Zukunft? Ungewiss!

Überleben. Hinter dem Berg ist Krieg. Von dort ist Khaled Hwouch mit seiner Familie geflohen. Seit drei Jahren lebt er im Lager Taysir in der Beeka-Ebene im Libanon. Der Krieg in Syrien, so glaubt er, werde noch lange dauern. An seine Zukunft denke er schon lange nicht mehr. „Aber was für eine Zukunft haben meine Kinder? In Syrien hatte ich Land. Das hätte ich meinen Kindern weitergegeben. Jetzt habe ich nichts mehr.“  

Zahlé. Die Beeka-Ebene liegt zwischen dem Anti-Libanon und dem Libanon-Gebirge, nahe der syrischen Grenze. Mit dem Auto sind es nicht einmal eineinhalb Stunden in die Hauptstadt Damaskus. Theoretisch. Denn seit fünf Jahren tobt der Krieg in Syrien.

Khaled Hwouch (52) ist einer von vielen, die in der Beeka-Ebene gestrandet sind. Er stammt aus einer großen Familie, hat selber zwölf Kinder, von denen ein Teil in der Türkei lebt. Seit drei Jahren ist er im Lager Taysir. Sein „Dorf“, das sind jetzt 50 Zelte, in denen 90 Familien mit 140 Kindern wohnen. Sorge macht ihm der nahe Winter, wenn die Eiseskälte in die Bekaa-Ebene einfällt. Feuchtigkeit weicht dann den Feldboden auf, durchdringt die Kleider und der beißende Wind kriecht durch jede Ritze der Zeltwände. „Vergangenes Jahr sind 15 Zelte unter Schneelast zusammengebrochen“, erinnert sich Khaled. „Die Winter sind hart“, bestätigt Caritas-Koordinator Ramzy Abu Zaid. Er erzählt, dass nach wie vor Syrer kommen, obwohl die Grenzen offiziell dicht sind. „Alleine bei uns gehen täglich Anrufe von sechs bis acht neuen Familien ein.“ Die Sozialarbeiter müssen entscheiden, wer Hilfe bekommt. „Wenn jemand dringend Medikamente bräuchte und du ihm dann sagen musst, ich kann dir nur eine Decke geben, das ist schwer auszuhalten.“ 

Große Last für ein kleines Land

Bevor der Konflikt ausbrach, kamen schon viele Syrer zum Arbeiten in den Zedern-
staat. Sie wurden toleriert, weil die Wirtschaft profitierte. Jetzt bringt sie der Krieg her, aus Rakka, aus Homs, aus Aleppo, aus ganz Syrien. Registriert sind rund 1,2 Millionen Menschen. „Insgesamt sind wohl schon zwei Millionen da“, so Caritas-Mann Ramzy. Dazu kommen hunderttausende Migranten und rund 400.000 Palästinenser. Das sei nicht nur eine Belastung für das Zusammenleben, sondern auch für die Infrastruktur. Den Müll zu entsorgen ist kaum mehr zu bewältigen. Die Kanalisation versagt angesichts der rasant wachsenden Zahl von Menschen. Spitäler und Schulen sind überfüllt. Der Strom fällt immer wieder aus. 

„Wir leben nur noch von Tag zu Tag“

Ein paar Stunden Strom am Tag, darüber ist Khaled schon froh. Doch der müsse wie alles andere bezahlt werden. Zwei Töchter hatten bei der Traubenernte Arbeit. Jetzt gibt es nichts mehr zu tun und damit keinen Verdienst. „Damit wir Lebensmittel kaufen können, müssen wir den Winter über Schulden machen und sie dann im Sommer abarbeiten.“ Ob der Landbesitzer so lange auf seine Miete warten wird? Kostenlos darf in der Beeka-Ebene niemand sein Zelt aufstellen. Auf 20.000 Dollar beläuft sich im Lager Taysir die Jahresrechnung. Früher in Syrien hatte Khaled Hwouch selber Grund und Boden, geerbt vom Vater. Seinen Besitz wollte er einmal auf seine Nachkommen aufteilen. „Jetzt stehe ich mit leeren Händen da.“ An ein rasches Ende des Krieges glaube er nicht mehr. 

Auch Hussain hat die Hoffnung aufgegeben. Der 50-Jährige ist seit vier Jahren im Lager Moussa Taleb. „Für mich ist es naheliegender hier eines Tages auf dem Friedhof zu liegen als jemals nach Syrien zurückzukehren.“ Ja früher hatte er sich noch die Zukunft für sich und seine Kinder ausgemalt. Das sei vorbei. „Wir leben nur noch von Tag zu Tag.“ 

Internationale Hilfen gehen zurück

Die Regierung will mit allen Mitteln verhindern, dass die Syrer wie einst die palästinensischen Flüchtlinge dauerhaft bleiben. Beirut erlaubt deshalb offiziell keine Lager. Sie sind nur geduldet. Alleine rund um die Stadt Zahlé sind 35 slum-ähnliche Camps aus dem Boden geschossen, in der gesamten Beeka-Ebene 500 und 2.000 im ganzen Land. Die Caritas und andere NGOs sind mit immer mehr Geflüchteten konfrontiert. Doch die internationalen Hilfen gehen zurück. So erreicht ein neues Schulprogramm in der Region nur einen Bruchteil der Betroffenen. 60 Prozent aller Flüchtlingskinder gehen nicht zur Schule. Doch jedes einzelne Kind zählt. Aisha ist neun. Sie lebt mit ihrer Familie im Lager Moussa Taleb und drückt jeden Vormittag die Schulbank. Sie lerne gerne Englisch, erzählt sie. Zum Spielen habe sie keine Zeit, wenn sie heimkommt, müsse sie Hausaufgaben machen und sich um die jüngeren Geschwister kümmern. Über den Krieg in Syrien sagt sie nur: „Ich hatte solche Angst.“ Ein Lächeln deutet sich an, als sie über ihren Berufswunsch spricht: „Kinderärztin. Ich möchte anderen helfen, ich sehe im Lager so viele kranke Kinder.“ 

Foto (Ingrid Burgstaller): Kinder und Jugendliche machen rund die Hälfte der syrischen Flüchtlinge aus. 60 Prozent gehen nicht zur Schule. Caritas-Mitarbeiter Ramzy Abu Zaid warnt vor einer verlorenen Generation.