DIE BEDEUTUNG DER FAMILIE IM KAMPF GEGEN DIE JUGENDVERWAHRLOUNG

Friedrich Schneider, München und Salzburg

 

Im modernen Erziehungsgedanken und in der Erziehungswirklichkeit haben sich mehr und mehr zwei Tendenzen durchgesetzt:

  1. Das Prävenire, das auf dem Grundsatz beruht, Fehler verhüten ist besser, als bereits entstandene Fehler bekämpfen, und
  2. die Tendenz, sich in der Behandlung bereits in die Erscheinung getretener Fehler nicht auf Symptombekämpfung zu beschränken, sondern zur Ursachenbekämpfung weiterzuschreiten.

Eigentlich sind beide Forderungen, die ja auch in der Medizin heute allgemein Anerkennung gefunden haben, zwei Betrachtungen ein und desselben Sachverhaltes. Die Präventiv-Pädagogik geht darauf aus, die Ursachen zu bekämpfen, bzw. zu beseitigen, ehe sie wirksam werden. Die zweite verlangt, daß man bei bereits eingetretenen Wirkungen, bei bereits manifest gewordenen Fehlern, sich nicht darauf beschränkt, den Symptomen zu Leibe zu gehen,, sondern gleichzeitig den Kampf gegen ihre Ursachen aufnimmt.
Grundsätze, die für die allgemeine Pädagogik Gültigkeit haben, gelten auch für die Verwahrlostenpädagogik. Es kann ihnen aber nur Rechnung getragen werden, wenn die Ursachen der Jugendverwahrlosung bekannt sind. Wir haben schon mehrfach gehört, daß man in bezug auf die Entstehung der Jugendverwahrlosung zwei Quellen sieht und nach ihrer Ätiologie zwischen anlage- und milieugeschädigten verwahrlosten Jugendlichen unterscheidet. Es handelt sich hierbei nur um eine theoretische Isolierung. Aber wie immer, so auch hier, hat diese theoretische Isolierung dazu geführt, daß man auch in der Praxis nicht selten zu einseitiger Stellungnahme kam, und die Ursachen hauptsächlich oder sogar ausschließlich in einer der beiden Quellen suchte. Insbesondere sind die Eltern von verwahrlosten oder schwererziehbaren Kindern zur Beruhigung ihres eigenen schlechten im Erbschatz, in der Ahnenreihe zu suchen, eine Neigung, die durch die Popularisierung der Ergebnisse der Vererbungsforschung, zumal in der Zeit des Nationalsozialismus, begünstigt wurde.

Um die Bedeutung der Familie für die Entstehung und die Verhütung der Jugendverwahrlosung deutlich herauszuarbeiten, ist es zweckmäßig, auf die große Bedeutung des Milieus überhaupt für die Entstehung der Verwahrlosung der Jugendlichen hinzuweisen. Selbst wenn für die Jugendverwahrlosung disponierende Anlagen vorhanden sind, bedürfen diese doch in der Regel, da sie die Kraft spontaner Auszeugung nicht in sich besitzen, des Anstoßes von außen. Von der Umwelt muß die Anregung zu ihrer Aktualisierung kommen. Und da es sich

meist um formale Anlagen handelt, auch ihre inhaltliche Füllung. Dazu kommt ja auch noch, daß die schlechten Anlagen, wie alle Anlagen eine gewisse Schwingungsbreite besitzen, und ob sie sich maximal entwickeln oder ob es bei einer schwächeren Ausprägung bleibt, hängt dann auch weitgehend von dem äußeren Einfluß ab. Natürlich kann nur das entwickelt werden, was in der Anlage schon grundgelegt ist. Aber wir dürfen nicht die Wahrheit vergessen, die Ernst von Feuchtersleben in seiner "Diätetik der Seele" einmal so formulierte: "Jeder Mensch hat seinen blinden Fleck in der Seele." Oder, wie Nohl es ein mal ausdrückte: "Jeder entdeckt Abgründe in seinem Inneren." Es ist ja doch auch so, daß im Kinde die guten Anlagen meist mit den Anlagen zum entgegengesetzten Schlechten gekoppelt sind, die Anlage zur Ordnung, zur Disziplin, Sauberkeit, mit der zur Unordnung, Disziplinlosigkeit, Unsauberkeit. Vor einigen Jahrzehnten arbeitete einer meiner Schüler an einer Arbeit über das Strukturbild des Heilpädagogen. Bei dem Studium einiger großer Heilpädagogen fiel ihm dann auf, daß gerade die seelischen Schwierigkeiten, bei deren Bekämpfung diese bei ihren Zöglingen den größten Erfolg hatten, auch in ihrem Inneren, wenn auch keimhaft und unter die Herrschaft ihrer Selbstbeherrschung gebracht, existierten. Das veranlaßte dann den betreffenden Autor, sich mit einem Fragebogen an eine große Zahl der damaligen tätigen Heilpädagogen zu wenden. Auf diesem Fragebogen befand sich auch die Frage, ob sie in sich selbst auch solche seelische Abwegigkeiten vorzufinden glaubten, wie sie sie bei ihren Zöglingen bekämpften. Diese Frage wurde fast einstimmig bejaht.

Wenn die Wirkung des Milieus als Ursache auch der Jugendverwahrlosung unbezweifelbar ist, so ist es klar, daß die Familie da an erster Stelle stehen muß, weil sie für das Kind in der Regel in den ersten Lebensjahren die einzige und in den folgenden oft die vorwiegende Umwelt bedeutet.

Aus meinen eigenen Erfahrungen in der Erziehungsberatung ist mir die ausschlaggebende Bedeutung der Familie für die Entstehung der Verwahrlosung immer deutlicher geworden, oft geradezu in tragischer Weise, weil die ganze Erziehungsberatung von vornherein um einen wirklichen durchschlagenden Erfolg betrogen wurde, weil es nicht möglich war, die pädagogische Situation der Familie, die die Entstehung der Verwahrlosung verursacht oder begünstigt hatte, zu ändern oder den Verwahrlosten selbst aus diesem Milieu in ein anderes gesundes zu versetzen.

