Die psychologische Notwendigkeit von Beheimatung
Beate Mitzscherlich, Zwickau
Im Zeitalter der Globalisierung erscheint es eher ein Ausdruck von Nostalgie oder Konservativität, über Heimat zu reden. Der modernisierte Mensch, mobil, flexibel, weltweit vernetzt so zumindest lässt es die Ideologie der Globalisierung erscheinen braucht keine Heimat mehr. Er ist überall auf der Welt zuhause und die Welt erreicht ihn noch im abgelegensten Winkel über Produkte, Medien und wirtschaftliche Zusammenhänge. Es gibt keine abgeschlossene Enklave, keinen sicheren Rückzugsort mehr, den man noch als Heimat bezeichnen könnte. Für die einen ist das ein Grund zu feiern: Endlich entkommen aus der bedrückenden Enge der Herkunftsorte und deren verstrickenden, abhängig machenden Beziehungen! Für andere ist das ein Problem: Sie leiden unter dem Verlust bzw. der Bedrohung ihrer Heimat. Aber was ist da eigentlich bedroht? Was ist Heimat – psychologisch betrachtet? Brauchen Menschen Heimat und wenn ja wie viel? Und falls sie Heimat brauchen, wie kommen sie heutzutage unter den Bedingungen der Globalisierung dazu?
Diese Überlegungen standen am Beginn meiner Doktorarbeit über Heimat als psychologisches Phänomen. Für mich persönlich war Heimat schon immer eine ambivalente Angelegenheit. Aufgewachsen bin ich in der DDR, deren Heimatlieder ich als Kind voller Inbrunst mitsang, als Jugendliche fühlte ich mich zunehmend eingesperrt und eingeschränkt in meiner persönlichen Autonomie. Diese viel zu enge Heimat – z. B. für ein Studienjahr in der Sowjetunion zu verlassen, war für mich nicht nur mit intensiven Freiheitsgefühlen verbunden, sondern immer auch mit neuen Erfahrungen, Begegnungen mit Menschen, die ganz anders lebten als ich, einem auch über meine eigenen Grenzen hinausgehen. Der Fall der Mauer brachte nicht nur die lang ersehnte Reisefreiheit, sondern auch die Erfahrung, dass der Westen in wenigen Jahren meine Heimat völlig veränderte, und zwar nicht nur zum Besseren. Das gilt nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht: Die Sanierung der Innenstädte vertrieb viele der eingesessenen Bewohner und Geschäftsleute, welche die gestiegenen Mieten nicht mehr zahlen konnten, sondern vor allem in sozialer. In dem Maß, wie soziale Differenz wichtiger wurde, sich über Kleidung, Wohnen, Reisen ausdrückte, gingen Gemeinschaftsgefühl und soziale Integration verloren. Der Abstand zwischen den Menschen wurde deutlich größer, Beziehungen weniger verbindlich, es gab keine gemeinschaftstiftende Idee mehr (sowohl der Sozialismus, als auch der Widerstand dagegen waren solche Ideen). Das wird von vielen in der DDR aufgewachsenen Menschen als Verlust erfahren. Inzwischen gibt es an vielen Orten nicht nur mehr oder weniger passive N-Ostalgie, sondern eine aktive Suche nach neuen Möglichkeiten der Vergemeinschaftung.
Auch in meiner Arbeit als Psychologin werde ich immer wieder mit den Bedürfnissen von Menschen nach sozialer Einbindung und Anerkennung konfrontiert und gleichzeitig mit dem Bedürfnis nach individueller Autonomie und persönlicher Freiheit. Ist Heimat die Metapher für die gelungene Lösung dieses Konfliktes? Was also ist Heimat?
Wenn Menschen Heimatbilder assozieren, produzieren sie häufig Bilder einer archaischen, ländlichen Idylle, in der Menschen in einem engen Zusammenhang mit der Natur und untereinander leben. Der Archetyp der deutschen Heimat ist das kleine Haus am Wald, wo die gute Mutter hinterm Zaun steht und auf das Heimkommen der Kinder oder des Mannes wartet. Auch unter den Bedingungen der Modernisierung gibt es noch solche Zufluchtsorte, auch wenn sie heutzutage irgendwie anachronistisch anmuten. Ich möchte das an einem Beispiel deutlich machen., das nicht nur sprachlich an ein Märchen erinnert.
Es waren einmal zwei junge Männer, ein Tischler und eine Zimmermann, die beschlossen zusammen ein Geschäft zu eröffnen. Sie kauften einen alten, wunderschön gelegenen Dreiseitenhof in einem kleinen sächsischen Dorf. Der Tischler hatte bereits eine junge Frau und zwei entzückende kleine Kinder, der Zimmermann verliebte sich bald in eine Frau, die bereits drei Kinder hatte und von ihrem Mann verlassen worden war. Beide Paare bekamen noch je zwei weitere Kinder, sodass insgesamt neun Kinder zusammen auf dem Hof aufwuchsen. So wie die Männer durch fleißige Arbeit die Werkstatt zum Blühen brachten, arbeiteten die Frauen im Haushalt zusammen. Kochen, Backen, Wäsche waschen waren gemeinsame Sache, war eine der Frauen krank, übernahm die andere die Betreuung ihrer Kinder, was nicht weiter schwierig war, denn die spielten miteinander und hatten viel Raum. Sie spielten erst im Garten, dann in den Feldern hinter dem Haus, später gingen sie am Dorfbach entlang zur Schule. Wenn sie heimkamen stand das Essen schon auf dem Tisch, eine der Mütter klingelte mit einer Glocke, sodass die Männer aus der Werkstatt hochkamen, dazu die Lehrlinge und Gesellen, sodass an vielen Tagen mehr als 15 Leute um den Tisch saßen. Vor dem Essen wurde gebetet, am Sonntag in die Kirche gegangen, die Männer waren im Posaunenchor und im Gemeinderat aktiv, die Frauen sangen im Kirchenchor. Mehrmals im Jahr gab es Grund zu feiern, Taufen, Konfirmationen, der Ausbau der Werkstatt. Bei diesen Feiern waren viele Leute aus dem Dorf und aus der Verwandtschaft da. Es wurde zusammen musiziert, gesungen, gespielt...
