12. März 1938 – „Überwältigung Österreichs“

 

Spatzenegger: Für die katholische Kirche war das nationalsozialistische Regime eine Zeit des Widerstands und der Verfolgung.

 

SALZBURG (eds/Rupertusblatt-12.3.2018) / Das Salzburger Bischofshaus wurde 1938 - wie 26 weitere Gebäude - von den Nazis beschlagnahmt.  Erzbischof Lackner wird bei jedem Besuch seiner Hauskapelle an den Überfall erinnert: Das Christusbild, das neben dem Eingang der Kapelle hängt, wurde von den Nazis als Zielscheibe verwendet. Hans Spatzenegger erinnert im Rupertusblatt vom 11. März an die Situation der Katholischen Kirche 1938 in Salzburg. Hier können Sie den Text nachlesen:  

1938 – das Jahr des Einmarsches von NS-Truppen in Österreich, das Jahr des „Anschlusses“ an Hitler-Deutschland: Am 11. März um 19.45 Uhr gab Bundeskanzler Kurt Schuschnigg seinen Rücktritt bekannt:  „Der Herr Bundespräsident beauftragt mich, dem österreichischen Volk mitzuteilen, dass wir der Gewalt weichen.“ Seine Rundfunkansprache beendete er mit dem Wunsch „Gott schütze Österreich!“

Für die katholische Kirche bedeutete das nationalsozialistische Regime eine Zeit des Widerstandes und der Verfolgung. Die Ausübung des religiösen Lebens wurde großteils verboten, mindestens aber in jeder Weise behindert. Das kirchliche Vereinswesen war völlig zerschlagen, die katholischen Schulen aufgehoben worden. Viele Klöster und kirchliche Häuser hatte man beschlagnahmt. Im Erzbischöflichen Palais in Salzburg residierte die SA.
„Die Zeit ist ernst. Es wird zum Weltkrieg gerüstet. Der Unglaube erzeugt Hass gegen Gott und die Kirche.“ – So sorgte sich Erzbischof Sigismund Waitz noch am 23. Februar in einem Hirtenschreiben. Am 11. März stand er unter Hausarrest, und Gauleiter Anton Wintersteiger besetzte den Chiemseehof. SA-Trupps stürmten den Radio-Sender, das Rathaus, das Gericht … Das mitternächtliche Glockengeläut geschah gegen das ausdrückliche Verbot diözesaner Stellen.
Am nächsten Tag erfolgte dann – von einem nicht unerheblichen Teil der Bevölkerung begrüßt – der Einmarsch der deutschen Truppen: „Überwältigung Österreichs“, schreibt  Waitz in seinem Tagebuch.
Am 6. April beehrte dann Adolf Hitler endlich die Mozartstadt, wo er – Treppenwitz der Geschichte – 24 Jahre zuvor von einer k.k. Musterungskommission zunächst für „untauglich“ erklärt worden war. (Aber bereits 1920 und 1923 hatte der sprachmächtige Agitator in Salzburg und Hallein für die NSDAP zu werben versucht.)
Erzbischof Waitz hatte sich geweigert, zum Empfang zu gehen. Ungern ließ er sich von seinem jüngsten Domkapitular Dr. Franz Simmerstätter vertreten, der den Evangelischen eine alleinige Begrüßung des Führers partout nicht gönnen wollte. (Tatsächlich waren sie dann aber gar nicht in die Residenz gekommen.) Am Folgetag  nahm der Führer den Spatenstich am Walserberg zum Autobahnbau vor: als Symbol des Anschlusses und der verheißenen Arbeitsplätze. (Der originale Spaten wird übrigens noch heute in einem hiesigen Haushalt aufbewahrt!)
Bei der Abstimmung am 10. April 1938 stimmten 99 Prozent der Österreicher mit „Ja“. „Der Sieg des Hakenkreuzes“ jubelte das „Salzburger Volksblatt“. Ganz klein darin die Namen der „Schutzhäftlinge“. Denn gleichzeitig setzte eine Verhaftungswelle ein: 35 Priester, gegnerische Politiker, Katholiken aus allen Schichten, widerständige Sozialisten und Kommunisten, schließlich die Juden in ihrer Gesamtheit. 
Und trotzdem waren nicht alle Österreicher Nazis, die meisten ordneten sich unter und suchten „zu überleben“.  Mitläufer stabilisieren aber ein System, zitiert CR Karl Roithinger den Philosophen Joseph de Maistre.
Die unglückselige „Anschlusserklärung“ der österreichischen Bischöfe hatte der Salzburger Oberhirte trotz großer Bedenken mitunterschrieben. Der „Köder“ Hitlers, „die Kirche der Ostmark werde es nicht zu bereuen haben, wenn sie sich mit dem Staat verständigt“, kam seiner paulinisch verstandenen Gehorsamspflicht „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist“ entgegen.
26 Gebäude wurden sofort beschlagnahmt, einschließlich des Bischofssitzes. Alle mit einem Hitlerbild geschmückten Häuser sollten hingegen von Gewalttaten der SA verschont bleiben. Als die Franziskaner ihr Kloster für die Gestapo zu räumen hatten, warfen sie alte Möbel und ausgediente Bücher in den Hof. Das Regime wertete dies als politische Demonstration und verurteilte 16 Konventsangehörige zu Arreststrafen.