Die schädlichen Wirkungen der Familie können nun begründet sein:

  1. In einem Strukturmangel im Aufbau der Familie,
  2. in Mängeln der Persönlichkeit der Eltern oder eines Elternteiles und
  3. in der falschen Behandlung der Kinder, in Erziehungsfehlern.

Ich bin mir klar darüber, daß es sich auch hier um eine weithin theoretische Isolierung handelt, weil in der lebendigen Familienwirklichkeit nicht selten die drei Ursachen miteinander verkoppelt sind. Die Mängel der Familiengestaltung, wie auch die Fehler in der Behandlung der Kinder haben vielfach ihren Grund in Mängeln der Persönlichkeit und die Erziehungsfehler oft in der Struktur der Familie.

Ich werde nun bei der Analyse so verfahren, daß ich gleichzeitig, in der mir gebotenen Kürze, auf Maßnahmen zu ihrer Beseitigung hinweise.

S t r u k t u r m ä n g e l

Diese können, sowohl durch die allgemeine kulturelle und wirtschaftliche Entwicklung, durch das Familien- und historische Schicksal hervorgerufen, aber auch in der Persönlichkeit der Eltern begründet sein. Zu den ersteren gehört, daß die Familie ihren alten Geschlossenheitscharakter eingebüßt hat, säkularisiert, in mancher Beziehung entseelt und veräußerlicht worden ist. Der Geschlossenheitscharakter der älteren Familie wurde dadurch begünstigt, daß viel mehr Familien als heute ihr eigenes Haus besaßen, in dem sie meistens Generationen hindurch wohnten, ferner dadurch, daß außer der Mutter auch der Vater der immer vorhandene Mittelpunkt der Familie war, der seine Arbeitsstätte meistens im Hause selbst hatte und seine Berufsarbeit vor den Augen der Kinder verrichtete. Der Geschlossenheitscharakter der alten Familie war auch deshalb weniger gefährdet, weil der Geist der Zeit und der Öffentlichkeit mit dem Geist der christlichen Familie übereinstimmte. Bei der Lesung von Jugenderinnerungen aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts - ich denke z. B. an die von Laieus, der im alten Köln, im Schatten von Maria im Kapitol, seine Kindheit und Jugend verlebte - erkennt man, daß, wenn damals Kinder oder Jugendliche das Elternhaus verließen und durch die Straßen der Stadt wanderten, sie im großen und ganzen dieselbe weltanschauliche, moralische und religiöse Luft atmeten wie dort, während heute die junge Generation in der Öffentlichkeit, zumal der Städte, unter heidnische Einflüsse gerät, und daß es heute auch viele Kanäle gibt, Zeitungen, Zeitschriften, Radio, durch die eine fremde, säkularisierte und für die Jugend gefährliche Geistigkeit in die Familie einströmen kann.

Endlich wurde der Geschlossenheitscharakter der alten Familie auch begünstigt durch die im Vergleich mit heute viel größere Autoritätsstellung der Eltern, die z. B. auch dadurch zum Ausdruck kam, daß die Eltern vielfach in der Wahl des Berufes und des Ehepartners für ihre Kinder die Entscheidung trafen, daß die Kinder die Eltern, in gebildeten Schichten mit "Sie", in den sozial einfachen mit "Ihr" anredeten und ein viel größerer Abstand zwischen der jüngeren und der älteren Generation bestand als heute. Diese allgemeine Schwächung des Geschlossenheitscharakters wurde dann in unserer Zeit noch durch Krieg und Kriegsfolgen, auf die im einzelnen nicht eingegangen zu werden braucht, weil sie uns allen bekannt sind, in alamierender Weise vergrößert. Viele Familien entbehrten durch Jahre hindurch den Vater oder verloren ihn ganz. Eine häufige Folge war, daß die Mutter jetzt als Verdienerin des Lebensunterhaltes in den Wirtschaftsprozeß eingegliedert und Familie und Kindern für die wesentlichen Stunden des Tages entzogen wurde. Die Zahl der Halb- und Vollwaisen ist außerordentlich gestiegen. Wie aber zum Werden des Menschen das männliche und weibliche Prinzip nötig sind, so ist auch für eine gesunde Entwicklung der Kinder und Jugendlichen der Einfluß von Vater und Mutter erforderlich. (Die Einsicht in diesen Zusammenhang hat ja dazu geführt, daß man heute mehr und mehr auch in den Heimen für männliche Jugendliche den weiblichen Einfluß durch Einführung einer Internatshelferin oder einer Heimmutter zu sichern sucht, und daß man auch bei der Erziehung des weiblichen Geschlechtes den männlichen Einfluß mit einbaut, was ja hier schon durch den männlichen Religionslehrer leichter zu verwirklichen ist.) Ganz aufgelöst wird der Geschlossenheitscharakter der Ehe durch die Ehescheidung. Hier kommt noch dazu, daß die oft lang schwelende Disharmonie zwischen den Ehepartnern natürlich den Kindern nicht verborgen bleibt und die Atmosphäre der Familie vergiftet, und daß der offene Kampf zwischen ihnen in der Regel in der Seele der Kinder ausgetragen wird. Nach der Scheidung, wenn die Kinder - was ja meistens geschieht - dem nichtschuldigen Eheteil zugesprochen wurden, sind die Kinder meistens nicht etwa in der Lage der Halbwaisen, sondern es wird dann noch häufig an ihnen von beiden geschiedenen Gatten, bewußt oder unbewußt, hin- und hergezerrt, so daß eine große seelische Zerrissenheit, eine Schwächung der Autorität, eine Begünstigung der Haltlosigkeit, damit verbunden ist.

Die unehelichen Kinder erleben ja überhaupt nicht die elterliche Familie. Trotzdem ist - auf die große Zahl gesehen ihr Schicksal nicht so gefährdet, wie das der Kinder aus geschiedenen Ehen, weil sie vielfach durch die Berufsvormundschaft in Familien untergebracht werden und dort einen gewissen Ersatz für den Mangel der eigenen Familie finden.

Für die gesunde Entwicklung des Kindes sind zwei Bindungen in frühen Jahren schon entscheidend, einmal die lokale Bindung und zweitens die Liebesbindung. Ein Kind, das die Geborgenheit in einem Heim, die Bindung an den Ort nicht erfährt und erst recht ein Kind, das nicht den individuellen Liebeskontakt, verbunden mit tieferem Verstehen und individueller Behandlung erfährt, ist in seiner gesunden Entwicklung von vornherein bedroht.

