Zwei Priester aus zwei Generationen

75 Jahre Altersunterschied, trotzdem derselbe Lebensweg

Hallein, Reith b. Kitzbühel. Wenn man Anton Rudolf fragt, wie es gelingt, 99 Jahre alt zu werden, antwortet er prompt: „Das Wesentliche ist, dass man in Bewegung bleibt. Auch ich muss mich zwingen, nicht den ganzen Tag bequem zu sein.“ Am 4. Juli des kommenden Jahres feiert er seinen 100. Geburtstag. Damit ist er der älteste Priester in der Erzdiözese Salzburg.
Das Rupertusblatt trifft Rudolf, der 1920 in Georgswalde in Nordböhmen zur Welt gekommen ist, in einer Halleiner Bäckerei. Die Einrichtung ist altmodisch, die Luft schwer von Küchendunst. Die Kellnerin bringt Kaffee, heißes Wasser und eine leere Semmel an den Tisch. Mit einem „So, Herr Pfarrer“, stellt sie das Tablett ab. Am Stuhl neben ihm lehnen zwei Nordic-Walking-Stöcke. Mit ihnen tritt der 99-Jährige an jedem regen- und eisfreien Tag seinen Weg zum Café an. Den karierten Filzhut behält er drinnen auf dem Kopf, seine Brille liegt vor ihm.

Sechs Erzbischöfe, neun Päpste

Erzbischof Andreas Rohracher hat Anton Rudolf 1949, weit vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962 – 1965), zum Priester geweiht. „Wir waren viele Kandidaten, ganz anders als heute“, sagt er und sein Blick schweift in die Ferne. Unter sechs Oberhirten hat er mittlerweile gewirkt und insgesamt neun verschiedene Päpste erlebt. Was aus ihm geworden wäre, wenn er nicht den Weg als Mann Gottes eingeschlagen hätte? Rudolf schüttelt den Kopf. „Das weiß ich nicht, darüber habe ich mir nie Gedanken gemacht. Ich komme aus einer sehr katholischen Gegend und mir war ganz früh klar, dass das mein Weg ist.“ Familie war demnach nie ein Thema; mit jungen Leuten hat er gerne gearbeitet, in der Jungschar und in seinen vielen Jahren als Religionslehrer.
Mit dem Motorrad in den Iran
Apropos Weg: Mit seinem Motorrad hat Anton Rudolf Tausende Kilometer zurückgelegt. Reisen war eine Leidenschaft. „Alles, was ich sehen wollte, hab‘ ich mir angeschaut“, erzählt er, während er in seine Semmel beißt. Schon der Vater, ein Tischler, sei unterwegs gewesen, in Neapel und am Vesuv. Der Sohn hat es noch viel weiter geschafft; mit einem Freund hat er sich auf zwei Rädern Teheran und den Iran angeschaut. „Damals ging das locker, gefährlich war nix.“
Die Kellnerin, die dem Gespräch zugehört hat, kommt mit einem Bild um die Ecke. Es zeigt Rudolf und seinen langjährigen Wegbegleiter, einen ebenfalls pensionierten Priester. „Die zwei sind viel gereist“, sagt sie mit einem Augenzwinkern. Rudolf nippt an seinem Kaffee. „Ja damals...“, sagt er mit einem kaum wahrnehmbaren Lächeln.