Welle an Kirchenaustritten

Eine beispiellose Propaganda und zahlreiche Schikanen verursachten eine Austrittswelle (je 5.500 Austritte 1938/39). Diesem Ziel dienten auch die Einführung der Kirchensteuer und der obligatorischen Zivilehe. Der Religionsunterricht in den Schulen war verboten. Die neu verordnete Kirchensteuer sorgte wohl anfangs für Verunsicherung. Aber schon 1940 kam mit 658.000 Reichsmark fast so viel wie vor dem Anschluss herein.
Zu einem weiteren Höhepunkt des Kirchenkampfes, der in Salzburg besonders intensiv war (Karl Springenschmid, „der Bücherverbrenner“ am 30. April auf dem Residenzplatz), kam es dann im Herbst 1938, als zum zweiten Mal die Fenster im Palais eingeschlagen wurden: „Wir wollen unseren Bischof sehen – in Dachau“.
Je vollständiger die Überwachung, desto verschlüsselter die Predigten. Besonders auf dem Land wurde es üblich, erst recht das vertraute „Grüß Gott“ zu verwenden. Zu „Führers Geburtstag“ blieb schon 1939 der Dom unbeflaggt. 


Viele Opfer unter Priestern

Die Priester hatten – gemessen an der Gesamtzahl der Bevölkerung – prozentuell den höchsten Anteil an Opfern auf sich zu nehmen: Vierzehn Kleriker landeten in einem Konzentrationslager, fünf kehrten nicht mehr daraus zurück. Pfarrer Andreas Rieser (Film: Der Zwiebelturm) und Kanonikus Leonhard Steinwender („Christus im KZ“, Neuauflage durch das „Rupertusblatt“ 1985) haben ihre Misshandlungen und ihr Durchhaltevermögen als Lehrstücke niedergeschrieben. Von den 661 Diözesan- und Ordenspriestern gerieten weitere 107 in Haft. Schulverbote (ein Drittel!) und Gauverweise erfolgten wegen illegaler Vereinstätigkeit, „Heimtücke“, Judenkontakte, Defätismus … 110 Diözesane waren eingerückt; gefallen sind zwölf Priester, fünf Theologen und neun Ordensbrüder. Kooperator Johann Vogl beteiligte sich an der Widerstandsgruppe „O5“, Dozent Alois Mager OSB stand im Kontakt zu Admiral Canaris; recht viel mehr wissen wir darüber nicht. – Fünf Priester galten allerdings als Sympathisanten: Sie verließen ihren Dienst oder wurden entlassen.
In den Pfarren waren die Verhältnisse im Zusammenleben von Kirche und NS-Herrschaft durchaus unterschiedlich: In Altenmarkt z. B. ließ man Dechant Felix Gredler – wie sich der NS-Richter selbst ausdrückte – „ins offene Messer laufen“, d. h. er war angezeigt worden wegen Verletzung der landwirtschaftlichen Ablieferungspflicht, kam ins KZ und starb dort. Andreas Rieser hatte für den Turmknauf der in Renovierung befindlichen Kirche in Dorfgastein ein Dokument verfasst mit seiner ablehnenden Haltung. Dortige Mitbürger haben ihn verraten, sodass er sieben Jahre in den KZ Dachau und Buchenwald durchzuhalten hatte. In anderen Orten hingegen überdauerten der Zusammenhalt und die Dorfgemeinschaft selbst diese tiefen ideologischen Gegensätze ganz passabel.