Gerade die Nachkriegsjahre haben - man möchte fast sagen, in einem großen, historischen Experiment - an den Scharen entwurzelter Jugendlicher, zumal unter den Ostvertriebenen - bewiesen, daß die sogenannten Entwurzelten, die kein Heim, keine Familie, kein Nest mehr besaßen, wo sie sich geborgen fühlen konnten, in der Regel der Verwahrlosung anheim fielen, wenn es nicht gelang, ihnen ein Ersatzheim zu sichern. Und der Nachweis, daß das Kind, das die individuelle Liebesbindung zwischen sich und der Mutter nicht erfährt, sogar bei bester Pflege und günstigen äußeren Bedingungen in der Entwicklung in irgendeiner Weise hinter den glücklicheren Altersgenossen zurückbleibt, wird auch fast experimentell in Säuglingsheimen und Kinderhorten erbracht. Zur Normalfamilie gehören außer den Ehegatten die Kinder. Die kinderreichen Familien waren früher die Regel, während es heute auch viele kinderlose und Ein- und Zweikinderehen gibt. Der erzieherische Wert der kinderreichen Familie bestand darin, daß die Kinder in ihr nicht nur mit Erwachsenen, mit Vater und Mutter, sondern auch mit Kindern verschiedenen Alters und in der Regel auch verschiedenen Geschlechtes, den Geschwistern, in Kontakt kamen. Die kinderreiche Familie bildet einen Staat im kleinen, in denen sich daher auch die Urformen der späteren, staatsbürgerlichen Tugenden entfalten können. Dieser Vorzug fällt in der Einkinderehe fort. Überhaupt ist ihre erzieherische Situation schwierig, so schwierig, daß manche Pädagogen das Einkind von vornherein zur Gruppe der Schwererziehbaren rechnen.

Ebenso gefährlich für die gesunde Entwicklung des Nachwuchses wie die Mängel der äußeren erweisen sich solche der inneren Struktur der Familie. Von solchen muß gesprochen werden, wenn zwar die Familie noch zahlenmäßig intakt ist, wenn aber in der Ehe nicht die Liebe das Grundgesetz bildet, sondern Gleichgültigkeit, Überdruß, Feindschafe, Haß an ihre Stelle getreten sind, wenn es an innerer Harmonie und Hand-in-Hand-arbeiten der Ehepartner fehlt, wenn es an Ausgeglichenheit und Heiterkeit mangelt.

Auch hier zeigt die Erfahrung bei der Anamnese von Schwererziehbaren, Gefährdeten und Verwahrlosten, daß sie in großer Zahl aus solchen, antinomisch aufgebauten Ehen und unharmonischen Familien stammen.

Die noch gesunde äußere und innere Struktur der Familie ist bei unbefriedigenden sozialen, insbesondere bei ungünstigen Wohnverhältnissen aufs stärkste bedroht, ja auf die Dauer überhaupt nicht unbeschädigt zu erhalten. Gewiß, es gibt seltene Menschen, die sich über ihr Milieu völlig erheben, in ihrer seelisch-geistigen Gestalt völlig von ihm unabhängig sind, und fähig sind, ihr in jedem Fall aus eigener Kraft ein individuelles hochwertiges Gepräge zu geben. Wir sprechen daher ja von Milieutranszendenz. Und die Beispiele sind gar nicht selten, daß eine Mutter oder ein Elternpaar unter den widrigsten Verhältnissen und auf beschränktestem Raum ein Heim mit Nestwärme zu zaubern vermochte. Aber die Zahl der Belege für die die gesunde Struktur der Familie störende oder zerstörende Wirkung ungünstiger sozialer und Wohnverhältnisse ist doch größer. Ein ehrwürdiger Mund hat im Nachkriegsdeutschland einmal gesagt: Es gäbe soziale Verhältnisse, unter denen nur der heroische, nicht aber der Durchschnittsmensch als Christ leben könne. Dieses Wort läßt die Variante zu: Es gibt soziale und insbesondere Wohnverhältnisse, in denen eine Störung der gesunden Familienstruktur mit ihren für das Werden der Kinder nachteiligen und die Verwahrlosung begünstigenden Folgen unausbleiblich ist. Um die Jugendverwahrlosung einzudämmen, ist es geboten, die geschilderten Strukturmängel der Familie zu bekämpfen.

So ergibt sich eine ganze Reihe von Forderungen. Einige der wichtigsten will ich hervorheben:

