KÖRPERSPRACHE DER KINDER

Samy Molcho, Wien

(Wiedergabe des freigesprochenen Vortrages)

Es freut mich zu sehen, welch großes Interesse das Thema »Körpersprache« findet. Vor Jahren, als ich anfing, Körpersprache zu untersuchen und darzustellen, als ich begann, Interesse für die Eigenart der Körpersprache zu wecken und breiteren Schichten Verständnis dafür zu vermitteln - da hielt man mich für ein bißchen verrückt.

»Wir sind doch keine Schauspieler«, hat man mir gesagt. Und gefragt: »Wozu? Wer braucht das? Wir haben doch so eine wunderbare verbale Sprache! Wir sind intelligent und können reden. Also wozu daß Theater mit der Körpersprache?« Ich habe mich auch gefragt: Wozu brauchen wir Körpersprache?Ein englisches Wort gibt uns eine deutliche Antwort auf diese Frage. Sie spricht von »somebody« (d. i. jemand) und »nobody« (d. i. niemand); also: Wer von Euch »nobody« sein will, der braucht auch keine Körpersprache. Wollen wir aber »sornebody« sein, dann haben wir einen Körper. Und solange wir einen Körper haben, sendet er Signale, spricht er, ob wir wollen oder nicht.

Und eben das zeigt einen kleinen aber wichtigen Unterschied zwischen Körpersprache und Wortsprache. Wir kommen darauf noch zu sprechen. Für jetzt nur Folgendes: Beide sind wichtig: die verbale und die nonverbale Sprache. Man kann sie auch nicht total trennen. Wir verfügen über beide Möglichkeiten: über die Körpersprache und die verbale Sprache.

Nun zum Unterschied zwischen beiden: Ich kann selbst entscheiden, ob ich etwas sagen will oder nicht. Ich kann entscheiden, wann rede ich, wann nicht; gebe ich eine Information oder nicht. Wie aber macht man es in der Körpersprache, keine Information zu geben? (Er macht ein freundliches Gesicht, zieht die Brauen hoch.) Ist das keine Information? Sie sehen, ob wir wollen oder nicht, unser Körper sendet ununterbrochen Signale. Es gibt keine Sekunde, wo er aufhört, Signale zu geben. Das ist anders in der verbalen Sprache; da entscheide ich, ob ich rede oder nicht; da kann ich aufhören zu sprechen; ich kann meine Rede unterbrechen, sie abbrechen.

Das Verwirrende in der Körpersprache ist, daß wir Signale geben, die wir wollen, und Signale, die wir nicht wollen. Und es hängt vom Empfänger ab, wie er diese Informationen aufnimmt und welche (Informationen) er wahrnimmt. Wir nehmen Informationen sehr selektiv auf; sie sind da, aber wir nehmen sie nicht alle auf, sondern nach unseren Bedürfnissen und Möglichkeiten.

Wir beginnen mit der Beobachtung: Der Körper sendet ununterbrochen Signale. Es kann verwirrend sein, wenn mir nicht bewußt ist, welche Signale mein Körper sendet, denn meine Umwelt reagiert auf diese Signale. Wenn ich nicht weiß, daß ich dieses oder jenes Signal gesendet habe, ist es ungefähr so: Ihr geht auf der Straße; ihr habt keinen verbalen Satz gesagt, aber jede zweite Person, die ihr trefft, sagt euch: Das italienische Restaurant ist um die Ecke. - Das ist doch überraschend; oder nicht? So ist es mit der Körpersprache. Ihr schickt Signale, die euch nicht bewußt sind, ihr kriegt Reaktionen, und diese Reaktionen sind euch fremd oder überraschend. Ihr fragt euch: Warum reagiert diese Person so auf mich? Oder: Warum bekomme ich diese Antwort, ich habe doch gar nichts gemacht? Ich will sagen, je mehr wir über die Signale der Körpersprache wissen, desto besser können wir diese Differenz schließen; die Differenz zwischen dem, was wir tun (oder denken zu tun) und den Reaktionen, die wir nicht verstehen. Wir können den Zusammenhang besser einsehen, wenn wir uns die Signale unserer Körpersprache bewußt machen.

Ob ihr wollt oder nicht, der Organismus ist so gebaut, daß er reagieren muß auf das, was in seiner Umgebung geschieht. Zwei einfache Systeme wirken zusammen: der Organismus als das Unterbewußte - das Bewußtsein als typisch menschliche Qualität. Das Unterbewußtsein ist ein sehr altes System; der Organismus funktioniert wahnsinnig schnell. Wir kommen mit unserem Bewußtsein gar nicht nach. Ein Beispiel: Stellt euch vor, ihr seht Treppen, Stufen. Wenn ihr bewußt versucht zu rechnen: wie hoch ist jede Treppe, in welcher Diagonale stehen die Stufen, wie hoch muß ich meinen Fuß heben, wie weit ihn nach vorne schieben, welche antagonistische Kraft muß ich entgegensetzen, um die Statik meines Körpers zu halten - wenn ihr das alles bewußt rechnet, so treffe ich euch nächste Woche noch an dieser Treppe! Das Auge hat diese Treppe noch nie vorher gesehen, ein kurzer Blick reicht, das Unterbewußtsein rechnet so schnell, daß ich weiß, es funktioniert, es wird nichts passieren. Es ist kein Gedankenprozeß bemerkbar, und trotzdem steige ich die Treppe hinauf: Wir kriegen nur die Resultate. Das Unterbewußtsein als Schutz und Steuer unseres Organismus. Das Unterbewußtsein funktioniert sehr schnell und verläßt sich nicht auf seinen jüngeren Bruder, das Bewußtsein. Dieses ist zwar wichtig, aber plump und langsam. Lebenswichtige Sachen überläßt man deshalb nicht ihm. Und deshalb geschieht es oft, daß wir auf Reize reagieren, ohne daß wir merken warum. Das Unterbewußtsein hat einen Impuls erhalten - und schon ist die Antwort da. Wir wissen oft nicht: Warum haben wir uns plötzlich so verhalten, warum habe ich dies und das gemacht. Wir sehen noch nicht den Zusammenhang, denn der Ablauf ist noch nicht in unser Bewußtsein gehoben. Aber dieser Zusammenhang ist da. Das Bewußtsein ist wichtig, weil es den älteren Bruder, das Unterbewußtsein, das ein festgelegtes System ist (mit einem festgelegten Input - Output), ergänzt. Und zwar durch etwas Wichtiges: Das Bewußtsein kann selbst Ziele setzen. Ich kann mir selbst ein Ziel setzen, kann es frei wählen. Das gibt geistige Freiheit und ermöglicht menschliche Qualität.

Das also sind die zwei Systeme, die wir haben und mit denen wir umgehen lernen müssen.

Wenn wir Signale senden, kann man nicht sagen: Das ist ein gutes oder ein schlechtes Signal. Ich muß jetzt ein paar Grundlagen klären, bevor wir weitergehen und uns mit Beispielen beschäftigen.

Es ist ein Problem, ob etwas gut ist oder schlecht. Denn die Sachen selbst sind weder gut noch schlecht. Der liebe Gott hat Eigenschaften gebaut in der Welt und nicht ihre Wertigkeit.

Ich komme aus Israel. Ich habe hier ein kleines Problem mit der Interpretation einer Bibelstelle. Der Baum der Erkenntnis im Hebräischen heißt es Erkenntnis von »gut oder schlecht«. Im katholischen Bereich wurde das übersetzt mit: der Baum der Erkenntnis von »Gut und Böse«. Im Hebräischen gibt es das Wort »das Böse« nicht. Im ganzen Alten Testament gibt es nicht das Wort »böse«. Es gibt nur »gut« oder »schlecht«. Was ist der Unterschied? Der Unterschied ist: Das »Böse« ist immer »böse«, das »Gute« immer »gut«. Wenn das so ist, wozu brauche ich die Fähigkeit, klug zu sein? Da brauche ich doch gar nicht den »Baum der Erkenntnis«? Wenn es aber in der Bibel »gut oder schlecht« heißt, dann muß ich selbst entscheiden, jede Sekunde, was gut und was schlecht ist. Denn gut oder schlecht bezieht sich auf etwas, es meint gut oder schlecht wofür?

Meine Erfahrung mit Gut und Schlecht wurde mir nicht zuletzt klar in der Begegnung mit meinen Kindern. Ich habe vier Buben; der größte ist acht. Sie lieben Schokolade. Nach einer Sachertorte oder nach Schokoladegenuß voll geschmiert mit Schokolade rennen sie zu mir. Ich sage: Stopp! Ihr macht mich schmutzig! Sie schauen mich an und verstehen nicht. Was ist Gut und Schlecht? In ihrem Mund ist Schokolade eine Delikatesse, auf meiner Hose ist sie Schmutz. Nun, wenn jemand die Frage: Was ist Schokolade? Schmutz oder Delikatesse? nicht beantworten kann, dann kann ich auch nicht sagen, ob eine Körperbewegung gut oder schlecht ist; man kann sie nur »in bezug auf« und nicht »in sich« bewerten.