Was glauben Sie aus welchem Jahrhundert diese Geschichte stammt? Sehr wahrscheinlich haben sie sich geirrt, denn es gibt diesen Ort tatsächlich in der Nähe von Dresden, die Werkstatt wurde erst 1993 eröffnet, die Männer arbeiten mit modernen Maschinen, benutzen täglich Mobiltelefone, Autos und Computer. Die Kinder fahren inzwischen mit dem Bus in die Oberschule, schauen gern fern und spielen am Computer – wie andere Kinder auch. Die Frauen haben es manchmal satt und wenn die Männer an einem Feiertag zur Gemeindefahrt ist, gehen sie mit allen 9 Kindern in die Gaststätte Spargel essen: da brauchen sie nicht selbst zu schälen. Trotzdem eine in Ansätzen heile Welt, oder nicht? Macht Sie diese Geschichte ein bisschen neidisch? Glauben Sie, dass die Kinder, die so aufwachsen, später mal mehr Halt im Leben haben, als andere? Wieso eigentlich? Wieso fühlt sich diese ländliche, durchaus arbeitsreiche Idylle irgendwie "heimatlicher" an, als das – statistisch weitaus normalere Leben einer alleinerziehenden Mutter mit einem Einzelkind in einer Großstadtwohnung, die früh zur Arbeit hetzt, ihr Kind fährt allein mit der Straßenbahn zur Schule, hat einen eigenen Schlüssel, übt am Nachmittag in der Tiefgarage Rollerbladefahren oder hört Kassetten. Abends wenn die Mutter nach Hause kommt, nimmt sie eine Pizza aus der Tiefkühltruhe, weil sie zu müde ist zum Kochen, kontrolliert vielleicht noch die Hausaufgaben und sieht mit dem Kind zusammen ein bißchen fern. Wieso sollte für dieses Kind Straßenbahn, Tiefgarage, Harry Potters Abenteuer, Pizza und das müde Gesicht der Mutter am Abend weniger heimatlich sein, als für die Landkinder ihr Bach und der Geruch nach Holzwerkstatt und Gemüsesuppe?
Sie sehen an dieser Gegenüberstellung, dass es so etwas wie einen kulturellen Stereotyp von "Heimat" gibt und der ist in Deutschland etwa am Beginn des 19. Jahrhunderts stehen geblieben. Hier liegt auch der eigentliche Ursprung des Heimatbegriffes, wie Hermann Bausinger es in einer Rekonstruktion der Begriffgeschichte (1990) gezeigt hat. Heimat war ursprünglich ein Stück Grund und Boden, das man verkaufen, besitzen und bewirtschaften konnte. "Die neue Heimat kostete ihn wohl 100 Gulden", heißt es noch bei Jeremias Gotthelf.
Im Zuge der Industrialisierung verließen allerdings die meisten Menschen die ländliche Lebensweise, auch das "Heimatrecht" – der Versorgungsanspruch im Fall von Alter, Krankheit und Armut war irgendwann nicht mehr an die Geburt und den Besitz von Grund und Boden in einer Gemeinde geknüpft, sondern wurde den Realitäten angepasst und an den Wohnort einer Person gebunden. Die ländliche Heimat wurde immer mehr zur "Landschaft" bzw. zur "Spazierwelt", sie wurde nicht mehr bewirtschaftet, sondern nur noch betrachtet, damit zunehmend idealisiert und romantisiert. Die damit verbundene Emotion drückt sich gerade in den Kunstliedern dieser Zeit auf eine spezifisch deutsche Weise aus. Der Wanderer muss aus der heimatlichen Idylle hinaus in die Fremde (der modernisierten Städte), wo ihm die kalten Winde ins Gesicht blasen. Der Ursprung der deutschen "Heimatbewegung" Mitte des 19. Jahrhunderts ist also bereits ein nostalgischer Reflex auf den Untergang der bäuerlichen Lebensweise. Sie ist wie die amerikanische Autorin Celia Applegate zeigt, auch untrennbar verbunden mit der – im Vergleich zu anderen europäischen Ländern verspäteten Nationenbildung. Der Heimatbegriff wurde zunehmend politisch besetzt und diente dazu, die Interessen der deutschen Provinzen mit einem zunächst als fremd empfunden Nationalstaat zu verknüpfen. Diese politische Besetzung des ursprünglich bäuerlichen Heimatbegriffes führte in seiner Konsequenz schließlich auf die Schlachtfelder des I. und II. Weltkrieges, wo die Männer unsinnigerweise für die "Heimat" an der Wolga, in Nordafrika oder auf dem Balkan kämpften und starben, während die in der Heimat zurückgebliebenen Frauen und Kinder im Luftschutzkeller saßen, ausgebombt wurden, in endlosen Trecks aus der Heimat flohen oder vertrieben wurden. Neben allem anderen – z. B. der Verfolgung und Vertreibung der jüdischen Deutschen, die Deutschland als ihre Heimat ansahen, waren es nicht zuletzt "Blut und Boden", "Volk ohne Raum" und die Idealisierung einer bäuerlichen Lebensweise, die als Vorwand einer schrecklichen Zerstörung herhalten musste.
Die so verlorene Heimat war natürlich erst recht zur Idealisierung geeignet. Nicht nur die Vertriebenverbände, sondern auch der aus den Trümmern der zerbombten Städte erwachsende Modernisierungsdruck führten zu einer neuen Renaissance des Heimatbegriffes, der sich in den 50er Jahren in einer Flut von Heimatfilmen und Büchern äußerte und zu einer gigantischen Heimatindustrie führte. Schließlich begann man mit zunehmenden Wohlstand, die in Deutschland kaputtmodernisierte Heimat an anderen Orten der Welt wiederzuentdecken. Erst waren es die Hochtäler Bayerns und Österreichs, dann Italien und Griechenland, später Spanien, die Kanaren usw. wo man Bilder der verlorengegangenen, immer noch als bäuerlich gedachten Welt wiederfand. Nicht nur die unzerstörte Natur, das einfache Leben, sondern auch der daraus resultierende soziale Zusammenhalt dieser fremden "Heimaten" wurden idealisiert und mit zunehmendem Tourismus zerstört. Inzwischen muss man auf der Suche nach Natur, einfachem Leben und traditioneller Gemeinschaft bis nach Bali oder auf die Malediven fliegen und auch dort wird wenig davon übrigbleiben, wenn der Schwarm der Wohlstandstouristen (und der weltweit operierenden Unternehmen) über die fremde Kultur hergefallen ist.