  1. Die berufsmäßigen Erzieher weltlichen und geistlichen Standes, die Väter und Mütter der Kinder, alle um das seelische Heil der Jugend besorgten Christen und zumal die Caritasvertreter müßten sich aus der Erkenntnis der außerordentlichen Bedeutung hinreichender Wohnungen für das Familien- und Einzelglück und für die gesunde sittliche Entwicklung der Jugend, und aus der Einsicht in die ungeheure Wohnungsnot, namentlich in den Ländern, durch die die Kriegsfurie brauste, als Anwälte eines großzügigen, sozialen Wohnbauprogrammes betätigen und sich zu einem gewaltigen Chor mit dem Ruf: "Baut, baut, baut!" vereinigen, einem Ruf nach ausreichenden, gesunden Wohnungen, den weder die Parteien noch die Landesregierungen zu überhören sich gestatten könnten. Es muß eine solche soziale Gesetzgebung geschaffen werden, die es der Mutter ermöglicht, sich der Erziehung ihrer Kinder zu widmen.
  2. Es muß ein energischer Kampf gegen die laxe Beurteilung der Unehelichkeit und der Ehescheidung, die in zunehmendem Maße auch in christlichen Kreisen Eingang findet, aufgenommen werden, und zwar von uns vor allem auch mit Hinweis auf die Kinder, die dadurch eine so gefährliche, ja tragische Belastung erfahren. Das ist ein Motiv, das auch auf religiös gleichgültige Menschen, wenn sie nur ein Herz für die Kinder haben, noch zu wirken vermag. Ein solcher Appell sollte nicht nur häufig durch den Pfarrer von der Kanzel ausgesprochen werden, sondern auch von den in der katholischen Aktion tätigen Laien. Nichts ist auch hier gefährlicher als mutlose Resignation und die Ansicht, diese Entwicklung vollzöge sich mit der Sicherheit eines Naturvorganges. Es sieht zwar fast so aus. Selbst in den Orten, wo vor einem halben Jahrhundert die uneheliche Mutter in der Kirche noch im Armsünderbänkchen knien mußte (die Älteren unter Ihnen erinnern sich vielleicht noch des nach dem ersten Weltkrieg im Hochland erschienenen Romanes "Armsünderin", von Nanny Lambrecht) betrachtet man, auch unter dem Eindruck der zahlreichen unehelichen Kinder, deren Väter unter den Soldaten der Besatzungen zu suchen sind, die uneheliche Geburt als etwas durchaus Normales und weder Mutter noch Kind Diskriminierendes. Man würde mich total mißverstehen, wenn man glaubte, ich wünschte eine Wiederkehr der Armsünderbank in der Kirche und ich träte für eine irgendwie pharisäische und lieblose Haltung gegen die uneheliche Mutter oder gar gegen das uneheliche Kind ein. Bei Leibe nicht! Aber wir sollten uns die der christlichen Moral entsprechende Beurteilung der Unehelichkeit und der Unauflöslichkeit der Ehe bewahren und sie, wo es not tut, bekennen, und vor allem die tragische und gefährliche Situation des unehelichen Kindes und der Kinder aus geschiedenen Ehen nicht vergessen und an passender Steile gebührend hervorheben. Die die Sicherheit und Entschiedenheit der sittlichen Beurteilung erschütternde Beeinflussung durch die große Zahl der Fälle zeigt sich auch bei der Beurteilung der Ehescheidung, selbst in christlichen Kreisen. Auch da gilt es, die Gewissen zu schärfen und als Anwalt der Jugend und als Kämpfer gegen die Jugendverwahrlosung aufzutreten. Da wo ungünstige soziale Verhältnisse in der Problematik der unehelichen Mutter und der Ehescheidung eine Rolle spielen, müssen wir entschieden für ihre Besserung eintreten.
    Der isolierte Appell mit der eben gezeichneten Zielsetzung wird aber wenig nützen, sondern er muß eingebaut sein in unser Bemühen, die junge Generation zu einer richtigen Einstellung zum Geschlechtlichen überhaupt zu erziehen, ihr eine hohe Auffassung von der Ehe zu vermitteln und dem Jüngling das Ideal des sich bewahrenden Mannes und dem Mädchen das Ideal der virgo et mater als erhabene Versuchung zu geben. Und der Moment scheint mir dazu psychologisch nicht ungünstig. Es gibt Gott sei Dank neben der verwahrlosten Jugend doch eine noch gesunde und eine erst gefährdete, die für einen solchen Appell durchaus empfänglich ist. Wenn wir so verfahren, dann führen wir einen wahrhaft positiven Kampf gegen die Jugendverwahrlosung. Und es scheint mir, als wenn diesen erzieherischen Bemühungen der erwachsenen Generation ein Streben der jungen Generation entgegenkäme.
    Im Einzelorganismus ist es bekanntlich so, daß - wenn er von einer Infektionskrankheit befallen wird - sich in ihm ein Gegengift, ein Antidot entwickelt, so daß er hinterher gegen eine Infektion durch die gleiche Krankheit immun ist. Ähnlich - ich könnte jetzt auf völkische Beispiele exemplifizieren - scheint es mir in Sozialorganismen, z. B. im Volk zu sein. Wenn die Krankheits- und Entartungserscheinungen in einem Volke eine alarmierende Höhe erreichen, dann tauchen Schichten auf, die Träger des Antidotes sind. Und mir und anderen Freunden der Jugend, die Kontakt mit ihr haben oder häufig zu ihr sprechen, scheinen weite Kreise eben dieser Jugend selbst - wenn man so sagen darf - Träger des Widerstands-, bzw. Gesundungsbazillus zu sein. Notwendig ist nur, daß von uns - der älteren Generation - der Ruf zu ihr dringt, die Forderung nach Selbstbeherrschung, Selbstbewahrung bis zur Ehe, der Lobpreis der Keuschheit und der Treue. Und wo er sie erreicht, stellen wir dann meistens mit Beglückung fest, wie er begeistert aufgenommen wird.
  3. Da aber die Zahl der strukturell geschädigten oder zerstörten Ehen und Familien im Moment Legion ist, ist es notwendig, für die infolgedessen von der Verwahrlosung bedrohten oder schon erfaßten Kinder eine Ersatzfamilie zu finden. Es ist ein trauriges Zeichen der geringen Kraft unserer christlichen Nächstenliebe, daß es auch in katholischen Gegenden fast unmöglich ist, für ein Kind mit Erziehungsdefekten, das unbedingt für längere oder kürzere Dauer aus der elterlichen Familie herausgenommen werden müßte, eine katholische Familie zu finden. Hier besteht eine zwar kleine, aber immens wichtige Aufgabe der Caritas, in Stadt und Land geeignete Familien, vielleicht mit Unterstützung des Pfarramtes, zu finden, die zur Aufnahme eines solchen Kindes bereit und zu seiner Erziehung fähig wären. Es wäre der Gedanke gar nicht abwegig, solche Ehepaare zu Einkehrtagen oder Exerzitien zusammenzurufen und für ihre Erziehungsaufgabe zu schulen, was dann ja auch der Erziehung ihrer eigenen Kinder nicht abträglich wäre.
  4. Zur Verhütung oder Heilung dieser die Jugendverwahrlosung begünstigenden oder hervorrufenden strukturellen Schäden von Ehe und Familie müßte aber auch Bedacht darauf genommen werden, daß die erzieherischen, fürsorgerischen und heilpädagogischen Maßnahmen nicht mithelfen, noch gesunde Familien strukturell zu schädigen.