Damit hab ich versucht, ein paar Grundlagen zu klären.

Man wieder zur Köpersprache. Man kann einige Ebenen unterscheiden. Die eine ist die angeborene Körpersprache, eine andere ist die kulturell erworbene. Von der angeborenen Körpersprache kann man sagen, daß sie eine universelle Sprache ist, menschlich universell. Es gibt so eine Grundform der Körpersprache, weil alle Menschen auf diese Signale in der gleichen Form reagieren; auf Signale wie Werbung, Imponiergehabe, Tröstung usw. Ob wir wollen oder nicht, wir werden auf solche Signale reagieren.

Auch nicht zu reagieren ist eine Reaktion. Das ist wichtig, denn Körpersprache ist nicht nur das, was ich mache, sondern auch das, was ich nicht mache; und zwar deshalb, weil der Körper immer in Beziehung steht zu etwas oder jemandem.

Es gibt nicht eine objektive Beziehung zwischen zwei Menschen. In diesem Fall ist Objektivtität eine reine Illusion. Objektivität ist ein wichtiger Wert, aber sein Platz ist im Labor, nicht zwischen Menschen. Menschen haben subjektive Reaktionen. Objektivität zu fordern, das bedeutet, mir meine Identität zu rauben. Und das lasse ich nicht zu. Wenn du allgemein von der Menschheit sprichst, kannst du auch ohne mich auskommen. Wenn du von Samy Molcho sprichst, bin ich da. Das ist der Unterschied. Es gibt sicher Menschen als Gruppen und Beziehungen zwischen solchen Gruppen, aber wenn man mit mir spricht als Mensch zu Mensch, das ist immer eine subjektive Begegnung. Das ist oft ein Problem, selbstverständlich, besonders auch in einer Schulklasse. Objektiv sein in der Klasse, das heißt subjektiv sein zu jedem einzelnen Schüler innerhalb der Klasse. Aber kann man sich teilen? Ich habe auch nicht die Antwort, kein fertiges Rezept. Aber sicher ist: Der Schüler verlangt, genau wie jeder andere Mensch, meine subjektive Stellungnahme. Nicht zu reagieren ist ein Liebesentzug! Wir werden gleich davon sprechen, warum wir reagieren (oder nicht), damit ihr auch versteht, wie schlimm es ist, nicht zu reagieren.

Bevor ich darüber spreche, noch eine Zwischenbemerkung: Man erwartet jetzt vielleicht, etwas über die Körpersprache des Kindes zu hören: wie steht ein Kind vor Dir, was macht es mit der Schulter, weint es, was macht es für ein Gesicht, kratzt es sich mit den Fingern - und was bedeutet das. Aber man kann diese körpersprachlichen Signale nicht isolieren, genausowenig wie die Sache mit der Schokolade; man kann nicht davon absehen, ob sie auf der Zunge zergeht oder die Hose beschmutzt. Es ist ein verzweigtes Problem. Darf ich das an einem Beispiel erläutern? Ich war in einem Vortrag über Goldfische. Der Vortragende war ein hervorragender Spezialist. Am Ende seines interessanten Vortrages wollte er wissen: Hat jemand Fragen? Ich meldete mich: Wie unterscheidet man zwischen einem weiblichen und einem männlichen Goldfisch? Da hat der Referent gesagt: Das ist sehr einfach. Man nimmt zwei Würmer, einen männlichen und einen weiblichen Wurm, die gibt man ins Wasser. Der weibliche Golfisch frißt immer den männlichen Wurm. Gut, sage ich, aber wie unterscheide ich den männlichen und den weiblichen Wurm? Da hat der Referent gesagt: Es tut mir leid, aber ich bin Spezialist für Goldfische!

Sie sehen, es gibt Spezialgebiete mit schaffen Grenzen. Man kann so scharf trennen. Aber wenn man wirklich weiterkommen will in einem Fach, so muß man über die Grenzen hinausgehen - es gibt Überlappungen. Auch über die Grenzen zwischen Körpersprache und Psychologie, zwischen Körpersprache und sozialem Verhalten usw. Also verzeihen Sie, wenn auch ich in fremde Gebiete hineingehe, gleichsam zu den Würmern, und nicht nur bei den Goldfischen bleibe.

Kommen wir jetzt zurück zu unserer Frage: Worauf reagieren wir? - Es gibt zwei Grundgesetze, worauf ein Kind (bzw. jeder Mensch) reagiert. Es (er) will Bedürfnisse stillen und Bedrohung abwenden. Wenn ich ein Bedürfnis habe, ob das nun Hunger oder Durst, Neugier oder sonst eine Art von Bedürfnis ist, ich will es stillen. Etwas, das mein Bedürfnis stillen kann, interessiert mich. Und darauf reagiere ich. Das ist der eine Grund, warum ich auf meine Umwelt reagiere. Der zweite ist eine Bedrohung. Ich schätze eine Situation ein: Ist es für mich gefährlich oder nicht? Bedroht etwas oder jemand meine Existenz? Und darauf reagiere ich.

Das sind zwei Grundformen menschlichen Verhaltens. Selbstverständlich gibt es (innerhalb dieser Formen) Variationen. Für uns wesentlich ist: Wenn man nicht reagiert, so ist es, als würde man jemandem die Nachricht senden: Du bist für mich weder etwas, das meine Bedürfnisse stillen kann, noch bist Du für mich bedrohlich. Im Prinzip bist du ein Nichts. - Noch schlimmer kann keine Aussage sein. Solches Nicht-Reagieren ist das Aggressivste, das zwischen Menschen passieren kann. Es ist das Entwürdigendste, das man mitteilen kann. Und wenn wir sagen: »Aber ich habe doch gar nichts gemacht«! so sagt der andere mit Recht: »Eben!« Was bedeutet das für die Schule? In der Schulklasse ist es oft nicht zu vermeiden, daß wir Reaktionen unterlassen. Aber wir reagieren auch oft nicht auf die Bedürfnisse einzelner Schüler. Ein solcher empfindet dann: Man ignoriert mich. Ich existiere für den Lehrer nicht. Nun, dann existiert er für mich auch nicht - Das geht sehr schnell.

Es ist also nicht nur wichtig zu wissen, was ich mit meinem Körper mache, zum Ausdruck bringe, sondern auch, was ich nicht mache und warum ich dies oder jenes nicht gemacht habe, nicht reagiert habe.

Auf jene zwei Grundformen des Reagierens (Bedürfnisse stillen, Bedrohung abwenden) gibt es fünf Arten oder Gesetze der Reaktion. Die eine Reaktionsart ist die Attacke, die Bewegungsrichtung nach vorne. Sie kann aggressiv sein oder auch nicht-aggressiv; jedes Vorwärts-Streben nach einem Ziel gehört dazu. Es sind Aktionen, um etwas zu erreichen; sei es die elementare Form, Beute zu machen, oder das Ziel, Furcht einzujagen, oder das Streben nach einem geistigen Ziel.

Die zweite Art ist die Fluchtreaktion. Wir fühlen, es ist gefährlich, etwas Unbekanntes taucht auf, ich bin sehr unsicher, ich renne weg. Diese Fluchtreaktion hat mehrere Stufen. Die erste: Anspannung der Muskulatur. Auf dieser Anspannung der Muskulatur basieren die weiteren Reaktionen. Wenn ich frei bin, renne ich sofort weg. Stehe ich unter dem Zwang eines ritualisierten Systems. so daß ich nicht einfach weglaufen kann, dann bin ich verkrampft. Konkreter: Die Situation ist mir nicht angenehm, ich möchte gerne wegrennen, die Muskulatur spannt sich doch ich renne nicht weg; egal, ob aus Angst vor dem Lehrer oder vor der Verletzung des guten Benehmens. Nehmen wir an, ich bin zum Abendessen eingeladen, ich sitze da, ich esse die Suppe; mein Körper sagt: aufstehen, die Suppe ist nicht gut für dich, die Anspannung der Muskulatur ist schon da. Aber wir sind höflich und ritualisiert; ich bleibe sitzen und sage: Sehr interessant, die Suppe. Und als Strafe bekommt der Heuchler noch einen Löffel Suppe dazu. Auf der geistigen Ebene bedeutet dies: Themenwechsel...

Die dritte Reaktionsart ist: Sichverstecken oder Verdrängen. Wenn ich nicht weglaufen kann, dann verstecke ich mich. Die Fortsetzung des Sichversteckens auf der geistigen Ebene ist das Verdrängen. Wenn ein Kind sagt: Wo bin ich? und hält dabei die Hände vors Gesicht, so ist das nicht viel anders, als wenn ein Erwachsener gewisse Sachen verdrängt. Die Tatsachen sind da, er aber sagt trotzdem: Wo sind sie? Das Verdrängen ist wie das Versteckspiel.

Die vierte Art der Reaktion (auf Gefahr) ist: Hilfe suchen. Wer kann mir helfen? Eine Gruppe zum Beispiel; in der Gruppe bin ich stärker, sie bietet Schutz. Oder ich schließe mich mit anderen zusammen, um tätige Hilfe zu leisten. Vereinte Kräfte können mehr leisten.