Bereits in der Begriffsgeschichte sehen wir nicht nur, wie der ursprünglich sehr praktische Begriff von Heimat immer mehr idealisiert und romantisiert wird. Wir sehen vor allem den unmittelbaren Zusammenhang zwischen einer Entwicklung, die das, was ursprünglich als Heimat erfahren wurde, immer mehr zerstört und einer gerade daraus resultierenden, sich verstärkenden, und wiederum ausgenutzten Sehnsucht nach Heimat. Insofern gibt es gute Gründe, dem Wort – und dessen politischer und kommerziellen Gebrauch zu misstrauen. Im Zuge der ökologischen Bewegung wurde in den 80er Jahren versucht, sich den Begriff wieder anzueignen. Heimat als "selbstgestaltete, kleine Welt" war mit der Rückkehr zu ökologischen Anbau-, Arbeits- und Lebensweisen und damit auch zum praktischen Gehalt von Heimat verbunden. Inzwischen zeigt die Debatte um die Globalisierung, um Weltbevölkerung, Wasser und Klima, dass es keine lokalen Heimatlösungen mehr gibt und dass die Bemühungen kleiner Gruppen ins Leere laufen, wenn sie nicht weltweit verbunden werden und zu einer politischen Wende führen. Da diese in erste Linie wirtschaftliche Interessen und Gewinnstreben beschränken müsste, scheint sie momentan wenig wahrscheinlich. Die so genannte Liberalisierung des Marktes führt momentan eher zur Senkung sozialer und ökologischer Standards. Im Zuge der Globalisierung wird "Heimat" zu einem (häufig falschen) Etikett, das Produkten aufgeklebt wird, damit sie sich besser verkaufen. "Rindfleisch aus Deutschland" ist unter den Bedingungen der Massentierhaltung keinesfalls vertrauenswürdiger als britisches Fleisch, erzgebirgische Volkskunst wird in Taiwan billiger produziert, an typisch ostdeutschen Zigarettenmarken verdient ein amerikanischer Konzern mehr, seit das Marketing mit dem Slogan "Eine von uns" nostalgische Bedürfnisse bedient.
Neben dieser kulturellen Dimension, die individuelle Wahrnehmungsmuster beeinflusst und formt gibt es natürlich auch die individuelle Erfahrung von Heimat. In dieser Hinsicht ist Heimat ein biografischer Ort, ein Ort, der zwar nicht nur in der Kindheit ist, aber in dieser wesentliche Prägungen erfährt.
In der biografischen Erfahrung ist Heimat in erster Linie eine sinnliche Erfahrung. Sie enthält die Erfahrung eines Kindes mit seiner unmittelbaren familiären Umgebung, aber auch der geografischen, sozialen und kulturellen Umgebung des Aufwachsen. Es sind nicht nur Bilder von Gesichtern, Personen, Räumen, Landschaften, sondern auch Klänge, Klangfarben, Dialekte, Melodien, typische Wörter und Sätze, Gerüche und Geschmäcker, die sich als "heimatlich", d. h. in diesem Zusammenhang vertraut, bekannt und gewohnt im wahrsten Sinne des Wortes "einprägen" und deren späteres Wiedertreffen an anderen Orten sofort zu heimatlichen Assoziationen führt. Diese sinnliche Dimension von Heimat ist häufig vor- bzw. unbewusst, beeinflusst aber spätere Entscheidungen gerade deshalb, weil sie manchen neuen Orten und Personen sofort eine Aura von "Vertrautheit" verleiht.
Insofern kann eine Stadt mit ihren spezifischen Bildern, Gerüchen, Geräuschen, Wegen für ein Kind natürlich genauso heimatlich erfahren werden, wie das Dorf. Martha Muchow hat in den 20er Jahren eine sehr schöne phänomenologische Studie unter dem Titel "Der Lebensraum des Großstadtkindes" durchgeführt. Sie hat detailliert beobachtet, wie Kinder sich die Höfe, Straßen, Plätze, Gebäude Hamburgs spielerisch aneignen, sie mit ihren Symbolen und Markierungen besetzen, spezifische soziale Strukturen daran entwickeln. Sie hat dabei unterschieden zwischen "Raum, in dem das Kind lebt" heute würden wir sagen, das sind die ökologischen Kontexte von Entwicklung, die (objektiven) Rahmenbedingungen. "Raum, den das Kind erlebt", das ist quasi die subjektive Widerspiegelung dieser Möglichkeitsräume durch ein Kind mit spezifischen Bedürfnissen und Fähigkeiten und schließlich, dem "Raum, den das Kind lebt", also eine Aneignung des Raumes durch dessen Veränderung und Gestaltung. Alle drei Dimensionen konstruieren Heimat in der Biografie, Kinder nehmen Heimat nicht nur passiv wahr und auf, sondern bewerten, beeinflussen und verändern sie von Anfang an. Das erklärt, warum ein und dieselbe "objektive" Heimat von zwei Menschen ganz unterschiedlich wahrgenommen, beschrieben und bewertet werden kann.
Heimat hat also bereits in der kindlichen Entwicklung etwas mit dem Hinausgehen, der Erweiterung seines Radius und damit seiner eigenen Handlungsmöglichkeiten zu tun. Das Besondere der Heimat, das was typisch für "uns" ist, wird häufig dann deutlich, wenn man sie verlässt und sich mit dem Fremden, Unbekannten konfrontiert. Gerade für Kinder ist die Vorraussetzung für dieses Hinausgehen aber Geborgenheit, Urvertrauen, sichere Bindung also eine relative Sicherheit darüber, dass die Heimat, noch da ist, wenn ich "heimkomme", noch so ist, wie ich sie verlassen habe. Das deutsche Kinderlied "Hänschen Klein" erzählt genau diese Erfahrung des Hinausgehens und Zurückkommens, mit einer zugegeben etwas repressiven Mutter, die zwar weint aber eben auch noch da ist, wenn Hänschen heimkommt.