Das ist z. B. der Fall, wenn die Kindergärten, die außer für Einkinder aus allen sozialen Schichten, vor allem für Kinder, deren Eltern beide berufstätig sind, oder die in völlig ungenügenden Wohnungen leben, bestimmt sind, nun aus Bequemlichkeit oder aus einer übertriebenen Wertung des Kindergartens, der an erzieherischer Bedeutung hinter dem idealen Familienraume zu rangieren hat, von breiten Schichten des Bürgertums für ihre 3- bis 6jährigen dem Aufenthalt in der eigenen Familie vorgezogen wird. Das ist auch der Fall, wenn Eltern, die einen gemeinsamen Ferienaufenthalt mit ihren Kindern durchaus verwirklichen können, sich in zunehmendem Maße daran gewöhnen, ihre Ferien gesondert zu verleben, die Kinder in Lagern oder Ferienkolonien unterzubringen und so sich der gemeinsamen Ferienerlebnisse, die oft ein festes Band um alle Familienmitglieder schlingen, berauben. Da, wo man die hier stechenden dissozierenden Wirkungen erkannt hat, macht man den Versuch, Lager, Ferienkolonien und ähnliches für Eltern und Kinder gemeinsam zu organisieren.

Ein anderes, hierher gehöriges Beispiel liegt vor, wenn das Jugendheim, das vor allem die unbetreute, beschäftigungslose Jugend von der Straße und ihren Gefahren für Körper und Seele behüten sollte, nun auch die behütete und beschäftigte Jugend aus intakten Familien zu früher Aushäusigkeit verlockt und den familiären Zusammenhalt lockert.

P e r s ö n l i c h k e i t s m a n g e l

Die Verwahrlosung der Kinder kann zweitens direkt oder indirekt begünstigt oder veranlaßt werden durch den ethischen Tiefstand der Eltern. Es ist ein alter Satz, der jedem Pädagogen geläufig ist: Die Selbsterziehung ist der Anfang der Fremderziehung. Ein Mann oder eine Frau, die sich um das Recht der Persönlichkeit selbst betrogen haben, denen es an der nötigen sittlichen, inneren Reife fehlt, können nicht erziehen. Wie wenig diese Anschauung in dem nicht pädagogisch gebildeten Menschen lebendig ist, ergibt sich aus der häufig auftretenden Anschauung, daß man einen jungen Menschen, der haltlos, unbeherrscht oder triebhaft ist, zur Ehe rät, weil man glaubt, dann würde er eher mit den Forderungen seines Blutes fertig werden. Man vergißt die aufrüttelnden Worte Nietzsches: »Wie ein Senkblei werfe ich diese Frage in Deine Seele, daß ich weiß, wie tief sie sei. Du bist jung und wünschest Dir Kinder und Ehe, aber ich frage Dich: Bist Du ein Mensch, der ein Kind sich wünschen darf? Bist Du der Siegreiche, der Selbstbezwinger, der Gebieter der Sinne, der Herr Deiner Tugenden, also frage ich Dich, oder redet aus Deinem Wunsch das Tier und die Notdurft oder Vereinsamung oder Unfriede mit Dir? Ich will, daß Dein Sieg und Deine Freiheit sich nach einem Kinde sehnen. Lebendige Denkmale sollst Du bauen Deinem Sieg und Deine Freiheit sich nach einem Kinde sehnen. Über Dich sollst Du hinausbauen, aber erst mußt Du Dir selber gebaut sein, rechtwinklig an Leib und Seele!" - Die Entwicklung der Kinder ist gefährdet, ja sie sind geradezu von der Verwahrlosung bedroht, wenn es an diesem inneren ordo in

den Eltern fehlt. Es gibt viele Definitionen der Jugendverwahrlosung, wenn man auch nur die von bedeutenden Autoren formulierten nebeneinanderstellt, könnte man es für unmöglich halten, sie auf einen einheitlichen Nenner zu bringen. Ich glaube, es wäre aber doch möglich durch folgenden Gedankengang: Da, wo in einem Menschen der innere ordo vollkommen fehlt, wo er sich also von den Trieben und Impressionen des Augenblicks vorwärts treiben läßt, da könnte man von einer inneren Verwahrlosung sprechen. Und diese innere Verwahrlosung müssen wir heute in weiten Kreisen der Erwachsenen konstatieren. Wenn wir über den sittlichen Tiefstand und den chaotischen Geist der Öffentlichkeit klagen, so müssen wir uns doch immer bewußt sein, daß dieser Geist durch die Erwachsenen gebildet wird. "Was Ihr den Geist der Zeiten heißt, das ist der Herren eigener Geist." Und wenn wir das tiefe Niveau der geistigen Atmosphäre in vielen, auch selbst sich christlich nennende Familien feststellen müssen, so ist das auch nur zu erklären aus dem ethischen Tiefstand der Eltern, die ja in erster Linie die Schöpfer des Geistes der Familie sind.

Ein Erwachsener kann die charakterisierte innere Verwahrlosung durchaus aufweisen, aber sich dann doch aus mehr oder minder selbstsüchtigen Gründen und Erwägungen so weit in der Gewalt haben, daß er einen Zusammenstoß mit der Gesellschaft und ihren Gesetzen so weit vermeidet, daß er nicht ihre Gegenwirkung erfährt, also nicht als a- oder antisozial oder etwa gar als kriminell erscheint. Wir beschränken gewöhnlich den Ausdruck Verwahrlosung auf die Fälle, wo dieser innere desordre manifest wird, zu einem Zusammenstoß mit der Gesellschaft führt. Nun ist aber ganz klar, daß da, wo die Eltern diesen großen Persönlichkeitsmangel aufweisen, sie nicht die Entwicklung einer Ordnung in ihren Kindern gewährleisten können. Da kann ein Kind höchstens gut geraten trotz der Ungeeignetheit seiner Eltern.