Kitzbühel, Fatima, Salzburg

Schauplatzwechsel in die Stadt Salzburg. Hannes Lackner setzt sich im Café am Mozartplatz auf einen Sessel und bestellt einen Cappuccino. Mit 24 Jahren ist er einer der jüngsten Männer, die derzeit im Pries-terseminar der Erzdiözese sind. Was ihn dorthin verschlagen hat? „Nachdem ich in Fatima in Portugal einen Gottesdienst mit 80.000 Menschen aus aller Welt und ihre Freude an Gott erlebt habe, begann ich das erste Mal zu überlegen, was meine Berufung ist.“
Heute ist der Tiroler aus der Pfarre Reith bei Kitzbühel das fünfte Jahr im Seminar, nach seiner Zeit in Heiligenkreuz das zweite Jahr in Salzburg. „So Gott will“, sagt er, seien Diakonen- und Priesterweihe ab 2020 realistisch. Bis dahin schreibt er an seiner Doktorarbeit an der Universität. Thema: „Transhumanismus“, also die „Verbesserung“ des Menschen durch Technologien und die daraus entstehenden Herausforderungen für die Theologie.
Technologien und vor allem neue Medien spielen für Lackner, der übrigens nicht mit dem Salzburger Erzbischof Franz Lackner verwandt ist, im Alltag eine große Rolle. „Wenn wir die Jungen erreichen und sie zur Nachfolge Christi motivieren wollen, müssen wir uns auch neuer Medien bedienen, sie nutzen, verstehen und ihre Sprache sprechen“, sagt er.
Soziale Plattformen wie Facebook, Instagram und vor allem auch die Musik sind für ihn mögliche Schlüssel. Gemeinsam mit Rupert Santner, der auch im Priesterseminar ist, hat er den Vocal Music Award ins Leben gerufen. Der Musikpreis geht an Künstler aus dem deutschsprachigen Raum, die Berufungen besingen. „Wir müssen den Glauben einfach auch zeitgemäß vermitteln“, sagt Lackner mit überzeugtem Ton.
Wenn er über seinen Weg zum Priester spricht, kommt von Freunden und Fremden immer wieder die Frage nach dem Zölibat. Um eine rasche Antwort ist der Tiroler dabei nicht verlegen. Sein Blick wird ernst, er richtet sich in seinem Sessel auf und sagt: „Ich sehe den Zölibat als Zeugnis, dass unser letztes Ziel bei Gott ist. Er ist symbolischer Ausdruck für das Hinleben auf Gott. Deshalb kann ich mich bewusst dafür entscheiden.“ Der Satz sitzt.

Ab in eine gute neue Ära

Wagt Hannes Lackner den Blick in die Zukunft, dann sieht er sich in ein paar Jahren in einer Pfarre. Derzeit ist er einmal im Monat in seiner Praktikumspfarre Mittersill. „Ich freu‘ mich jedes Mal, wenn ich dort entdecke, was Gott Gutes bei den verschiedensten Leuten bewirkt“, erzählt der Seminarist.
Die Begeisterung für die Menschen ist nicht nur bei dem 24-Jährigen, sondern auch bei Anton Rudolf mit seinen 99 Jahren spürbar. Das Seelsorgen kann der älteste Priester der Erzdiözese nämlich nicht ganz sein lassen. Hans Schreilechner, Pfarrer und Dechant in Hallein, sagt, dass der hochbetagte Mann bei keiner Dekanatskonferenz fehlt. Mit einem Lachen bejaht Rudolf: „Bei der Andacht am Anfang bin ich immer dabei. Bei der Sitzung dann aber nicht mehr, da lasse ich mich davor abholen und mache etwas anderes.“
Hannes Lackner freut sich indes darauf, der Kirche zu dienen. „Auch wenn die glänzenden Jahre vorbei zu sein scheinen: Die Nachfolge Christi ist ein spannendes Abenteuer. Ich sehe die Zukunft der Kirche positiv. “

 

Foto 1: Ältester Priester in der Erzdiözese: Anton Rudolf wird kommenden Juli 100 Jahre alt. Gedanken über das Sterben macht er sich nicht. Aber: „Wenn der Oberste pfeift, bin ich da“, sagt er schlicht.

Foto 2: Erst auf dem Weg zum Priesteramt ist Hannes Lackner. Der 24-Jährige könnte 2020 geweiht werden. Erst zum Diakon, dann zum Priester.

Fotos: mih