Nun haben sich allerdings die Bedingungen des Aufwachsens verändert. Hänschen heißt inzwischen häufiger Kevin und findet sich immer wieder "allein zu Haus" (was seine Kreativität im gleichnamigen Film durchaus befördert). Das liegt nicht nur daran, dass Mutti inzwischen noch anderes vor hat, als auf ihr Kind zu warten, Vati war eh schon meistens unterwegs: es liegt vor allem an der grundlegenden Veränderung der sozialen und insbesondere familiären Beziehungen im Rahmen der Modernisierung (Beck-Gernsheim 1994). Wir müssen also eine andere, zeitgemäßere Geschichte erzählen, als die der Kinder von Bullerbü, wenn wir über Heimaterfahrung heute sprechen wollen.
Auf den sächsischen Dreiseitenhof kommen ein- bis zweimal im Jahr Kinder aus einer süddeutschen Universitätsstadt zu Besuch. Sie sind genauso alt wie ihre sächsischen Cousinen und Cousins (13 und 15) haben aber bereits an drei verschieden Orten gewohnt, da die Eltern am Theater arbeiten. Immer wenn der Vater eine neue Stelle bekam, zog die ganze Familie um. Die Kinder (und auch die Frau) mussten sich nicht nur an anderen Orten zurechtfinden, neuen Schulen genügen, neue soziale Netzwerke aufbauen. Zweimal haben sie längere Zeit im Ausland verbracht, sprechen Englisch und Französisch, verstehen ein paar Worte Schwedisch. Der Vater hat im Rahmen eines Gastspiels in Australien eine neue Partnerin kennen gelernt und die Familie verlassen. Er lebt jetzt immer wieder längere Zeit in Australien und hat dem Sohn ein Handy geschenkt, damit der ihn anrufen kann. Die Kinder genießen die Idylle der Großfamilie, wenn sie auf dem Dorf sind. Fragt man sie nach Heimat, beginnen sie mit einer Liste, auf der neben der Stadt in der sie momentan leben, dem Dorf ihrer Verwandten, ihrem Sommerferienort, auch der Vater in Australien, die ehemalige Schlagzeuglehrerin und der schwedische Freund der Familie auftauchen. Sie werden von ihren Cousins und Cousinen glühend beneidet um ihre "Weltläufigkeit". Sie sind deutlich kommunikativer, reflektierter und selbstbewusster im Auftreten als diese.
Diese Kinder sind kein Ausnahmefall mehr. Umzüge und Trennungen, aber auch der Kontakt mit anderen Kulturen sind in Mitteleuropa inzwischen Normalerfahrungen von Kindern. Haben sie noch eine innere Heimat? Zerfällt ihre Heimat in Bruchstücke? Haben sie mehrere Heimaten? Die oben beschriebenen Kinder haben die Erfahrung einer ganzheitlichen, ortsgebundenen, personal und emotional relativ stabilen Herkunft nicht mehr. Im Ergebnis sind sie möglicherweise sensibler, vielleicht auch vulnerabler, haben aber eindeutig bessere kommunikative und reflexive Kompetenzen als ihre gleichaltrigen Cousins und Cousinen. Sind sie vielleicht nicht sogar besser vorbereitet auf das Leben in der Moderne als diese?
Die Spätmoderne erzwingt von allen Arbeitnehmern berufliche, geografische und soziale Mobilität. Wer beruflich vorwärtskommen will, muss nicht nur mobil, sondern auch flexibel und jederzeit zu Veränderungen bereit sein. Dabei werden nicht nur Orte verlassen, sondern auch Menschen. Natürlich ermöglicht es aber auch immer wieder neue Begegnungen. Das verändert soziale Beziehungen: Freundschaften, Nachbarschaften, kollegiale Beziehungen sind nicht mehr auf Dauer angelegt. Kontakte sind vielfältiger und werden schneller geknüpft, zu Bindungen werden sie aber nur noch selten. Es erfordert einen hohen Aufwand, Beziehungen auch über Entfernungen zu pflegen, sie beruhen nicht mehr auf der Normalität geteilten Alltags. Das belastet insbesondere die familiären Beziehungen, führt zu vielen Trennungen, aber auch Wiederverheiratungen, so genannten Lebensabschnittspartnerschaften, dem "ganz normalen Chaos der Liebe" (Beck/Beck-Gernsheim 1990). Für Kinder wird die Erfahrung personeller Kontinuität und emotionaler Stabilität in der Familie immer weniger wahrscheinlich und bleibt zumeist an die Mütter geknüpft. Andererseits lernen sie mit verschiedenen Vätern auch verschiedene Verhaltensmuster. Verändert das ihr Bild von Heimat? Verändert das ihr Sich-Beheimatet-fühlen in der Welt? Verändert das ihre Bindungsfähigkeit, als wesentliche Voraussetzung von Beheimatung?
Neben den familiären Bedingungen hat sich auch anderes verändert. Die Studie von Martha Muchow zeigt das sehr deutlich. Würden Sie Kindern noch ohne weiteres erlauben auf der Straße zu spielen? Nicht nur die gestiegene Verkehrsdichte, auch eine Folge der Mobilität, wird das verhindern. Auch die Angst vor Kriminalität die eher auf einer gestiegenen Informationsdichte als auf der (real eher absinkenden und dann zumeist in Familien stattfindenden) Gewalt gegen Kinder beruht. Allerdings werden die wenigen Fälle medial so verbreitet, dass sie als allgegenwärtige Bedrohung erscheinen. Dabei wird das Kind auch zunehmend als hilf- und schutzloses, ohnmächtiges Wesen konstruiert, das in einer feindlichen Umgebung aufwächst. Es wird ihm wenig Vertrauen in die Welt der Erwachsenen vermittelt und es wird ihm im Grunde kaum noch zugetraut, einen Weg allein zu machen. Der mittelständische Vater fährt sein Kind früh zur Schule (oft kommt er dann erst wieder heim, wenn es schon schläft), die Mutter begleitet es zu den verschieden Freizeitevents. Damit wird das Kind nicht nur abhängiger von Erwachsenen (und die von ihm), es hat auch weniger Möglichkeiten, Eigenständigkeit auszuprobieren.