Die fünfte Art des Reagierens ist: Sichunterordnen. Einfach sich (einem Anspruch, Befehl) unterordnen. Das ist auch eine Möglichkeit: Wir ordnen uns jeglicher gesellschaftlicher Spielregel unter.

Aus diesen Grundformen entwickeln sich die anderen Formen der Körpersprache. Das neugeborene Kind zeigt am Anfang: Keine differenzierte Unterscheidung zwischen sich und der Außenwelt. Alles ist ein Ich, irgendwann kommt die Stufe, wo es entdeckt: Es gibt Ich und Nicht-Ich. Es entdeckt seine Abhängigkeit von dem Nicht-Ich. Es ist nicht mehr so versorgt wie im Mutterleib. Dort hatte es keinen Hunger, keine Kälte; keine trockene Haut; es ging alles automatisch. Plötzlich aber kommen wir heraus und liegen auf dem Rücken und sind abhängig. Erstmals wirkt etwas auf das Kind ein: Es fühlt Hunger. Aber das Baby kann nicht aufstehen und essen gehen. In dieser Not schickt es erste Signale aus: Wäääh! Und es entdeckt: Auf dieses Signal kommt eine Reaktion. Es bekommt die Mutterbrust - und ist gestillt. Wunderbar.

Wir entdecken im Rahmen der Bewegungsgrundform Bedürfnis - Stillen die Beziehung: (erstes) Signal - Reaktion. Später rekonstruieren wir den Zusammenhang genauer; wir bemerken: Auf das erste Signal, dieses Wäääh, folgt eine Reihe von Signalen. Schritte sind zu hören, Türen gehen auf und zu, dann kommt die Mutter, es kommt die Brust.- Das Kind nimmt in dieser Phase die Zwischensignale auf und erwartet das Ersehnte etwas geduldiger, denn alle diese Zwischensignale werden bemerkt als Reaktion auf sein (erstes) Signal. So baut sich ein System auf zwischen dem Kind und seiner Umwelt.

Bekommt das Kind auf sein Signal schnell die Reaktion, so baut sich ein gesundes System zwischen ihm und der Umwelt auf. Dauert es lange - wenn die Mutter längere Zeit am Telefon spricht oder der Vater beschäftigt ist und nicht kommt so verkümmert das (erste) Signal, denn das Kind glaubt, das Signal war falsch. Entweder resigniert es, hört auf, oder es sucht ein anderes Signal, als Ersatz, in der Hoffnung, daß dieses vielleicht wirkt. So entsteht bei ihm ein Signalsystem. Verlassen wir den Baby-Zustand. Halten wir als Erfahrung fest: Ich wirke auf die Umwelt, die Umwelt wirkt auf mich. Gehen wir auf eine höhere Stufe, in eine spätere Phase.

Ein Kind kommt und hebt seine Arme zum Vater. Der Vater aber ist beschäftigt (oder die Mutter). Das Kind hebt nocheinmal die Arme. Der Vater schreibt weiter. Dann schreit das Kind laut, wäääh. Da hat der Vater plötzlich Zeit, er nimmt das Kind in die Arme. - So lernt das Kind sehr schnell: Arme heben nützt nichts, schreien hilft. Und wenn der Vater fragt: Warum schreit denn das Kind schon wieder? So sehen wir: Er hat es ihm gerade selbst beigebracht. Also, wenn mein Sohn kommt und hebt die Arme, so hebe ich ihn auf und nehme ihn kurz in meine Arme. Er will dann gleich zurück zum Spielen (oder was immer). Ich habe ihm gezeigt, dieses Signal war richtig, ich habe es verstanden aber ich habe nicht viel Zeit. Und wenn das Kind es nocheinmal versucht, so nehme ich es nochmals in die Arme, hebe es auf und stelle es wieder auf den Boden. Das Kind versteht: Das Signal ist angekommen, aber der Vater hat keine Zeit. Wenn das dann so weitergeht, kann ich schließlich sagen: Nein. Aber wenn ich das Kind lehre, daß ich nur auf sein Weinen reagiere - dann ist rasch der Mensch da, der glaubt, man bemerkt ihn nur, wenn er schreit. Ja, wir haben gelernt: Man nimmt uns nicht wahr, wenn wir nicht schreien. Als Kind haben wir es schon erfahren: Du mußt Deine Stimme laut erheben.

Aber weiter: Mütter wie Väter haben die Fähigkeit, sich schnell anzupassen, sich daran zu gewöhnen: Das Kind weint? - Nun, es hört auch auf. Wie lange kann es weinen? Zehn Minuten, zwanzig Minuten? Irgendwann hört es auf. Aber die Kinder sind auch nicht dumm. Wenn das Weinen nicht mehr funktioniert, entdecken sie eine andere Methode. Zum Beispiel, das Kind geht direkt und gefährlich an die chinesische Vase - und plötzlich, wie ein Wunder, steht die ganze Familie da. Das Kind merkt: Sein Signal ist angekommen. Es ist ihm egal, ob die Eltern schreien, ob sie toben; entscheidend ist, sie haben auf mich reagiert.

Diese Erfahrung - nennen wir sie das Chinesische-Vase-Syndrom - ist bei Erwachsenen nicht viel anders als bei Schulkindern. Wir sind manchmal erstaunt, wenn ein Ehepaar bei einer Abendessen-Einladung plötzlich anfängt, private Probleme zu diskutieren. Die anderen sind peinlich berührt und fragen sich: Müssen die das hier machen? Könnten sie das nicht zu Hause tun? Nein, eben nicht, denn zu Hause, da reagiert der Ehemann ja nicht. Aber bei den Bekannten, die ihm wichtig sind, da muß er reagieren. Das ist wie der Griff nach der chinesischen Vase. Das funktioniert, bei Kindern wie bei Erwachsenen.

Da stört zum Beispiel einer in der Schulklasse. Er gibt sehr übertriebene Signale. Er geht eben dorthin, wo es besonders gefährlich ist. Es gibt Krach. Das Schulkind will, daß die Mutter, der Vater reagiert; wenigstens jetzt. Wir haben hier den Fall, wo das Kind etwas riskiert, weil ihm wichtig ist, daß die Umgebung auf es reagiert, reagieren muß.

Bevor wir weitergehen, machen wir eine Zwischenbilanz. Zunächst mußten die Grundformen der Körpersprache geklärt werden. Dann haben wir Formen von Aktion und Reaktion betrachtet und den Austausch von Signalen. Wir haben gesehen, wie wichtig es ist, daß das Kind erfährt, sein Signal ist angekommen, sonst verirrt es sich in ein falsches Signalverhalten, das unter Umständen bis zu einem Schaden oder bis zu Aggressivität führt.

Jetzt kommen wir zur Frage: Wie weiß ich, daß ich lebe, wirklich lebe? - Wenn ich fühle, daß ich atme? Gut, ich fühle, es geht etwas durch mich hindurch, Luft. Sie wirkt auf mich. - Stellen wir uns nun vor, wir gehen durch Menschen, wir gehen auf Straßen, wie ein unsichtbarer Mensch. Es gibt solche Filme: Der unsichtbare Mensch. Weiß er, daß er existiert? Wie weiß der Mensch, daß er existiert? Dadurch daß etwas auf ihn wirkt und er auf etwas wirkt. Zum Beispiel, wenn er eine Ohrfeige bekommt. Das geht ihm nicht nur durch den Kopf; das sitzt. Das A und 0 zwischen mir und der Umwelt ist: etwas wirkt auf mich oder ich wirke auf etwas. Wenn und solange wir aufeinander wirken, das ist für mich der Beweis, daß ich existiere.

Wie oft sagen wir: Zwickt mich. Träume ich oder bin ich wirklich da? Wenn ich fühle »Aua«, wenn das Zwicken auf mich gewirkt hat, weiß ich, daß ich wirklich lebe. Diese Wechselwirkung ist eine von den wichtigsten Erfahrungen, besonders für die Kinder. Sein Ich will wirken. Es braucht den dauernden Beweis: Die Umwelt wirkt auf mich, ich wirke auf die Umwelt. Je größer die Wirkung, desto größer mein Ich. Kinder wollen wirken. Wenn wir sie nicht wirken lassen, nehmen wir ihnen den Boden unter den Füßen weg.

Kommen wir nun zum Kindergartenalter. Oft habe ich gehört: Dieses Kind ist so aggressiv. Es zerstört nur. - Stimmt nicht. Es will wirken. Was für eine langweilige Sache ist es doch, einen Bauklotz über den anderen zu legen, da passiert so wenig; eine Energieversebwendung. Aber wenn ich mit einer Bewegung das Bauwerk treffe - plumps! Es kracht zusammen. Wieviel ist auf einmal passiert! Diese meine Wirkung ist also ökonomischer und effektvoller. Das strukturierte Denken, das Überlegen, was beim Bauen geschieht, ist noch nicht so ausgeprägt; größer ist der Wunsch zu wirken. Das kleinere Kind will nicht gern mit den größeren Kindern spielen; und wenn die fernsehen, so steht es plötzlich vor dem Bildschirm - das wirkt. Sie bauen - es zerstört.