Es ergibt sich also als Hauptforderung an die Eltern, auch im Interesse der gesunden Entwicklung ihrer Kinder und der Verhütung ihrer Verwahrlosung die Arbeit an sich selbst. Man kann geradezu sagen, daß hier die indirekte Methode der Erziehung die wirksamste ist, die darin besteht, wie Friedrich Wilhelm Förster es einmal ausdrückt, daß sich der reformerische, erzieherische Wille der Eltern zunächst auf sich selbst richtet, damit ist dann auch schon das Wichtigste für die gesunde Entwicklung ihrer Kinder getan - und erst in zweiter Linie auf die Kinder selbst. Daß die Persönlichkeitsreife der Eltern der entscheidende Faktor in der Erziehung ist, wird deutlich aus manchen Autobiographien und Lebenserinnerungen, und vielleicht bestätigt durch unsere eigenen Kindheits- und Lebenserfahrungen. Aus ihnen ergibt sich, daß das, was den größten erzieherischen Einfluß auf Kind und Jugendliche ausübt, nicht die intentionalen Erziehungsmaßnahmen der Eltern waren, wie Gebot und Verbot, Belehrung, Mahnung, Warnung, Lob und Tadel, Lohn und Strafe, sondern die stumme Predigt ihrer Persönlichkeit. Und da, wo diese absichtlichen Erziehungsmaßregeln wirklichen erzieherischen Erfolg hatten, da repräsentierten die Eltern selbst, was sie von ihrem Kind forderten oder sie strebten wenigstens danach. Und wo diese Identität zwischen der moralischen Forderung und ihrem eigenen sittlichen Sein nicht bestand, da hatten sie keinen Erfolg. Mit ihren erzieherischen Worten klangen dem Kind und Jugendlichen vernehmbare Obertöne mit, die die Forderung der Eltern dementierten. Daß die Tochter der zuchtlosen Mutter sich nicht selbst bewahrt, daß der Sohn des in der Ehe treulosen Vaters in der Regel nicht zum zuchtvollen, sich selbst beherrschenden Mann wird, daß lügenhafte, unordentliche, leichtsinnige, unbeherrschte Eltern in der Regel gleich geartete Kinder haben, ist eine alte Erfahrung, die in dem Sprichwort: "Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm" ihren bildlichen Ausdruck fand. Dazu kommt, daß eine gesunde intentionale Erziehungspraxis nur von Eltern gehandhabt werden kann, die eine gewisse Reife, ein gewisses ethisches Niveau erreicht haben. Wir wollen uns von einer Traumulusbetrachtung des Menschen fernhalten und nicht gleich fordern, daß jeder Vater, jede Mutter, die erfolgreich erziehen wollen, eine geschlossene sittliche Persönlichkeit sein müssen. Aber auch wenn wir uns mit einer Minimalforderung begnügen wollen, so müssen wir als Tatsachen anerkennen, daß nur der Vater und die Mutter positiv erziehen können, die ein lebendiges sittliches Streben ihr eigen nennen, die zwar auch sündigen, die es aber wissen, bei denen sich das Gewissen regt, und die bereuen können, nicht aber diejenigen, die mit fortschreitendem Alter immer oberflächlicher, ins Irdische verstrickter, diesseitiger und ideallos werden. So gehört also zur Bekämpfung der jugendverwahrlosung Anregung und Anleitung der Eltern in Wort und Schrift zur Aufgabe der sittlichen Selbsterziehung.

F a l s c h e B e h a n d l u n g d e r K i n d e r.

Die dritte Ursache der jugendlichen Verwahrlosung kann in der falschen pädagogischen Einstellung und Verhaltungsweise der Eltern, in ihrer pädagogischen Gleichgültigkeit und Unkenntnis und ihren falschen pädagogischen Maßnahmen liegen. Man könnte der Ansicht sein, daß die Natur den Menschen schon so ausgestattet habe, daß er seinen Nachwuchs richtig und gut erziehen kann, wie sie ihn ja auch so ausgestattet hat, daß er Kinder zeugen kann. Daß man in den sprachschöpferischen Urzeiten der Menschen dieser Meinung war, ergibt sich schon daraus, daß die beiden Ausdrücke für "Zeugen" und "Erziehen" ethymologisch dieselbe Wurzel haben. Zeugen, Ziehen, Aufziehen, Erziehen, Züchten, Zucht usw. im Deutschen, educare im Lateinischen, das sowohl Hervorbringen wie Großbringen bezeichnet, das entsprechende griechische Wort, das Kinder haben, d. h. gebären und aufziehen, bedeutet, legen das nahe. Aber wenn man glaubt, der pädagogische Instinkt der Eltern genüge für eine gesunde Erziehung ihrer Kinder, so wissen wir, daß das heute nicht mehr zutrifft. Der Instinkt kann das Leben ja überhaupt nur regieren, wenn die Verhältnisse ganz naturnah geblieben sind. Es macht übrigens heute den Eindruck - und das ist vielleicht ein Zeichen der menschlichen Dekadenz - daß dieser pädagogische Instinkt, wie auch manche anderen Instinkte, schwach geworden ist. Deutlich wird dieser Verlust des Instinktes ja bei den Frauen, die das Kind nicht mehr wollen, das Kind nicht mehr lieben und betreuen und in dieser Beziehung unter die Tiermutter gesunken sind. Dazu kommt aber auch noch, daß dem Instinkt wohl beim Tier, nicht aber beim Menschen das Maß angeboren ist. Und wir finden ja immer wieder, daß die Eltern, die instinktiv erziehen, gerade durch das Nichtmaßhalten sündigen, durch das Zuviel oder Zuwenig, das Zuviel an Liebe oder den Mangel an Liebe, das Zuviel oder Zuwenig an Gebot und Verbot, an Lob und Strafe, durch das Zuwenig oder Zuviel an Sorge. Der Schweizer Künkel hat das sehr anschaulich gezeigt an dem bekannten Schwellenerlebnis und seiner Erledigung durch die Eltern. Wir erfahren auch immer wieder, daß oft Eltern, die ihre Kinder wirklich erziehen wollen, sich an erzieherische Beeinflussung nicht genug tun können, ihre Kinder im Übermaß pädagogisieren und damit zu negativen Erziehungsresultaten kommen.