Das liegt natürlich auch daran, dass ihm die Gruppe Gleichaltriger außerhalb der Schulen und Kindereinrichtungen weitgehend abhanden gekommen ist. Nicht nur das Aufwachsen mit mehreren Geschwistern, sondern auch die Selbstverständlichkeit im selben Haus, in der unmittelbaren Nachbarschaft mit vielen anderen Kindern zu wohnen und mit denen in dieselbe Schule zu gehen, verschwindet nicht nur auf Grund demographischer Entwicklungen, sondern auch wegen sich stärker differenzierender Bildungswege und Interessen. Bereits Kinder haben zunehmend individualisierte Freundschaftsnetzwerke. Sie treffen Freunde nur noch zu bestimmten Zeiten an bestimmten Orten zu bestimmten Zwecken. Helga Zeiher hat das als "Verinselung der Kindheit" bezeichnet. Andere Autoren sehen darin eher eine Entwicklungschance: Fuhrer und Kayser betonen die Möglichkeit, das Selbst an unterschiedlichen Orten mit unterschiedlichen Personen zu "kultivieren" und somit eine größere, vielfältigere Heimat zu entwickeln.
Ob man diese Vielfalt als Bedrohung oder als Chance sieht, kann man natürlich auch anthropologisch diskutieren. Man kann sich fragen, ob der Mensch seiner Natur nach auf "Territorialität" also die Bindung an feste Reviere und auf die Ein-Bindung in stabile (Familien-) Beziehungen angewiesen ist. Es gibt viele Beobachtungen, die solche Hypothesen zu unterstützen scheinen, man landet dann aber auch schnell bei biologistischen, in ihrer Einfachheit sehr verführerischen Interpretationen von der Gattungsnormalität, analog zum Verhalten von Tieren. Selbst bei Tieren findet sich aber eine erstaunliche Adaptivität an die durch die Modernisierung veränderten Umwelten. Steinmarder leben inzwischen auch von den Gummiumhüllungen der Autokabel, Zugvögel verändern ihre jahrhundertealten Flugpläne im Rahmen der Klimaveränderungen. Menschen haben ihnen aber vor allem eins voraus und das ist ihre Reflexivität. Wenn sie die endlich benutzen, um die Folgen ihres Handelns auch wieder langfristiger zu betrachten und nicht nur für sich selbst luxuriöse Nester zu bauen, sondern auch daran zu denken, was von dieser Welt für die nächsten Generationen und anderswo auf dieser Erde übrigbleibt, könnte sich an der scheinbaren Gattungsnormalität von Egozentrik und Aggression gegenüber Fremden einiges grundsätzlich ändern. Ich will aber diese anthropologische Linie nicht vertiefen, sondern zu einem anderen Punkt kommen.
Die Antwort auf die Frage, ob Heimat durch den Prozess der Modernisierung bedroht wird oder ob sich die Erfahrung von Heimat im Gegenteil differenziert und vervielfältigt, hängt meiner Ansicht nach in erster Linie von Ressourcenlagen ab. Auch in Bezug auf Heimat gilt: "Wer hat, dem wird gegeben werden. Wer wenig hat, dem wird auch das wenige noch genommen werden." Reiche können sich mehrere Heimaten leisten. Arme müssen befürchten, dass sie das bisschen Heimatlichkeit eines gemütlichen Heims, einer einfachen Arbeit auch noch verlieren. Das beginnt beim Raum, der einem Kind für sein Aufwachsen zur Verfügung steht. Es macht einen Unterschied, ob ein Kind in der Villa mit Garten aufwächst oder in den 8 m˛ eines Kinderzimmers in den Plattenbauten eines sozialen Brennpunkts. (Die Wahrscheinlichkeit gleichaltrige Spielgefährten zu haben ist im sozialen Brennpunkt höher.)
Natürlich kann ein Kind sich auch in einer Villa sehr ungeborgen fühlen und ein Kind in einem Plattenbau soziale Nähe und Zusammenhalt erfahren. Aber unter dem Druck materieller Armut leiden erfahrungsgemäß auch die Beziehungen. Im Unterschied zu früheren Idealisierungen der traditionellen Arbeitergemeinschaft sind Industriearbeiter und Menschen in traditionellen Bauberufen die häufig eine nomadisierende Existenz hinnehmen müssen um überhaupt noch Arbeit zu haben heute – auch durch die permanente Bedrohung von Entlassungen isolierter als alle anderen Gruppen in der Gesellschaft .
Schon bei Martha Muchow gab es einen Unterschied in der Raumnutzung zwischen Hauptschülern und Gymnasiasten. Sie interpretierte das zunächst als Bildungseffekt, die Gymnasiasten wären explorativer, es zeigte sich, dass es an Ressourcen lag. Gymnasiasten hatten Geld für die Straßenbahn und wagten sich auch in die gehobeneren Villenvororte. Geschlechtsspezifische Differenzen verstärkten diese Tendenz. Wie groß die Heimat ist bzw. sein kann, ist ressourcenabhängig. Auch die Wahrnehmung, das Erleben vorhandener Räume erst recht Einfluss und Gestaltungsmöglichkeiten innerhalb eines Raumes sind beschränkt durch materielle, soziale und kulturelle Ressourcen. Manche Kinder fliegen jedes Jahr mit ihren Eltern in ein anderes Land. Andere Kinder können nicht mal mehr zum Klassenausflug mitfahren. Manche Großstadt-Kinder haben ihr Stadtviertel nie verlassen und werden es sehr wahrscheinlich auch als Erwachsene nicht schaffen. Sind also die Magninalisierten die letzten Mohikaner der Großstadtreviere? Die letzten, die noch Heimat haben, weil sie nicht ständig unterwegs sind? Aber wie soll man etwas als Heimat schätzen, das man nicht verlassen kann? Und wozu führt das?