Welches Kind hat solche Aktionen nicht gern? Ich bin in der ganzen Welt herumgereist, aber ich habe keine Kultur gesehen, in der Kinder solche Aktionen nicht gern haben. Mütter lieben solche Aktionen nicht sehr, aber die Kinder schon. Zum Beispiel: Ein Platsch ins Wasser. Warum? Ein Minimum an Energie ein Maximum an Wirkung.

Wir müssen beachten: Kinder wollen auf ihre Umwelt wirken, egal auf welche Art. Und sie wollen auch, daß die Umwelt auf sie reagiert.

Diese Wechselbeziehung ist das A und 0, das Grundprinzip jeder Körpersprache und Aktion. Es ist schlimm, wenn das Kind etwas tut und es wirkt nicht. Es ist schlimm, wenn das Kind keine Reaktion der Umwelt erhält. Das Kind resigniert dann, gibt sich keine Mühe mehr, die Aufmerksamkeit des Lehrers auf sich zu ziehen. Der Lehrer wiederum gibt es auf, das Kind aufzurufen. Ein Kind, das ihn nicht anschaut, ist für ihn im Prinzip nicht existent. Wir nehmen Kinder wahr, die uns direkt anschauen. Und Kinder haben es gern, wenn man ihnen direkt, voll das Gesicht zuwendet. Spricht man mit einem kleinen Kind im Halbprofil, so wird es den Finger nehmen und meinen Kopf ihm zuwenden; es will zum Ausdruck bringen: Wenn du mit mir sprichst, bitte immer mit voller Zuwendung. Kehrt sich der Lehrer von ihnen weg, so haben die Kinder nicht das Gefühl, er spricht zu ihnen. Dementsprechend zeigt ein Kind, das wegschaut, sich wegwendet: Ich habe genug, ich will nicht mehr, oder: Ich brauche eine Pause. Das Signal ist sehr einfach: Kopf wegwenden - ich brauche eine Pause; Kopf wieder zuwenden - ich möchte wieder Zuwendung. Wenn sich Teile des Körpers in Richtung Umwelt, Außenwelt bewegen, so bedeutet das: Ich möchte eine Interaktion. Also: Kinder, die unsere Zuneigung wollen, sehen uns an und ihre Gebärden- / Körpersprache weist - zumindest ein bißchen - in unsere Richtung. Kinder, die nicht mehr Zuwendung wollen, beschäftigen sich mit sich selbst.

Wenn sie keine Interaktion wollen, fangen sie an, sich mit sich selbst zu beschäftigen; an ihrer Körperhaltung wird deutlich, daß sie nicht gestört werden wollen. Und umgekehrt: Wenn sie eine Interaktion wollen, so schauen sie auf die Außenwelt, wenden sich - auch körperlich - der Umwelt zu. Das ist ein ganz klares Signal, besonders bei Kindern.

Die Körpersprache wird gesteuert von den zwei Hemisphären des Gehirns. In der linken Gehirnhemisphäre sind die sachlichen Fähigkeiten, Mathematik, Grammatik usw. lokalisiert; in der rechten Hemisphäre Gefühl, Spontaneität. Die rechte Gehirnhälfte wirkt auf die linke Körperseite; die linke Gehirnhälfte auf die rechte Körperseite; also eine diagonale Verbindung.

Warum sind diese physischen Voraussetzungen wichtig für unsere Körpersprache? Wir verfügen über zwei Systeme. Das eine ist das Digitalsystem, nach dem sich die westliche Welt überwiegend richtet. Das schafft uns die Möglichkeit genauer Information und technischer Präzision. Dazu braucht es aber eine Reduktion: Jedes Signal sagt nur das, was es bedeuten soll. Eins ist immer eins, zwei immer zwei usw. Man reduziert das Symbol auf nur eine Dimension und hat dann nur eine Aussage. Ein Sessel ist ein Ding, auf dem man sitzt - das ist digitales Denken. Und zum digitalen Denken gehört auch die lineare Form. Zwei kommt nach eins, drei kommt nach zwei etc. Wir haben eine klar geordnete Linie, das verhilft uns zu rascher Orientierung. Wenn ich sage sechs, so weiß jeder, das kommt nach fünf und vor sieben. Einfache Signale, einfacher Orientierungsrahmen. Haben wir ein solches System, so haben wir ein klares Maß. Wir messen alles anhand einer klaren Abmachung. Daraus ergibt sich eine klare Ordnung.

Und jetzt gehen wir auf die Gefühlsseite. Das Gefühl ist nicht digital, nicht eindimensional, sondern eine Ganzheit und Gleichzeitigkeit. Man kann das mit einer Riesenkugel vergleichen; ihr Inhalt sind tausend kleine Kügelchen, die dauernd in Wechsel-Bewegung und -Beziehung sind. Das ist das Aufregende dabei. Macht ihr Ordnung in diesen Kügelchen, so habt ihr keine Bewegung und damit kein Gefühl. Gefühle sind immer hundert, eine Ganzheit. Es gibt kein halbes Gefühl: Oder kennt jemand einen halben Schmerz? Ich möchte ihn nur fragen: Wo ist die zweite Hälfte? Der Schriftsteller Tucholsky hat bemerkt, daß es noch andere Dinge gibt, die nur als ganze existieren, zum Beispiel ein Loch. Es gibt kein halbes Loch. Es gibt verschiedene Löcher, aber kein halbes Loch. Die Sache mit dem Loch ist tatsächlich kompliziert. Das Wichtigste an dem Loch ist sein Rand und der gehört nicht ihm. Die Ganzheit von Gleichzeitigkeit und Gefühl ist ein ganz anderes System als das digitale. Ein Gefühl kann verschiedene Intensitäten haben, aber keine Teile. Es kann intensiver oder weniger intensiv sein, aber es ist nicht teilbar. Kinder sind mehr rechtsdominant, das heißt, die rechte Gehirnhälfte ist aktiver und deshalb nehmen sie ihre Umwelt immer als Ganzheit wahr. Wenn man in der Kindergartenzeit oder in der Vorschulzeit einem Kind auf ein Blatt Papier einen Schwanz malt und das Kind fragt, was es sieht, so liefert es sofort die Ergänzung und sagt: Wauwau. Das ist anders bei Wissenschaftlern, die ihr ganzes Leben an einem Schwanz arbeiten, ohne herauszufinden, daß dieser einem Hund gehört; sie denken nämlich digital. Die Kenntnis und Beachtung des anderen Systems ist wichtig, denn viele Äußerungen der Kinder geschehen auf der Ebene des Gefühls und der Ganzheit. Man kann keine Digitalaussage des Gefühls erhalten. Man kann das Gefühl nur akzeptieren als besondere Art der Aussage. Deswegen ist beim Kind jede Aussage schwarz weiß, denn beim Gefühl gibt es keine Zwischenformen. Das konstruktive Denken entwickelt sich erst später. Für Leute, die digital denken, ist ein Sessel ein Ding zum Sitzen. Wenn es nun regnet, und ich habe den Sessel über den Kopf und gehe so geschützt im Regen - das ist kreativ. Viele Leute, die das sehen, werden sich ärgern, denn sie denken, das Ding ist nicht als Regenschirm gemacht; sie denken eben digital.

Wir sollten besonders auch bei Kindern und ihrer Art zu reagieren unterscheiden, ob ihre Äußerung gefühlsmäßig ist oder digital. Nehmen wir als Beispiel eine Familie. Sie geht am Sonntag spazieren; Papa, Mutti und die Kinder. Das kleine Mädchen, Eva, ruft: Schau Mutti, da ist eine Kuh! Und die Mutter sagt froh zu ihrem Mann: Hast du gehört, Hans? Er nickt stolz mit dem Kopf. - Die Tochter hat eine Kuh gesehen und eine Digitalinformation gegeben. Sie hat eine Kuh gesehen, keine Ziege, kein Pferd. - Und der kleine Bub, der kleine Peter? Er ruft: Mutti, Mutti, Mutti! Er gebärdet sich ganz aufgeregt. Die Mutter sagt: Ich versteh kein Wort. Hans sags ihm. Und was macht Hans? Er hält dem kleinen Peter die Hände fest und fragt: Was hast Du? Der kleine Peter: Nichts und haut mit seinem Fuß auf einen Stein. - Was hat er gemacht? Er reduziert den Vater gleichsam zu einem Stein und hat eine draufgehaut und zweitens: Dir erzähle ich nichts (eine Liebesentzug-Aktion). Warum ist der kleine Bub so böse? Die Mutter will wissen, was los ist; der Vater möchte es wissen, er aber will nicht antworten. Doch jetzt rekonstruieren wir die Aussage vom Standpunkt des kleinen Peter. Der Dialog sieht dann so aus: Mutti, Mutti, Mutti! - Mutti sagt: Ja? und schaut ihm in seiner Aufregung an. Peter sagt: Schau. (Ende der Aussage). Ich sehe es Euch an, daß Euch was fehlt: Die Kuh! Weil ihr verlernt habt, die Aufregung oder die Gefühlsaussage als Aussage zu akzeptieren. Ihr sucht das Digitale! Wir sind aber so daran gewöhnt, daß eine Aussage digital sein muß, daß die Aussage des kleinen Peter nicht akzeptiert wurde als Aussage. Was wollte er denn sagen? - Schau, wie aufgeregt ich bin! Wenn die Mutter das zur Kenntnis nimmt und zufrieden reagiert, dann ist auch er zufrieden. Das bedeutet: Für den kleinen Peter ist es nicht wichtig, was seine Aufregung verursacht hat, sondern daß er aufgeregt ist, eben das war seine Aussage. Aber wenn seine Gefühle, seine Aufregung nicht wichtig sind, so schiebt man ihn auf die Seite; bloß die Kuh ist wichtig, so scheint es ihm. Da ist es dann kein Wunder, wenn er sich auf sich selbst zurückzieht. Was das Kind suchte, war nur ein Feedback auf seine Empfindung, nicht auf die digitalen Beweggründe.

