Zurück in ein geschütztes Leben

Straßenkinder. Sie betteln und stehlen, um satt zu werden. Sie schlafen auf Gehsteigen, einer Parkbank und in großen Pappkartons. Sie sind Opfer von Ausbeutung, Gewalt und Missbrauch. Doch Mitleid hat mit den Straßenkindern kaum einer – für die meisten Leute sind sie nichts wert. Für Hany Maurice sind es Kinder, die vor allem eines brauchen: Schutz, Zuwendung und Respekt. Der Caritas-Mitarbeiter leitet die Straßenkinderprojekte im ägyptischen Alexandria.

Alexandria/Salzburg. Nach der Trennung wollten Mutter und Vater nichts mehr von ihm wissen. Sie schoben den Zehnjährigen zur Oma ab. Doch die war schnell überfordert. „Eines Tages stand der Junge vor der verschlossenen Haustür. Die Großmutter war nicht mehr da, hat einfach ihren Wohnort gewechselt“, erinnert sich Stefan Maier von der Caritas Salzburg an einen „Fall“, der leider keine Ausnahme ist. „Familien zerbrechen. Bei einer erneuten Heirat sind die Kinder im Weg. Sie landen auf der Straße.“

Schwerpunkt der Caritas-Auslandshilfe

Seit vielen Jahren ist die Hilfe für Straßenkinder ein Schwerpunkt der Caritas Salzburg in Ägypten. Ein Meilenstein war für Leiter Maurice und sein Team 2012 die Eröffnung des Straßenkinderzentrums in Alexandria. Bis zu 100 Kinder und Jugendliche finden hier Zuflucht. Das vierstöckige Haus bietet Platz zum Spielen und Lernen, es gibt Therapie- und Besprechungsräume, eine Ambulanz und eine Notschlafstelle. Die Kinder können an Schulvorbereitungskursen teilnehmen, die Größeren an einer externen Ausbildung zum Tischler oder Elektriker. Auf einer Etage ist das Betreute Wohnen für Straßenbuben. Das Wohnprojekt für Mädchen ist – aufgrund der Geschlechtertrennung in Ägypten – an einem anderen Standort untergebracht. Unter den 14 Mädchen, die derzeit betreut werden, ist das Jüngste erst sieben Jahre alt.

Interview

Kinder auffangen

RB: Warum müssen Kinder überhaupt auf der Straße leben?

Maurice: Gründe sind vor allem die steigende Armut und die häusliche Gewalt. Viele Familien sind zerrüttet, die Eltern lassen sich scheiden und heiraten wieder. Die neuen Partner akzeptieren die Kinder aus erster Ehe nicht, sie bleiben auf der Strecke. Die Problematik hat sich in den letzten Jahren in Ägypten aufgrund des Bevölkerungszuwachses und der sinkenden Wirtschaftseinnahmen, der fehlenden Schutzstrategien für Familien und Kinder und des mangelhaften Bildungssystems noch einmal verschärft.

RB: Wie sieht die Hilfe der Caritas aus?
Maurice: Sozialarbeiter suchen auf der Straße den Kontakt zu ihnen. Mit dem mobilen Streetwork-Bus, der jede Nacht im Einsatz ist, bringen wir soziale Betreuung und Versorgung zu den Kindern. Ab dem Vormittag steht ihnen das Tageszentrum mit verschiedenen sozialen, medizinischen und psychologischen Programmen offen. Sie lernen Lesen und Schreiben oder können an berufsvorbereitenden Handwerkskursen teilnehmen. Langfristiges Ziel ist ihre Wiedereingliederung in die Gesellschaft und nach Möglichkeit die Rückkehr zur Familie.

RB: Seit einigen Jahren sind im Straßenkinderzentrum die verschiedenen Angebote unter einem Dach.
Maurice: Das hat sich sehr bewährt. Unsere Angebote sind für die Kinder und Jugendlichen leichter zugänglich und greifen optimal ineinander. So finden zum Beispiel die ärztlichen Untersuchungen oder die Alphabetisierungskurse im gleichen Gebäude statt. Auch das Betreute Wohnprojekt für Buben haben wir im Haus.

Caritas-Nahost-Koordinator Stefan Maier mit einigen Straßenbuben in Alexandria und Sherif (hinten links). Er ist ein Vorbild für die Jüngeren. Wie sie lebte auch Sherif einmal auf der Straße. Heute ist er Student an der Technischen Universität. Fotos: Caritas

Hany Maurice ist Leiter des Straßenkinderprogramms der Caritas Alexandria.