fähigkeit aus dem kleinsten Schimmer Hoffnung  Kraft zu entwickeln. Ein Moment auf unserem gemeinsamen Flug ist mir sehr präsent: Wegen der Zeitverschiebung fragte ich ihn: Wie spät ist es jetzt zuhause? Er antwortete: „Zuhause ist es jetzt…“ Dann legte er das Gesicht in seine Hände und sagte: „Ich sage zuhause, obwohl sie mich weggeschickt haben.“ Aber er ist Österreich sehr dankbar. Er hat hier eine gute Ausbildung begonnen und möchte seinem Gastgeberland etwas zurückgeben. Die von Christinnen und Christen erfahrene Hilfe und dass die Erzabtei St. Peter ihn aufgenommen hat, haben einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Er ist nach wie vor ein gläubiger Muslim, doch nach sieben Monaten im Kloster hat er, salopp gesagt, den „Geruch eines Christen“ und wäre im Falle einer Abschiebung nach Pakistan in höchster Gefahr.

RB: Weshalb ist Wajid Ali nach Kenia ausgereist? Und warum haben Sie ihn begleitet?

Dürlinger: Es wühlt mich wirklich auf, dass ausgerechnet das ostafrikanische Kenia ihm die Türen öffnet: Ein Land, das selbst mit größter Armut kämpft und zum Norden hin Richtung Somalia viele Flüchtlinge aufgenommen hat. In Österreich ist die Zahl an Asylbewerber überschaubar, doch offenbar kein Platz für Wajid. Als pakistanischer Staatsbürger waren die Möglichkeiten in andere Staaten auszureisen eingeschränkt. Es musste alles schnell gehen. Zur Auswahl stand noch Bosnien, doch da gab es keine definitive Zusage. Vermittelt wurde die Unterkunft in Kenia über die Salzburgerin Susanne Kerschbaumer, die in Nairobi das Straßenkinderprojekt „panairobi“ betreibt und über die Missionsbenediktiner. Es haben sich wieder helfende Hände zusammengefunden, das ist bemerkenswert. Ich habe Wajid sozusagen als Fürsprecher begleitet, da ja nicht klar war, ob die Einreise so unproblematisch verläuft. Wir wollten ihm außerdem damit sagen: Du bist auf dieser großen und wichtigen Reise nicht alleine.

RB: Wie sieht sein Alltag in Nairobi aus?

Dürlinger: In seiner Zeit in Nairobi möchte Wajid für das Straßenkinder-Projekt arbeiten. Er spricht ja auch sehr gut Englisch. Wir haben noch gemeinsam die Slums in der kenianischen Hauptstadt besucht. Die Not ist unbeschreiblich. 

RB: Wajid Ali ist nicht der einzige gut integrierte Asylbewerber und Lehrling, der abgeschoben werden sollte.

Dürlinger: Wajid ist ein Paradebeispiel für Integrationsbereitschaft. Warum schickt Österreich einen solchen unbescholtenen Menschen weg? Es ist immer schnell die Rede von den Straftätern. Es ist keine Frage, dass sich eine Demokratie dagegen zur Wehr setzen muss. Aber bei der allgemeinen Diskussion über Abschiebungen immer auf die Straftäter zu kommen, ist unfair. Und: Man tut so als wäre Flucht eine neue Erfindung und die große Katastrophe. Menschen wandern seit es Menschen gibt. Für mich ist das Recht auf Migration ein Menschenrecht. Diese grundlegenden Menschenrechte müssen uns heilig sein. Sie gründen im Letzten in der Anerkennung der Menschenwürde und die ist ein unverrückbares christliches Gut. Wenn man daran rührt, ist eine gefährliche Dynamik am Werk.

RB: Was sind jetzt die nächsten Schritte? 

Dürlinger: Wajid hat ein einmonatiges Touristenvisum für Kenia, das auf drei Monate verlängert werden soll. In dieser Zeit tun seine Unterstützer alles, um eine erneute Einreise nach Österreich zu organisieren. Es wird versucht, über die Mangelberufsliste ein Aufenthaltsrecht zu erwirken. Ob und wann es gelingt, wissen wir nicht.

 

Hintergrund

Wajid Ali (23) ist Koch- und Kellnerlehrling in Salzburg als er im Mai 2018 einen negativen Asylbescheid in zweiter Instanz erhält. Um seine Abschiebung nach Pakis-tan zu verhindern, nimmt ihn die Erzabtei St. Peter auf. Er ist sieben Monate im Kloster.  Am 1. Februar lief die Frist zu seiner freiwilligen Ausreise ab. Wenige Tage zuvor wird Wajid bei einem Routine-Meldetermin in Schubhaft genommen und nach Wien gebracht. „Es gab dann noch eine einwöchige Galgenfrist für eine freiwillige Ausreise“, erklärt Flüchtlingspfarrer und Dechant Alois Dürlinger. Am 31. Jänner reiste Wajid Ali mit einem Touristenvisum nach Kenia. Das gilt nun drei Monate – ein Zeitfenster, um „Wajid einen neuen Weg aufzutun, wohin auch immer. Sein Hoffnungsland bleibt Österreich“.

Foto: Gut aufgenommen:  Wajid Ali (2. v. r.) mit den Patres aus dem Benediktinerkloster in Nairobi und Pfarrer Alois Dürlinger (r.), der mit dem jungen Pakistani nach Kenia reiste und ihn die ersten Tage begleitete. Dürlinger ist Sprecher des Erzbischofs in Asyl- und Flüchtlingsfragen. / Foto: RB/EDS