Wir haben nun ein paar Grundprinzipien der Körpersprache besprochen, Grundelemente von Information und Wechselbeziehung. Wir haben gesehen: Ein Kind reagiert elementar. Die Körpersprache von Kindern ist weit reduzierter als die der Erwachsenen. Ich weiß, die Meinung ist verbreitet, der Erwachsene habe eine arme Körpersprache, das Kind eine reichere. Aber das stimmt nicht. Kinder sind motorisch lebhafter, gewiß; aber Motorik ist keine Körpersprache. Motorik ist eine andere Form der Energie. Kinder reagieren elementar; sie brauchen keine Kompensationsbewegungen. Das heißt, wenn ein Kind etwas nicht will, so wird es zum Beispiel von der Suppe einfach weggehen. In einem Restaurant wird es sich unter dem Tisch verstecken, während wir unseren Widerwillen verdrängen und sitzen bleiben. Wir brauchen Kompensationsbewegungen. Wenn uns etwas nicht gefällt, so zieht sich der Kopf zurück, wir beißen uns auf die Lippen; oder der Fuß hebt sich, als wollte er sich bereit machen zu bremsen. Das alles sind Signale, Bewegungen als Kompensation des Bedürfnisses wegzurennen. Solche Kompensation braucht das Kind (noch) nicht. Daher ist die Körpersprache der Kinder auf elementarere Formen reduziert.

Vielleicht wollt Ihr jetzt noch mehr davon erfahren, wie Kinder körpersprachlich reagieren. Am Anfang stehen Kinder nicht mit voller Kraft auf dem Boden. Bis zum Alter von 6 Jahren gehen sie wie auf Luftpolstern; ihr könnt es beobachten. Der Kontakt zum Boden der Realität ist noch nicht ganz da. Sie schweben noch ein bißchen mit ihrer Phantasie in einer anderen Welt. Mit dem Wechsel der Zähne, mit der Herausbildung der festen Zähne, mit denen das Kind beißen kann, zubeißen und zerstückeln, baut sich auch ein fester Stand auf dem Boden auf. Etwa ab dem 6. Lebensjahr ist der Stand auf dem Boden viel fester; die Kinder können konkrete Probleme viel praktischer aufnehmen und angehen. Also, wir sollten beobachten: Schwebt das Kind (noch) auf dem Boden der Realität, oder steht es (schon) fest? Das ist ein einfaches Signal.

Der Körper interpretiert das, was wir denken und fühlen, im System der Körpersprache. Jedes Wort, das wir sagen, wird in der Motorik interpretiert. Wenn das nicht geschieht, dann werden wir auch nicht imstande sein, ein Glas Wasser von der Theke zu holen. Diese Interpretation (des Gedankens...) in der Motorik ist der Schlüssel zur Körpersprache.

Die deutsche Sprache hat sehr viel Körperhaftes in der (Wort-) Sprache selbst. Wenn wir hinhören, wie die Sprache formuliert, so finden wir im Prinzip die Elemente der Körpersprache. Das Wort >Begriff< zum Beispiel verweist auf >greifen< obwohl der Inhalt abstrakt ist. Oder die Formulierung: >Kommst du mit?< Ich meine (hier) mental! Ist die doppelgemeinte Aussage ein Problem der Sprache? Um mitzukommen, muß ich Standpunkte verlassen und neue Standpunkte erwerben. Manche Leute hören zwar zu, aber kommen nicht mit. Das heißt auch: Jemand bleibt fest auf seinem Standpunkt, bewegt sich nicht.

Ein Kind schiebt zum Beispiel ein Knie zurück und zeigt damit: Das will ich nicht. So versucht es, eine Änderung seiner Position zu vermeiden, seinen Standort zu verteidigen: Trotzhaltung. Bei Erwachsenen nennt man das: Prinzipien haben.

Geschehen ist Bewegung. Der Gegensatz dazu ist Erstarrtes, erstarrtes Denken, erstarrte Körper. Wo keine Bewegung ist, geschieht nichts. Kinder lieben Bewegung; das regt ihr Interesse an. Sie brauchen viel mehr Bewegung als wir. Den Körper in ein Korsett zu pressen - oder in ein Konzept fest geprägten Denkens das kann nur ein Erwachsener vertreten; Leute, die sich wenig bewegen, zum Beispiel Lehrer, lieben ein starres Konzept. Das Konzept mag hervorragend sein, aber wenn sie sich an das Konzept binden - ab diesem Moment wiederholen sie sich nur. Sie sind unbeweglich in ihrem Denken wie in ihrer körperlichen Haltung. Nur ein besonderer Anlaß oder Reiz kann sie aus ihrer Position herausbringen, für neue Initiativen öffnen, bereit machen. Bringt den Körper in Bewegung, dann bewegt sich auch etwas im Denken! Wie oft sitzen wir irgendwo, und es kommt kein Argument mehr. Wir stehen dann auf und gehen auseinander. Plötzlich: Ach, hätte ich doch das gesagt (was mir jetzt einfällt). - Aber glaubt mir, ihr seid nicht klüger geworden auf diesen wenigen Metern Bewegung. Der Körper war bloß erstarrt in einem Konzept; durch das Aufstehen, durch das Wechseln des Standorts, kam Bewegung und Anregung in Körper und Geist.

Noch mehr brauchen Kinder ihre Bewegung. Das erstarrte Schulsystem ist oft ein großes Problem für die Kinder. Zulange müssen sie auf einem Platz ausharren. Da wird es plötzlich uninteressant, auch das Lernmaterial. Wenn man es schafft, die Kinder zwischendurch zu entspannen, zu bewegen, und sei es nur für kurze Zeit, so ist das Interesse wieder da, die Kinder kommen mit.

Besonders für die Kinder ist es wichtig, sie von Zeit zu Zeit herauszuholen aus einem eingefahrenen Geleise; sie brauchen einen Wechsel, eine neue Aufgabe. Im Moment, in dem Langeweile auftritt, wollen sie weg. Das ist der Grund, warum Kinder sich oft Neuem zuwenden. Wenn es nichts Neues gibt, kommen sie nicht mehr mit, sondern wollen woanders hin. Sie haben einen anderen Rhythmus als der Erwachsene. Dieser verschiedene Rhythmus ist ein Problem zwischen Kindern und Erwachsenen.

Stellen wir uns vor, zwei Lastwagen fahren nebeneinander. Der eine ist voll von Waren, der andere ist leer. Nun versucht man, die Waren von dem einen zum anderen zu bringen. Wenn die zwei Lastwagen mit verschiedenen Geschwindigkeiten fahren, so ist anzunehmen, daß ein Großteil der Waren rundherum und zwischen den Wagen verstreut wird; nur ein kleiner Teil wechselt erfolgreich seinen Platz. Die klugen Lastwagenfahrer versuchen dann, beide Autos in der gleichen Geschwindigkeit nebeneinander zu fahren. Wenn sie so synchron nebeneinander fahren, daß es wie Stillstand erscheint, dann wird ein Maximum von einem zum anderen transportiert.

Ähnlich ist es mit unserem verbal-sprachlichen Verhalten. Ich muß versuchen, meine Sprechgeschwindigkeit, meinen Sprachrhythmus auszugleichen mit eurer Bereitschaft mitzukommen. Automatisch synchronisiert ihr, ohne daß ihr es merkt, eure innere Bewegung mit meiner. Aber eure Bereitschaft mitzukommen hat Grenzen. Ihr habt gemerkt, eure Bereitschaft mitzukommen hängt nicht zuletzt von der Geschwindigkeit meiner Sprache ab: Ist der Rhythmus der Sprache zu schnell, kommen die Zuhörer nicht mit; ist der Sprachrhythmus zu langsam, steigen sie aus. Wichtig ist der Rhythmus-Ausgleich.