Da aber auch der noch wache, pädagogische Instinkt bei unseren komplizierten Verhältnissen, bei der Mannigfaltigkeit der auf das Kind einwirkenden Erziehungsfaktoren, bei der Kompliziertheit unseres gesellschaftlichen Lebens, in das sie hineinwachsen sollen, nicht genügen kann, muß die Belehrung, die Unterrichtung, die pädagogische Unterweisung der Eltern hinzutreten. Jeder, der Gelegenheit hat, die Erziehungspraxis von Eltern zu beobachten und der, wie es in der Erziehungsberatungsstelle ja der Fall ist, ihre eigenen Berichte über ihre Erziehungstätigkeit anhört, muß immer wieder konstatieren, daß ihnen sehr häufig das ABC einer richtigen Erziehungsweise fehlt. Besonders deutlich wird es daran, daß das Schimpfen, die Gewalt der Stimmittel, und die Prügelstrafe bei sehr vielen Eltern Alpha und Omega ihrer pädagogischen Weisheit ist. Die Folge davon ist, daß in die Erziehung eine außerordentliche Monotonie kommt, und daß das ganze pädagogische Niveau der Familie sinkt. Ob das Kind lügt oder nascht, ungehorsam ist oder zu spät kommt, ob es seine Sachen unordentlich liegen läßt, Streiche macht oder Eßschwierigkeiten zeigt, ob es voll motorischer Unruhe ist oder trotzig oder faul, es wird geprügelt. Man kennt keine Variation der Erziehungsmittel, höchstens eine quantitative Steigerung, bzw. Intensivierung der Prügel. Nun steht es aber fest, daß die Prügelstrafe ein sehr ungeeignetes Erziehungsmittel ist, daß sie eigentlich eine contradictio in adjecto ist. Die Erziehung will doch dahin führen, daß Kinder und Jugendliche dem Guten treu bleiben, auch wenn sie materielle und körperliche Nachteile befürchten müssen. Zu dieser Haltung wird man doch unmöglich erziehen können, indem man sie immer wieder gewöhnt, vor dem körperlichen Nachteil zurückzuschrecken.

Wer mit Verwahrlosten zu tun hat, weiß, daß es kaum einen Verwahrlosten gibt, der zu wenig, viele aber, die zu viel Prügel bekommen haben. In den Erziehungsheimen für Verwahrloste hat sich ja auch in der Gegenwart in steigendem Maße gezeigt, daß der größte Erfolg da erzielt wird, wo man auf die Prügelstrafe grundsätzlich verzichtet. Der verprügelte Junge wird leicht hinterhältig, scheu, verstockt, duckmäuserisch oder - im Gegenteil - wenn er über die entsprechende Vitalität verfügt, erfüllt von innerer und schließlich auch äußerer Opposition und erzogen zu der Anwendung der gleichen gewalttätigen Methoden.

Aber die Eltern werden von ihrem Aberglauben an die erzieherische Macht der Prügelstrafe in der Regel erst dann geheilt, wenn sie nichts mehr nützt, und wenn sie bekennen müssen, daß sie mit ihrem Kind im Guten und im Bösen nicht mehr fertig werden.

Die pädagogische Instinktlosigkeit vieler Eltern zeigt sich auch darin, daß sie allzuviel tadeln und warnen und dadurch - wie die Mutter es dem Vater in "Hermann und Dorothea" vorwirft - dem Kinde und Jugendlichen allen Mut in der Brust nehmen, und ihn mit Minderwertigkeitsgefühlen erfüllen. So sicher die Anhänger der Individualpsychologie unrecht haben, die a l l e Kinderfehler und -streiche auf Minderwertigkeitskomplexe zurückführen (wie seinerzeit die in Dresden im Verlag "Am anderen Ufer" herausgebrachte Sammlung "Schwererziehbare Kinder"), so richtig ist es, daß viele der kindlichen und jugendlichen Fehler und Vergehen darin wurzeln. Die Ursache der sittlichen Verwahrlosung der Kinder kann auch in ihrer fehlenden oder ungenügenden Beaufsichtigung liegen. Durch die süddeutschen Zeitungen ging in letzter Zeit ein Bericht über die "Pest in einem Dorf", und dieselben Zustände ergaben sich kürzlich bei einer Gerichtsverhandlung in Salzburg für ein österreichisches Dorf. Fast alle Kinder und Jugendlichen dieser Orte trieben in ihrer schulfreien Zeit geschlechtliche Spielereien und Schlimmeres, ohne daß die Eltern, die Erwachsenen es merkten oder - wo sie es merkten - hielten sie das Tun für harmlos und taten nichts Entscheidendes, um derartige Vorgänge unmöglich zu machen. Überhaupt ist ja die Tatsache, daß für einen großen Teil der Eltern das Geschlechtliche noch immer tabu ist, charakteristisch, daß sie es nicht wagen, ihr Kind selbst über die Mutterschaft aufzuklären, geschweige denn über die Vaterschaft, daß sie es unwissend schuldig werden lassen, obwohl heute doch nur die Antinomie besteht zwischen Aufklärung aus der Gosse oder geleiteter Aufklärung durch die Erzieher. Dieses Schweigen ist ein pädagogischer Fehler, der sich oft aufs schwerste rächt. Auch noch in anderer Beziehung zeigt sich die volle pädagogische Unerfahrenheit der Eltern. Natürlich beklagen sie sich, wenn Sohn und Tochter über die Zeit draußen bleiben, mit 14, 15 Jahren überhaupt anfangen, aushäusig zu werden; sie werden sich aber nicht klar darüber, daß sie mitschuldig daran sind, weil sie ihrem Kinde in ihrem Familienraum nichts bieten. Sie wissen nicht, daß sie selbst mit den Kindern singen, spielen, musizieren, wandern müssen, daß sie Vorbild sein und Anleitung geben müssen zur würdigen Ausfüllung ihrer Freizeit. Sie klagen auch, wenn Junge oder Mädchen, vielleicht sogar, nachdem sie sich unrechtmäßigerweise das Geld dazu beschafft haben, als 15- oder 16jährige wahllos ins Kino laufen, aber sie nehmen die 5- oder 6jährigen schon mit in das Non-stop-Kino. Sie wissen nicht, welche außerordentlich erziehende Macht Sitte und Brauchtum haben, sonst würden sie in ihrem Familienkreis Sitte und Brauchtum pflegen und sie da, wo sie unlebendig geworden sind, wieder lebendig machen und erneuern. Sie kennen und beachten nicht die Frühsymptome der Jugendverwahrlosung und eilen zum Arzt und Erziehungsberater - wenn überhaupt - so erst in letzter Stunde.