Es gibt eine Reihe von Untersuchungen in der Jugendforschung, die zeigen, dass Jugendliche mit schlechten Ressourcenlagen, dazu tendieren, die Heimat gewalttätig zu besetzen. Begriffe wie "Tribalisierung" (Maffesoli) und "polemische Identität" (Camillieri) versuchen zu beschreiben, wie marginalisierte Jugendliche in den Suburbs der westeuropäischen Städte Ausgrenzungserfahrungen damit beantworten, dass sie "Stämme" bilden, Territorien besetzen und "Eindringlinge" bzw. als Fremde klassifizierte Personen erbarmungslos vertreiben oder ihr Revier gegen andere "Stämme" verteidigen. Auch die rechtsextremen Übergriffe in der ostdeutschen Provinz lassen sich so interpretieren. Die Strategie der NPD-Jugendorgansiationen setzt sehr geschickt am Ort an. Sie zielt darauf ab, so genannte "national befreite Zonen" zu schaffen: Klubs, Jugendzentren, Stadtviertel, in den Jugendliche nur noch "dazugehören", wenn sie rechtes Outfit tragen, rechte Musik hören, rechts denken. Irgendwann richtet sich das dann gegen Fremde, die angegriffen, verletzt, gejagt und sogar getötet werden.
Es sind in erster Linie die Globalisierungsverlierer bzw. Jugendliche, die sich durch die Globalisierung bedroht fühlen, die sich verstärkt nationalistischen, fundamentalistischen oder ethnozentrischen Überzeugungen zuwenden und Fremde ausgrenzen. Sie besetzen Heimat dabei regressiv, als eine gut gesicherte Festung, die gegen die Zumutung der Modernisierung und "Überfremdung" verteidigt werde muss. Eine Heimat, in der sie sich selber nicht mehr auskennen, keine Einflussmöglichkeiten sehen und kaum Anerkennung erfahren, kann zumindest nach außen verteidigt werden. Das zeige ich an einer, auf den ersten Blick absurd anmutenden, aber genauso von mir erlebten Geschichte.
Als ich an einem Sonntagmorgen auf einen kleinen Berg in der Sächsischen Schweiz kletterte, traf ich auf dem Gipfel fünf Jugendliche im rechten Outfit, die offensichtlich dort übernachtet hatten. Einer mit einer Hitlerjungenmütze suchte den Horizont mir einen Fernglas ab. Ich fragte: "Was macht ihr denn hier?" Er antwortete sehr stolz "Wir schützen die Heimat!" Das ist für jemand, der in der DDR aufgewachsen ist, ein sehr paradoxer Satz. Ich fragte weiter: "Vor wem den?" "Na vor den Ausländern, die hier reinkommen..." Und wie macht ihr das?" "Wir beobachten die Grenze und wenn wir sehen, dass jemand rüberkommt, rufen wir den Bundesgrenzschutz an!" Er klopfte sich stolz auf das Handy in der Brusttasche. "Und warum macht ihr das?" "Na weil die Ausländer uns die Arbeit wegnehmen?" "Was habt ihr denn für Arbeit?" "Na keine, hier gibt´s doch nichts mehr..." Auch ich wusste, dass der letzte große Industriebetrieb in der Gegend die Produktion gerade nach Tschechien verlagert hatte, weil die Löhne dort niedriger sind. "Und warum geht ihr nicht rüber in den Westen?" "Da ist es auch nicht viel besser... Außerdem lieben wir die Heimat."
Diese Jugendlichen formulieren den Konflikt zwischen beruflicher Mobilität und Heimatverbundenheit. Sie könnten zwar im Westen Arbeit suchen, aber dann würden sie auf jeden Fall Heimat verlieren und ob sie dort (längerfristig) Arbeit finden, ist auch ungewiss. Also bleiben sie lieber bei dem, was sie (noch) haben. Die Einbildung, wenigstens die Grenze zu kontrollieren, kompensiert, dass sie den Weg der Betriebe über diese Grenze nicht mehr kontrollieren können. Als Einzelfall hat das durchaus lustige Züge (zu mindestens solange man selbst nicht angegriffen und ausgegrenzt wird), wenn sich wie am 1. Mai 1999 vor dem Leipziger Völkerschlachtdenkmal 5000 dieser Globalisierungsverlierer versammeln und ihren Unmut in Heimatparolen Luft machen, vergeht einem das Lachen. Heimat wird hier zum nationalistischen Kampfbegriff, der jeden ausgrenzt, der anders aussieht oder anders denkt. Gerade deshalb ist es wichtig zu analysieren, welche Bedürfnisse sich hinter diesem Begriff von Heimat verbergen, bzw. diesen emotional tragen.
Untersucht man die Heimatkonzepte von Menschen (s. a. Mitzscherlich 1997), findet man neben biografischen Aspekten und Fragen sozialer Integration in der Gegenwart als zentrale Kategorie immer wieder das Heimatgefühl. Heimat ist nicht irgendeine Umgebung, sondern eine die das Gefühl von Geborgenheit, Vertrautheit, sozialer Einbindung und Zugehörigkeit vermittelt. Selbst Menschen, die eine solche Heimat in der Kindheit nicht erfahren haben, konstruieren aus den (schlechten) Erfahrungen eine Gegenwelt. Heimat ist in diesem Sinn ein Konzept, eine Art ideales Maß zur Bewertung von Umgebungen daraufhin, wie sie persönliche Bedürfnisse erfüllen. Es geht dabei immer auch um die Übereinstimmung einer Person mit ihrer Umgebung: Heimat einer Person ist die (ideale) Umgebung, die den Bedürfnissen und Fähigkeiten dieser Person am meisten entspricht. Da Kinder sich ihre Umgebungen nicht nur selbst aneignen, sondern auch daraufhin sozialisiert werden, empfinden sie diese im Normalfall (also wenn die Erfahrung von Geborgenheit nicht durch Gewalt oder Isolation zerstört wird) als heimatlich. Es sind Umgebungen, in denen sie sich auskennen, in denen sie sich als integriert erfahren, deren "Spielregeln" sie kennen und die für deren Beeinflussung nötigen Handlungsmuster sie gelernt haben. In diesem Sinn ist Heimat einerseits etwas biografisch Konkretes, andererseits das daraus abgeleitete Ideal einer "stimmigen" Umgebung, das im späteren Leben so nur selten vorgefunden wird.