Analog ist es in der Schulklasse. Wenn der Lehrer sich in einem anderen Rhythmus bewegt als die Kinder, machen sie nicht mit. Wichtig ist die Wechselbeziehung, der gleiche Rhythmus oder, wie man oft sagt, die gleiche Wellenlänge. So ist das auch zuhause, in der Wohnung: Ein Kind spielt und möchte, daß die Mutter mit ihm spielt. Die Mutter ist oft eine werktätige Frau. Sie kommt nach Hause, will verlorene Zeit nachholen, arbeitet schnell; will auch mit dem Kind spielen, aber es muß schnell sein. Und da wundert sie sich, wenn das Kind nicht mitmacht. Das Kind will nicht bloß spielen, sondern die Mutter und zwar in seinem Rhythmus.

Der Körper gibt Zeichen. Ein Körper, der sich so (desinteressiert oder unwillig) zeigt, verspricht wenig. Wie kommt ein Körper in Bereitschaft? Ein Kind, das etwas machen will, zeigt mit seinem Körper die Bereitschaft. Resigniert es, so fällt der Körper zusammen, weil kein Reiz ihm signalisiert: Jetzt passiert was. Auch der Klang der Stimme ist ein Signal. Oft erhöhen Mütter (oder Geschwister) ihre Stimme: Der höhere Klang der Stimme, die Art der Intonation, gibt ein Versprechen: Na, spielen wir jetzt?! Die Dynamik der Stimme weckt die Dynamik im Körper. Auch die Art, wie ein Lehrer in die Klasse kommt, seine Körperhaltung, verspricht etwas; und dann ist bei den Kindern die Spannung da. Sitzt er so (in sich gekehrt), verspricht das wenig. Steht er auf und bewegt sich, so verspricht er damit: Es wird etwas geschehen.

Auch die Körperhaltung der Kinder gibt Zeichen. Oft haben sie eine schlechte Körperhaltung. Aber wenn ein Kind zum Beispiel mit schlaff nach vorn geneigten Schultern geht, so ist das nicht nur ein Fall für Gymnastik-Übungen, nicht nur ein physische Sache. Da zeigt sich ein psychisches Problem: Die Last ist zu schwer für die Schultern des Kindes. Zum Beispiel der Erwartungsdruck von seiten der Eltern. Schon auf kleinen Kindern lastet oft zuviel Erwartung; die nach vorn gedrückte Schulter ist dann ein Zeichen dafür. Kommt aber ein Erwachsener mit solcher Schulter zu euch, so könnt ihr sicher sein: Er trägt Verantwortung. - Manche haben, manche tragen Verantwortung; da gibt es einen kleinen Unterschied. Weicht der Körper aus, so muß man zuerst herausfinden, wovor er ausweicht. Vor einem sog »Vorschlag«? Vor seinen oder meinen Erwartungen? Erst dann kann man das korrigieren.

Ein Kind, das abgewendet vor einem steht, wird sicher auch mir seinen Antworten ausweichen. Wenn die Augen des Kindes sich zur Seite richten, werden auch die Gedanken ausweichen. Im Grunde wird der Körper durch die Augen geführt. Die Augen sind das stärkste Bewegungsorgan. Macht bitte ein Experiment: Bewegt eure Augen nach rechts und bewegt dann den Kopf nach. Gut, und jetzt versucht es nach links, bewegt zuerst die Augen, dann den Kopf nach: Ihr habt sicher gemerkt, wie einfach diese Bewegung geschieht. Jetzt aber haltet die Augen nach rechts gerichtet und bewegt den Kopf nach links. Nicht wahr, eine erstaunliche Bremse für die Bewegung.

Die Augen sind das wichtigste Organ für die Bewegung. Automatisch richten sie sich dorthin, wo es gefährlich sein könnte - oder auch interessant. Normalerweise folgt der Körper den Augen. Bewege ich zum Beispiel die Augen dorthin, halte aber den Nacken steif, so zeigt dies: Ich möchte mich nicht verraten. Ich möchte verbergen, daß der Körper in diese Richtung gehen will; ich halte die Muskulatur fest. Das ergibt natürlich eine innere Spannung. Das Kind, das vor dem Lehrer steht, sucht Hilfe von der Seite, aber es wagt nicht, mit den Augen auch den Kopf wegzudrehen, denn die Auroritätsperson erwartet von ihm, daß es ihm, dem Lehrer, voll das Gesicht zuwendet. Es ist also besser, man läßt zu, daß das Kind den Kopf bewegt, sonst verstärkt sich automatisch die Spannung im Nacken derart, daß jede Bereitschaft zur Aufnahme einer Information oder eines Appells ausgeschlossen ist. Vermag das Kind sich wegzuwenden, so ist leichter zu klären, wohin es sein Interesse wendet. Ist das klar, so läßt sich auch besser erkennen, wodurch sich sein Ziel von meinem unterscheidet.

Wenn Kinder Probleme haben, so zeigt sich das oft auch daran, was sie mit ihren Händen machen. Wir können zum Beispiel sehen, wenn Arm und Hand schlaff am Körper hängen, wie gelähmt: keine Handlungsbereitschaft. So ist das oft bei Kindern, die ein Problem haben: sie sind traurig, sie fühlen sich nicht verstanden, nicht akzeptiert. Ihre Verweigerung der Handlungsbereitschaft bedeutet zugleich Liebesentzug. Ein ähnliches Körperverhalten zeigt sich bei einem Schmerzgefühl. Der Schmerz verursacht das Bestreben, den Körperteil zu schonen. Die Hand bleibt so unbeweglich, daß man Angst bekommt, sie sei vielleicht gelähmt. Also: Das Seelische wie das Physische erscheinen in ähnlichen Formen am Körper.

Berührung ist ein wichtiges Kommunikationselement. Wir berühren Leute, die uns angenehm sind. Schon die körperliche Distanz, die wir zueinander halten, ist kulturbedingt.

Die passende Distanz ist in den Kulturen verschieden. In deutschsprachigen Kulturen erwartet man, daß man einander direkt gegenüber steht; es besteht die Tendenz, die Konfrontation zu suchen, nicht auszuweichen, die Vorstellung: ein Mann, ein Wort. - In angelsächsischen Ländern ist diese Konfrontationstendenz weniger üblich. Die Leute stehen eher Schulter an Schulter nebeneinander, solidarisch zueinander, aber distanziert. - Anders die Menschen aus den Mittelmeerländern: Sie kommen viel näher. Andere Leute fühlen sich dadurch irritiert. In unserem Kulturkreis ist die Armlänge die passende Distanz, normalerweise. Bei bestimmten, vertraulichen Informationen trete, rücke ich näher. Das bedeutet: Ich möchte zum vertrauten, engen Kreis gehören. Je nachdem, ob der/die andere diese vertrauliche Nähe akzeptiert, gehöre ich dazu oder fühle mich ausgeschlossen, zurückgewiesen. Oft machen Leute sozusagen einen Sprung, sie wollen sofort akzeptiert werden im engen, vertrauten Kreis. Sie haben keine Geduld, diese vertrauliche Nähe zu verdienen. Sie wollen das Dazugehören erzwingen und kommen physisch sehr nahe heran.

Kinder möchten gerne im vertrauten Kreis sein. Deswegen kommen sie oft nah an den Lehrer heran. Wenn der Lehrer, ohne es bewußt wahrzunehmen, irritiert ist, die Distanz deutlich korrigiert oder sich wegwendet, so meint das Kind: Aha, er akzeptiert mich nicht, liebt mich nicht. Man muß also sehr aufpassen, wenn man Mißverständnisse vermeiden will. Man kann das Kind in geeigneten Formen korrigieren. Gib dem Kind eine Begründung, wenn Du in Distanz gehen mußt; das Kind kann es verstehen. Schlecht ist es, wenn das Kind nur Deine Bewegung spürt, ohne Erklärung. Es ist normal, daß Kinder nahe an Dich herankommen. Oder ein Kind steht (bloß) da und schaut dich mit einem intensiven Blick an. Es will wahrscheinlich sagen: Bitte, hilf mir. Oder: Ruf mich auf. Oder: Komm zu mir, gib mir die Möglichkeit, auch dazuzugehören. Oft passiert es, daß Kinder in unsere Nähe treten und eine Aktion versuchen, um unser Interesse auf sich zu ziehen. Es will sagen: Vielleicht akzeptierst du mein Angebot und verkürzt die Distanz.

Berührung bedeutet selbstverständlich Vertrautheit. Etwa wenn wir flüchtig und leicht jemanden mit der Hand kurz berühren, zum Beispiel am Arm oder auf der Schulter. Aber es gibt natürlich Körperbereiche, wo es nicht gestattet ist, zu berühren. Es gibt Tabuzonen. Und es ist eine Frage der Dauer der Berührung. Eine kurze Berührung beim Gespräch, ohne daß die Hand ihr Gewicht auf den anderen Körper legt, schafft Vertrautheit. Bleibt aber die Hand länger, dann wird es mich stören, der Körper zieht sich zurück. Kinder brauchen von Zeit zu Zeit diese flüchtige, leichte Berührung, die zeigt: Du bist mir angenehm, ich akzeptiere dich, du gehörst zu meinem vertrauten Kreis. Auch Kinder berühren uns immer wieder kurz, denn sie wollen dazugehören. Wenn eine Lehrerin oder ein Lehrer dies nicht weiß, wird er/sie falsch reagieren, wenn plötzlich eine kleine Hand ihre/seine Hand berührt. Zieht man dann die Hand weg, so ist das schlimm für das Kind. Es denkt: Er/Sie hat die Hand schnell weggezogen, also: man will mich nicht, ich bin zu nah, ich gehöre nicht dazu. - Ein Kind nimmt das sehr schwer.