Natürlich sind die Erziehungssünden der Eltern, die Ursachen der Gefährdung oder Verwahrlosung ihrer Kinder werden können, in Zahl und Schwere abhängig vom Grad ihrer pädagogischen Fähigkeiten und ihrem ethischen Standard, aber auch vom Umfang ihres pädagogischen Wissens. Auch geringes pädagogisches Wissen und geringe pädagogische Erfahrung sind die Quellen schwerer pädagogischer Mißgriffe. Beides fällt heute viel schwerer ins Gewicht, als in früheren Zeiten, in denen noch eine pädagogische Familientradition lebendig war, und die Eltern im großen und ganzen pädagogisch richtig verfuhren, wenn sie ihre Kinder so erzogen, wie sie selber erzogen worden waren. Eine solche Tradition existiert heute kaum noch. Sie würde auch wenig nützen, weil die heutige Jugend in vielem anders denkt und fühlt und will, als die vorangehende Generation, und weil auch das Leben, zu dessen Meisterung sie erzogen werden soll, sich in wesentlichen Zügen geändert und seine Gefahren zahlreicher und größer geworden sind. Aus all diesen Gründen ist Schulung für ihre spätere erzieherische Aufgabe erforderlich.

In Brüssel besteht seit Jahren eine Commission Internationale des Congrés d`Education Familiale, die im Laufe der letzten Jahrzehnte sechsmal zu internationalen Kongressen über Familienerziehung zusammenrief, deren letzter im September 1949 stattfand. Auf diesen Kongressen wurde von den Teilnehmern aus aller Welt eine Reihe von Resolutionen gefaßt und durch den Druck verbreitet "Voeux et Suggestion?", von denen auch wir die wichtigsten im Interesse der erzieherischen Ertüchtigung der Familie und der Bekämpfung der Jugendverwahrlosung vertreten müssen, und besonders müssen wird energisch dafür eintreten, daß

  1. unsere Jugend, und zwar nicht nur die Mädchen, in den letzten Jahren ihres Schulbesuches nicht nur über die Gestaltung der Familie, die Führung des Haushaltes und Säuglingspflege unterrichtet, sondern auch mit den Aufgaben und Methoden christlicher Familienerziehung vertraut gemacht werden. Die Beschränkung der Vorbereitung auf die Aufgaben von Ehe und Familie auf die Mädchen ist unberechtigt. Der Vater hält sich heute - häufig viel stärker, als das durch wirtschaftliche Notwendigkeiten erzwungen wird in der Erziehung der Kinder zurück und überläßt sie, mehr als berechtigt, der Erziehung durch die Mutter. Gerade katholische Pädagogen (ich weise z. B. hin auf Josef Kuckhof "Der Vater") haben die stärkere Aktivität der Väter in der Kindererziehung auch im Interesse der religiösen Erziehung gefordert;
  2. daß Brautleute in Brautkursen vor der Eheschließung gründlich in die Problematik der Ehe, der Familiengestaltung und Familienerziehung eingeführt werden (siehe Klaus Mund, Vinculum),
  3. daß die gesunden Methoden der Familiengestaltung und Familienerziehung durch Vorträge, geeignete Buchliteratur, durch die Presse, Film und Rundfunk zum Allgemeingut gemacht werden,
  4. daß, um ratlosen Eltern, die mit ihren Erziehungsschwierigkeiten nicht fertig werden, zu helfen, Erziehungsberatungsstellen eingerichtet, und mit ihnen eine Beobachtungsstation und ein Hort verbunden werden.

Die christlichen Pädagogen und Eltern dürfen aber vor allem eines nicht vergessen, daß die kindliche und jugendliche Entwicklung durch den Einfluß von Anlage und Erziehung nicht determiniert wird, sondern daß da ein Raum der Freiheit bleibt und das Kind sich anders entscheiden kann, als es die Einflüsse der funktionalen und intentionalen Erziehung bewirken wollen. In den Büchern der Gesamtausgabe der Werke Friedrich Fröbels findet sich vorn als Vignette eine Blume (Lilie), umgeben von Gartengeräten, und darüber die Sonne, die ihre Strahlen herniedersendet. Diese Darstellung will Fröbel als Symbol der Erziehungsaufgabe aufgefaßt wissen. So wie die Gärtner durch Bearbeitung des Bodens mit den Gartengeräten zwar günstige Entwicklungsmöglichkeiten für die Pflanze schaffen kann, aber Sonnenschein und Regen zur rechten Zeit hinzukommen müssen, wenn die Pflanze gedeihen soll, so kann auch der Erzieher dem Kinde, der Menschenpflanze, zu einer gesunden Entwicklung mit behilflich sein, aber es darf dabei der Segen von oben nicht fehlen. Dem Beobachter des christlichen Lebens kann es nicht entgehen, daß die Sitte, täglich für die Kinder zu beten und den Segen auf die eigene Erziehungsarbeit herabzuflehen, auch in den katholischen Familien seltener geworden ist. Daher müssen wir die Eltern, und auch schon die, die es werden wollen, eindringlich dazu aufrufen. Ohne Gebet können Ehe und Familie nicht in einer idealen Form verwirklicht werden.

Karl Adam hat in einer kleinen, aber gedankenreichen Schrift gezeigt, wie schon die natürliche Ehe, trotz der Schwächung ihres Adels durch die Sünde des Stammvaters des Menschengeschlechtes, über das bloß Naturhafte und Diesseitige in das Jenseitige hinausweist und ohne Hinordnung auf Gott ein großes Wagnis bleibt. Aus dieser natürlichen Ehe mit der schon von ihr geforderten Hinordnung auf das jenseitige wurde durch Christus eine Einrichtung übernatürlichen Charakters mittels ihrer Erhebung zum Sakrament. Dadurch wurde sie eine Schatzkammer sakramentaler Gnaden, die sich den betenden Ehegatten offenbaren. Ich glaube, wir geben keine vermessene Zusicherung, wenn wir den Eltern, die regelmäßig und in der richtigen Weise für ihre Kinder beten, sagen, das sei eine erfolgreiche Waffe gegen deren Gefährdung und Verwahrlosung. Im Grunde wiederholen wir damit nur, was der hl. Ambrosius der hl. Monika in der Zeit sagte, als ihr Sohn den Weg der Sünde ging:

"Ein Kind so vieler Tränen und Gebete kann nicht verlorengehen."