Es sind drei zentrale Bedürfnisse, die in Bezug auf Heimat integriert werden. Zum einen geht es um gelingende soziale Integration, um das Gefühl sozialen Eingebundenseins. In diesem Sinn ist Heimat ein Ort von "Kennen, Gekannt und Anerkanntwerden" (Greverus). Bereits das ist ein wechselseitiger Prozess, der sowohl von der Integrationsbereitschaft einer sozialen Gruppe (beispielsweise einer Familie für ein neues Kind, aber auch des gesellschaftlichen Interesses an Kindern) als auch von der Bindungsfähigkeit von Kindern beeinflusst wird. Die amerikanische Gemeindepsychologie bezeichnet diesen Aspekt von Heimat als "sense of community", die Erfahrung von Gemeinschaft und Zugehörigkeit, die später auch mit Einsicht in die Regeln und Mechanismen eines sozialen Zusammenhangs und der darin geteilten sozialen Verantwortung einhergeht.
Die zweite Dimension lässt sich eher mit dem Begriff "sense of control" bezeichnen. Hier geht es darum, dass für Menschen Sicherheit in einer Umgebung nicht nur von ihrer sozialen Einbindung abhängt, sondern auch von ihrer Kenntnis dieser Umgebung und von ihren Möglichkeiten, diese zu beeinflussen bzw. zu kontrollieren. In dieser Hinsicht ist Heimat ein Gestaltungsraum, eine Umgebung in der ich handlungsfähig bin und weiß, was ich tun muss, um bestimmte Bedürfnisse zu befriedigen. Eine Heimat, in der ich zwar sozial eingebunden bin, aber keinen Gestaltungsraum habe und nichts verändern darf, wird sehr schnell als einengend und beschränkend empfunden.
Die dritte Dimension von Heimat besteht darin, dass sie einen überindividuellen Sinnzusammenhang stiftet, Menschen auf etwas verweist, was über ihre unmittelbaren Interessen und Bedürfnisse hinausgeht. Heimat ist in diesem Sinn etwas, was den Menschen mit der (ganzen) Welt verbindet "sense of coherence". Diese spirituelle Dimension von Heimat ist, ebenso wie die der Gemeinschaft in der westlichen Welt eher vernachlässigt worden. Die ausschließliche Orientierung auf Individualität und individuellen Konsum hat aber offensichtlich bei vielen Menschen nicht nur ein Gefühl von Isolation, sondern auch von existenzieller Leere hinterlassen. Rechte Gruppen (aber auch Sekten, esoterische Bewegungen usw.) besetzen nicht nur das Bedürfnis nach Gemeinschaft, sondern auch die Frage nach dem Sinn einer individuellen Existenz, wenn auch mit ziemlich fragwürdigen Antworten.
Der Blick auf die mit Heimat verbundenen Gefühle und Bedürfnisse, macht deutlich, dass diese durchaus berechtigt, psychologisch plausibel und notwendig sind. Wie aber können diese Bedürfnisse unter den Bedingungen einer spätmodernen, d. h. eben mobilen, flexiblen, in permanenter Veränderung begriffenen Welt befriedigt werden, ohne regressive Lösungen auf Kosten anderer?
Das ist die Frage, an der ich in meiner Arbeit zum Begriff von Beheimatung gekommen bin. Es gibt vielleicht keine eine, im traditionellen Sinn sichere Heimat mehr. Es gibt aber die Möglichkeit, sich in einem permanenten, prinzipiell unabschließbaren Prozess immer wieder neu mit der Welt, mit subjektiv bedeutsamen Orten, Menschen und Gemeinschaften zu verbinden und dadurch das Gefühl von Geborgenheit, Zugehörigkeit, Handlungsfähigkeit und Sinnhaftigkeit zu erlangen. Jeder Mensch entwickelt im Laufe seines Lebens solche Beheimatungsstrategien, spätestens dann, wenn er beim Verlassen der Herkunftsheimat mit der Diskrepanz zwischen einer idealen Heimat und realen, für ihn neuen Umgebungen konfrontiert wird. Schon kleine Kinder eignen sich unbekannte Umgebungen intensiv an, gebrauchen Techniken, Tricks, Rituale oder die Begleitung vertrauenswürdiger Erwachsener, um sich auch in der Fremde heimisch zu machen. Jugendliche und junge Erwachsene sind häufig sehr kreativ bei der Beheimatung in neuen Kontexten, aber auch im Altersheim findet man noch ganz erstaunliche Varianten von Beheimatung in einer in vielen Fällen nicht gerade Geborgenheit ausstrahlenden Umgebung. Ich habe in meiner Untersuchung die Beheimatungsstrategien junger Erwachsener untersucht und möchte an einem, ziemlich extremen Fall exemplarisch zeigen, was solche Beheimatungsstrategien leisten.