Ich denke, so ein kleines Berührungsspiel kann sehr viel helfen bei Kindern, die besondere Integrationsprobleme haben. Man muß jedoch aufpassen, daß die Hand nicht zu schwer und zu lang auf dem Kind liegt; nur eine leichte Berührung ist angenehm für das Kind. Eine schwere Hand könnte plötzlich dominant werden für den kleinen Körper und führt dann nicht zu Vertrautheit, sondern zu Abhängigkeit. Zwischen Geborgenheit vermitteln und Hierarchie aufbauen ist unter Umständen nur ein kleiner Schritt.

Selbstverständlich gilt Ähnliches bei Erwachsenen. Der Ranghöhere darf den Untergebenen berühren, selten umgekehrt. So ist es, in jeder Hierarchie. Wenn der Boss etwas sagen will, neben der gerade sprechenden Sekretärin, so wird es genügen, wenn er ihren Arm mit dem Finger berührt, und sie wird gleich still sein, damit er etwas sagen kann. Das ist eine dominante Bewegung. Ein Chef oder eine Chefin kann sich das leisten. Stellt euch aber vor, der Sekretär/die Sekretärin macht das mit dem Boss. Es ist vielleicht möglich, aber das hat Folgen. Es gibt hier eine Hierarchie, wer wen berühren darf. Der Höhergestellte darf den Untergeordneten berühren, der Untergeordente muß um Erlaubnis bitten bei dem Höhergestellten.

Bei Kindern ist diese Hierarchie noch nicht etabliert. Hier ist es schlicht und natürlich ein Appell: Ich möchte in den vertrauten Kreis, ich will dazugehören. Das Berühren ist eine wichtige Kommunikationshilfe im Zusammenspiel.

Zur Frage: Soll man sich vor dem Kind kleinmachen, in die Knie gehen, um Augenkontakt auf gleicher Ebene zu haben? Ja, das ist sehr wichtig. Jeder Mensch hat es gern, daß man ihm direkt in die Augen schaut. Deswegen wollen kleine Kinder gerne auf den Arm; nicht sosehr deswegen, weil sie getragen werden wollen, sondern weil das Kind den Eltern in die Augen schauen will. Wenn ich in die Knie gehe und so mit ihm spreche, verlangt es nicht mehr, daß ich es hochhebe. Es ist also wichtig, daß man mit den Kindern auf der gleichen Ebene, Auge zu Auge spricht.

Auch während des Unterrichts ist es ungünstig, wenn der Lehrer, hinter oder neben dem Tisch des Kindes stehend, von oben herab fragt: Was hast du da geschrieben? Gut ist es. wenn er sich neben das Kind setzen kann, oder wenn er von vorne mit dem Schüler spricht. Der Blick über die Brille hinweg wirkt meist streng und kontrollierend. Er bedeutet etwa: Was hast du noch zu sagen? Und schon ist das Kind still. Mit solchem Blick über den Brillenrand verbunden ist noch ein anderes Signal: Das, was hier (auf dem Papier) steht, ist für mich wichtig; du selbst bist bloß eine vorübergehende Erscheinung.

Und nun einige Bemerkungen zur Kopfhaltung. Es gibt verschiedene und sehr sprechende Kopf-Positionen. Und sie wirken stark auf den Partner. Wenn ich den Kopf gerade halte, hältst du ihn auch gerade und blickst ernst. Wenn ich den Kopf schräg stelle, schief halte dann lächelst du. Es ist, als hätte ich eine Fernsteuerung. Was passiert zwischen dieser und jener Kopfbewegung? Warum hast du hier gelächelt, da aufgehört zu lächeln? Es wirkt ein rein biologisches System der Wechselbeziehung. Die gerade Kopfhaltung konfrontiert die andere Person. Anders die Botschaft der schrägen Kopfhaltung. Ich mache meine Halsseite frei, du könntest zubeißen, ich würde mich nicht verteidigen, obwohl die Hauptschlagader hier ungeschützt liegt. Dieses Signal bedeutet aber gleichzeitig: Ich vertraue dir. Ich vertraue darauf, daß du mich nicht beißt; deswegen kann ich es mir leisten, den Hals freizugeben. Auf mein Vertrauensangebot hast du geantwortet mit einem Lächeln: Wenn du mir vertraust, bin ich dein Freund. Darauf habe ich mein Vertrauensangebot zurückgezogen - und du dein Freundschaftsangebot. Das können wir wiederholen. Beim dritten Mal aber wirst du sagen: Entscheide dich!

Wenn nun ein Lehrer oder Erzieher zum Kind kommt und fragt (verbal formuliert): Wo ist dein Problem? Ich habe viel Verständnis! - zeigt aber dabei eine deutlich konfrontierende Haltung durch seine senkrechte Kopfhaltung, so wird das Kind sich nicht äußern. Es will ja nicht Konfrontation, sondern Verständnis. Wenn der Lehrer jedoch mit nicht-konfrontativer Haltung mit seitlich geneigtem Kopf sich dem Kind zuwendet und fragt: Wo liegt dein Problem? - dann wird das Kind automatisch das Vertrauensangebot wahrnehmen und ist nun zugänglich für die Initiative.

Das hat zu tun mit den schwarzen Ziegen, ja, mit den schwarzen Ziegen, nicht mit den braunen... - Habt ihr eure Reaktion bemerkt? In eurer Verblüffung habt ihr energisch den Kopf in gerade Stellungen angehoben. Natürlich hat das nicht mit schwarzen Ziegen zu tun, das ist Unsinn. Und ihr habt deshalb den Kopf gehoben, automatisch; das tun wir, wenn wir uns konfrontieren wollen, mit etwas, was nicht ganz klar ist. Wir können das auch bei Kindern beobachten, so ein konfrontierendes Verhalten. Und wenn sie Vertrauen zeigen, und mit geneigtem Kopf kommen, dann wollen sie auch Vertrauen, Zuwendung. Kommt dann aber ein Erwachsener, ernst und den Kopf stark angehoben, so müssen Kinder schon Hemmungen überwinden. Also, eine kleine Korrektur mit dem Kopf kann die Beziehung wesentlich verbessern, das Leben ändern.

Interessant ist auch die Körpersprache der Handhaltung. Eine Hand, die sich von oben nach unten bewegt, ist immer eine drückende Hand, mindestens dominant. Halte ich jemandem die offene Hand hin, so ist es seine Entscheidung, ob er das Angebot nimmt oder nicht. Die Hand, die von oben etwas gibt, ist eine zwingende Hand.

Jede Hand, die von oben nach unten gereicht wird, ist eine dominierende Hand, denn der andere reagiert automatisch und nimmt, was sie in seine Hand legen. Eine offene Hand bedeutet: Ich gebe dir etwas, was in meiner offenen Hand liegt, aber ich zwinge es dir nicht auf. Es ist deine Sache, ob du annimmst oder ablehnst. Auch Kinder spüren das genau. Wir müssen überlegt entscheiden, wann wir Dominanz zeigen und wann wir dem Kind die Möglichkeit geben, selbst Stellung zu nehmen. Wenn man Kinder schon im Kindergarten daran gewöhnt, beim Umgang mit Spielzeug anderen Kindern die Dinge mit offener Hand zu geben, bzw. zu tauschen, dann werden sie eine bessere Interaktion haben. Wenn dagegen ein Kind nur die Dominanzgebärde kennt und aussendet, und die Sachen mit seiner Hand ergreift. so wird das andere Kind darauf aggressiv. Ein einfaches System, Angebot oder Dominanz - aber folgenreich.

Was macht uns denn aggressiv? Eine wichtige Frage für das Verhalten unserer Körper, für den Umgang miteinander. Zum Beispiel Dominanz macht aggressiv. Aber warum? Man erwartet von uns nicht eine Stellungnahme, sondern Unterwerfung. Man läßt uns nicht die Wahl zwischen Ja und Nein, überhaupt keine Wahl. Wir sind mit dem zwingenden Anspruch konfrontiert: Es ist so. Tu das oder das. Du kommst dir dann vor wie ein Hund, dem man zuruft: Platz! Folgt das Kind nur Befehlen, hört es auf eigene Gedanken und Aktionen zu entwickeln, da diese nicht gefragt sind.

Es gibt zwei Grundarten von Aggressionen. Die eine ist eine Verteidigungshandlung. Sie wird hervorgerufen durch eine bestimmte hormonelle Ausschüttung im Körper, veranlaßt durch eine Bedrohung. In dem Moment, wo die Bedrohung verschwindet, schwindet auch die hormonelle Ausschüttung und die Aggression ist weg. Die andere Art ist die Jäger-Aggression. Die entsteht durch eine hormonelle Ausschüttung, die nicht nachläßt, bis ich die Beute habe. - Ich spreche jetzt nicht von destruktiven Formen der Aggressivität, sondern von Aggressionen, die auch positiv sein können.

Wir wollten noch eine Form aggressiven Verhaltens besprechen: Jede von außen verursachte Unterbrechung einer zielgerichteten Aktion macht uns aggressiv. Sind wir mitten in einer zielgerichteten Handlung und werden von außen unterbrochen, gehindert, so macht uns das aggressiv. Das ist eine einfache Regel. Ein Beispiel: Die Mutter will die Pampers beim Kind zumachen. Das Kind aber will sich ein in der Nähe befindliches Spielzeug greifen. Die Mutter wird aggressiv, weil das Kind ihre zielgerichtete Bewegung, die Pampers zu schließen, stört; nervös schiebt sie die Hand des Kindes weg. Das Kind nun, das das Spielzeug greifen will, wird in seiner zielgerichteten Bewegung unterbrochen und reagiert darauf mit heftigem Schreien. Oder: Ein Mann sitzt beim Fernsehen; seine Frau ruft: Das Essen ist auf dem Tisch, komm! Schon ist er aggressiv. Warum ist er so bös? Ich habe doch ein gutes Essen gemacht. Man hat seine zielgerichtete Aktion, die Fersehnachrichten zu Ende zu hören, unterbrochen. Auch bei Kindern ist es besser, wenn man ihnen die Möglichkeit gibt, eine begonnene Aktion zu Ende zu führen.

Sowohl für Berührungen wie für Aggressionen gilt: Innere Bewegung äußert sich immer in der Motorik. Wenn diese Motorik unterdrückt wird, so richtet sie sich nach innen - und da haben wir dann zum Beispiel ein Magengeschwür. Bewegung ist ein Zeichen des Lebens. Wenn wir uns nicht bewegen, wenn wir erstarren, so werden andere - besonders Kinder - immer mit Angst reagieren. Angst vor etwas, das erstarrt ist. Sogar eine lachende Mutter wird für das Kind zum Monster, wenn das Lachen sozusagen gefriert, fixiert andauert. Warum? Ein Gefühl, eine innere Bewegung, ist wie eine Welle, die kommt und vergeht, und schon wieder ist eine neue Welle da. Ein Gefühl ist nie etwas, das lange bleibt. Jedes Signal, auch eine Gebärde der Höflichkeit, wird für uns falsch und erschreckend, wenn es angehalten wird, unbeweglich erscheint. Keine Bewegung, das ist (wie) der Tod.

Versuchen wir jetzt, die Verbindung zwischen der inneren Empfindung und der Körperbewegung zu erkunden. Ziehen Sie eine Sekunde die Augenbrauen hoch und versuchen Sie, dabei aggressiv zu sein. Sie spüren, das geht nicht. Denn innere Empfindungen werden stimuliert oder blockiert mit der körperlichen Bewegung. Diese hat ja eine bestimmte Funktion. Wenn Sie die Augenbrauen hochziehen, so zeigt dieses körperliche Signal, für jeden verständlich: Ich brauche mehr Information. In diesem Moment, wo ich mehr Information will, ist ein anderes Bestreben blockiert. Aggression ist eine Entscheidung. Diese Entscheidung kann ich aber nicht treffen, wenn der Körper gerade in Bereitschaft ist, neue Information aufzunehmen. Deswegen ist bei der Informationsaufnahme die Aggression blockiert. Jede Begrüßung, die bedeutet: Ich möchte mehr über dich erfahren, ist eine freundliche Form des Verhaltens und schließt Aggressivität aus. Manche Leute gehen ihr ganzes Leben so mit hochgezogenen Augenbrauen herum und zeigen: Wie erstaunlich. Ich brauche mehr Information! - Hören Sie nur das Vokabular dieser Leute: Wirklich?! Das versteh ich nicht! Oder: Phantastisch! Unglaublich! Usw.

Es wirkt immer gut, wenn man, etwa in einem Gespräch, dem Partner gegenüber

die beiden Augenbrauen leicht, hochzieht. Das Signal zeigt nämlich: Ich habe Interesse an dir; ich möchte mehr erfahren über dich. Machen wir jetzt ein anderes Experiment, um die Verbindung von innerer Empfindung und Körperbewegung zu testen: Faltet, verschränkt die Hände und versucht, aggressiv zu sein. - Ich kann sofort sehen (und sagen), wer die Aggression hat und wer nicht. Jeder, der die Aggression stimuliert hat, hat mit der einen Hand gegen die andere gedrückt. Das sieht man an den Druckstellen, an den weißen Stellen, wo das Blut nicht durchströmt. Das ist eine Intentionsbewegung; sie blockiert die andere Hand zu einer Faust. Die Aggression bildet automatisch die Hand zu meinem physischen Verteidigungsinstrument aus, ballt sie zur Faust.

Jetzt faltet die Hände locker, ohne Druck, und versucht aggressiv zu sein. Es geht nicht. Könnt ihr so mit lauter Stimme sprechen? Nein. Nicht umsonst ist dies die Sonntagspredigerhaltung.

So, und jetzt laßt euer Unterkiefer hängen. Ist schon richtig; spürt ihr, man kriegt ein idiotisches Gefühl. Laßt euer Unterkiefer hängen und versucht in diesem Zustand auszurechnen: Wieviel ist 17 mal 7? Es gelingt entweder überhaupt nicht oder nur sehr langsam. Diese Körperhaltung blockiert das Denken. Umgekehrt: Wenn ich zuviel Information bekomme, so fällt das Unterkiefer runter. So ist es bei Kindern im Kasperltheater, wenn mehr geschieht, als sie im Moment verarbeiten können.

Wenn bei Kindern der Unterkiefer ein bißchen fällt, so sollte uns klar sein: In diesem Zustand können sie wenig aufnehmen. Man muß dann die Aktivität reduzieren, sonst sind sie überfordert.

Wollt ihr noch ein Experiment versuchen? Gut. Beißt sehr fest die Zähne zusammen - und jetzt denkt nach über das Leben. Positives Denken! Ihr merkt, wie schwer das ist. Ja, verbissene Leute können nur schwer sinnieren und kommunizieren; in ihrer Verbissenheit können sie weder schlucken noch spucken. Es gibt auch Kinder, die dauernd die Zähne zusammenbeißen. Warum sie verbissen sind, das ist ein anderes Kapitel. Hier ist wichtig, daß man in dem verbissenen Zustand nur schwer etwas Positives aufnehmen kann. Man sollte zusehen, daß sich der Unterkiefer etwas lockert; erst dann kann man eine positive Kommunikation aufbauen.

So, können wir nun versuchen, das zu machen: Er fährt sich genußvoll mit der Zunge über die Lippen.) - Es ist interessant, vorher haben alle mitgemacht, jetzt nur knapp dreißig Prozent; davon zehn Prozent sehr vorsichtig. Was ist der Grund für diese Hemmung? Es gibt Sachen, die tabuisiert sind. Einen Genuß in der Öffentlichkeit zu zeigen, das ist verboten. Aber verbissen sein, das dürfen wir. So sind wir konditioniert. Wir sollten über dieses System - was darf man, was darf man nicht - nachdenken. Gehen wir in diesen Experimenten noch etwas weiter. Legt bitte eure Hände leicht auf die Wangen, so, daß sich eure Gesichtsmuskulatur nicht bewegt, wenn ihr etwas sagt; der Mund darf sich natürlich frei bewegen. So, und jetzt sagt: Heute ist ein herrlicher Tag! Aber ohne daß sich die Wangenmuskeln bewegen! Merkt ihr das Problem? Wenn unser Gesicht sich nicht bewegt, werden unsere Gefühle nicht stimuliert. Und wenn wir zu Kindern so unbewegt über Gefühle sprechen, bekommen die Kinder Angst. Denn es stimmt etwas nicht; der Widerspruch zwischen Inhalt und Form der Aussage irritiert. So, und jetzt legt bitte die Zeigefinger unter den Augen an die Wangen, zieht die Hände langsam nach unten und sagt den Satz: Heute ist ein herrlicher Tag! Geht das gut? Nein, die Stimmung ist tief, eher depressiv! - Und nun nehmen wir die Hände so, die Außenseite an die Wange gelegt, und ziehen die Finger über die Wange hinauf - und sagen: Heute ist ein herrlicher Tag! Merkt ihr, wie schnell wir entsprechend stimuliert werden? Und ihr könnt euch vorstellen, daß das bei Kindern helfen kann, wenn etwas zu schwierig ist, wenn eine kleine Müdigkeit sie hinunterzieht. Es macht den Kindern Spaß, zweimal so die Finger über die Wange hochzuziehen; und die ganze Klasse ist wieder wach.