Daphne hat biografisch keine stabile familiäre oder kulturelle Heimat erfahren. Als Kind einer flämischen Mutter und eines sizilianischen Bauarbeiters in Belgien geboren, kam sie nach der Trennung der Eltern im Alter von drei Jahren in eine Pflegefamilie. Gerade als sie sich dort leidlich eingewöhnt hatte, brachte der Vater sie zu seinen Eltern nach Italien, mit 6 wurde sie in ein kirchliches Internat gegeben. Mit 10 Jahren holte sie der Vater, der inzwischen in Deutschland wieder verheiratet war zu sich. Nachdem die familiäre Umgebung endlich etwas wie Stabilität anbot, entwickelte Daphne massive psychische Reaktionen. Auseinandersetzungen mit den Eltern, Ärger in der Schule eskalierten schnell in eine klassische Abweichungs-"Karriere"; nachdem sie Mitschülerinnen mit dem Messer bedroht hatte, kam sie in eine Jugendwohngruppe, als sie anfing zu trinken in ein geschlossenes Heim, nachdem sie dort eine Erzieherin verletzt hatte, in die Psychiatrie. Bei unserem Erstinterview mit 18 Jahre, sah für Daphne alles nach einer Drehtür-Psychiatriekarriere aus. Sie wollte aus der Psychiatrie raus, wusste aber nicht, wohin. Über Heimat wollte sie nicht sprechen. Zwei Jahre später hatte sich eine überraschend positive Entwicklung ergeben, sie war nach neuen Auseinandersetzungen in ihrer Familie in einem Frauenhaus gelandet, wo Frauen mit ähnlich gebrochenen Biografien lebten. Die nicht nur ihre extremen Stimmungsschwankungen aushielten, sondern sie in einem sehr nahen und intimen Kontext Bindungserfahrungen nachholen ließen. Sie ging eine Liebesbeziehung mit einer älteren Frau ein, fühlte sich dann stark genug, um "zum ersten Mal freiwillig", das Frauenhaus zu verlassen und in eine eigene Wohnung zu ziehen: "Hier kann mich niemand mehr rausschmeißen." Auf die Frage nach Heimat sagte sie: "Ich habe mir eine Familie gestrickt" und gab eine sehr poetische und anrührende Selbstbeschreibung: "Ich bin wie ein Nomade in der Wüste, ich gehe überall hin." Die Einbindung in die lesbische Community Münchens sicherte ihr zu diesem Zeitpunkt nicht nur eine überschaubare, personell relativ konstante Heimat, in den fünf in Frage kommenden Klubs und Kneipen konnte sie immer dieselben Frauen treffen, sondern war auch offensichtlich eine guter Rahmen für ihr Grundgefühl von Nicht-Zugehörigkeit. Peter Brückner hat das in seiner Autobiografie "Das Abseits als sicherer Ort" genannt. Im dritten Interview war sie offensichtlich auf diese enge Einbindung nicht mehr so angewiesen, obwohl sie immer noch starke emotionale Einbrüche hatte. Aber sie bezeichnete sich als "Stehaufmännchen", hatte also inzwischen einiges Vertrauen in ihre Fähigkeit, Krisen (auch ohne psychiatrische Intervention) zu überwinden, gesammelt. Sie hatte eine Psychotherapie begonnen und arbeitete in einer Fahrradwerkstatt, wo sie nicht nur sozial eingebunden war, sondern auch zunehmend wichtig und anerkannt in ihrer Arbeit. Sie hatte einige wenige Freunde, die aber zuverlässig und erreichbar waren und bemühte sich gerade um einen deutschen Pass, wiederum: "Um nicht mehr rausgeschmissen zu werden, ich meine ich lebe jetzt 10 Jahre hier, das ist länger als irgendwo sonst..." Zum Thema Heimat sagte sie: "Meine Heimat bin ich selbst. Ich meine, wo ich bin ist auch meine Heimat."
Obwohl diese Geschichte kein wirkliches Happy-End hat, zeigt sie doch, dass es auch unter prekären Voraussetzungen Möglichkeiten der Beheimatung gibt. Dass die Erfahrung von Zugehörigkeit und Geborgenheit Schritt für Schritt gemacht und dafür nötige, neue Verhaltensmuster gelernt werden können, auch wenn die Herkunftsheimat keine sichere Basis bietet und auch die aktuelle Ressourcenlage eher schwierig ist. Als wesentlich für einen gelingenden Beheimatungsprozess stellt sich hier die soziale Unterstützung und Einbindung in verschiedenen Kontexten, aber auch die beginnende Reflexion und persönliche Sinnstiftung dar. Beides beruht natürlich darauf, dass es unterstützende Strukturen und so etwas wie einbettende Kulturen gibt. Also darauf, dass, gesellschaftlich gesehen die Unterstützung solcher komplexen Beheimatungsprozesse als notwendig gesehen und entsprechend gefördert wird. Der Hintergrund von Daphnes Geschichte ist bereits der einer mobilen, wenn nicht global, dann zu mindestens europaweit nomadisierenden Arbeitswelt und der daraus entstehenden Zerbrechlichkeit familiärer Beziehungen. Wenn man nicht will, dass die in dieser Welt aufwachsenden Kinder zerbrechen, wird es notwendig, ihnen von Anfang an beizubringen, das Heimat nichts Sicheres, aber etwas Erreichbares ist. Ihnen das Vertrauen zu vermitteln, dass sie selbst etwas dafür tun können, um sich in der Fremde zu beheimaten und Umgebungen so verändern können, dass sie sich darin aufgehobener fühlen. Es ist wichtig sie den Wert von Beziehungen, von Gemeinschaft und von einbettenden Kulturen erfahren zu lassen, aber ihnen gleichzeitig beizubringen, dass sie selbst Beziehungen pflegen, Gemeinschaft aufrechterhalten und Kultur weiterentwickeln müssen. Erste Vorschläge für das, was Kinder heute über Heimat lernen sollten, macht bspw. Donata Eschenbroich (2001).
Das ändert freilich nichts am Prozess der Globalisierung und klingt, für den Einzelnen betrachtet, möglicherweise wie eine Überforderung. Einzelne Menschen können nicht individuell kompensieren, was politische und ökonomische Strukturen unmöglich machen. Aber schließlich sind es die Kinder von heute, die morgen die Akteure in diesen Strukturen sein und sie auf ihre Weise verändern werden. Vielleicht ist es so etwas wie eine Utopie, dass sich die von einzelnen erarbeiteten Heimaten schließlich auch weltweit wieder verbinden lassen, sich gegenseitig respektieren und nicht das Wasser abgraben, mit den natürlichen und sozialen Ressourcen pfleglicher umgehen und Kulturen sich gegenseitig bereichern. An der Sehnsucht nach Heimat festzuhalten, Umgebungen in Bezug auf ihre Heimatlichkeit d. h inwieweit sie menschlichen Bedürfnissen entsprechen, zu prüfen und sie daraufhin zu verändern, ist die erste Voraussetzung dafür. So wie die Flussbegradigungen der frühen Industrialisierung wieder re-naturiert, die durch den Braunkohlebergbau zerfressenen Landschaften wieder re-kultiviert, Erinnerungen und alte Möbel rekonstruiert werden können, so kann es vielleicht nach einer Phase der auf die Spitze getriebenen Individualisierung auch wieder ein Re-embedding geben, ein aktives Sich-wieder-einbinden in eine Welt natürlicher, sozialer und kultureller Zusammenhänge. Dadurch lässt sich die alte, verschwindende Heimat nicht zurückholen, aber vielleicht entsteht etwas Neues, das heimatlicher, bezogener und verbindlicher ist, als unsere gegenwärtige Welt. Heimat wird damit zu einem Ort der Utopie, die Richtung und Energie für die Beheimatung in der Welt der Gegenwart gibt.
"Es geht um den Umbau der Welt zur Heimat, ein Ort, der allen in der Kindheit scheint und worin noch niemand war." (Ernst Bloch "Das Prinzip Hoffnung")
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