„Unsicherheitsfaktor“ Kirche

„Den größten Unsicherheitsfaktor bildete die katholische Kirche“ (E. Hanisch). Je länger, desto mehr. Wegen ihrer ideologischen und sozialen Kontrollfunktion blieb sie der potenteste Gegner. Um die Seelsorge halbwegs weiterführen zu können, meinten die Verantwortlichen die eine oder andere Schikane in Kauf nehmen zu müssen. An der Basis formierte sich durchaus widerständisches Denken und Handeln – um gar nicht so wenige Pfarrhöfe herum. Zum echten Widerstand fehlten entschlossene Persönlichkeiten und notwendige Strukturen; die Vereine waren ja bekanntlich aufgelöst. Subversivität setzt auf ein Verwischen der Spuren und der Kontakte, sodass die bekannten Beispiele der Gegnerschaft nicht annähernd ein vollständiges Bild der oppositionellen Haltung und Aktivitäten ergeben.
Zu Elternprotesten kam es beispielsweise in Köstendorf (Schulkreuze), Seeham, Krispl, Abtenau, Ebenau, Lessach, Ramingstein, Dienten, Neumarkt (Fronleichnam), Mariapfarr, Goldegg, Salzburg-Parsch, Seekirchen … „Nie waren die Kirchen voller als in dieser Zeit“ (Georg Rendl, St. Georgen). Durch ihre Spendenfreudigkeit zeichneten sich besonders Nussdorf, Russbach, Hüttschlag, Saalbach, Kaprun, Hallwang aus. (Kanonikus Simmerstätter konnte einmal eine freiwillige Sammlung vor der Beschlagnahme retten. Prompt wanderte er dafür ins Gefängnis und erhielt Gauverbot: bis 1945 hatte er in Rattenberg als Seelsorger zu bleiben). In Gold-egg, Mariapfarr, Bramberg wurden Unterschriften gesammelt für die Freilassung des Pfarrers. Kirchliche Hochfeste und Prozessionen waren demonstrativ gut besucht. An der Glocknerwallfahrt beteiligten sich – trotz Verbots – 94 „Alleingänger“. „Auspendeln“ in Nachbarpfarren galt als beliebte Methode der allgegenwärtigen Registrierung zu entgehen. Empörung über abgeschaffte Feiertage und über die Entfernung von den Kreuzen in den Schulen und Spitälern äußerte sich nicht nur am Stammtisch! 
Nicht jeder war jedoch so mutig wie Schwester Anna Bertha von Königsegg mit ihrem öffentlichkeitswirksamen Aufschrei gegen den Abtransport der ihr anvertrauten behinderten Kinder: „Aufwiegelung“ und Unruhestiftung bescherten ihr Gestapohaft und Verbannung.
Als Erzbischof Waitz – auch wegen der problematischen Loyalitätserklärung der österreichischen Bischöfe – nach Rom fuhr (11. Juli 1938), jubelten die neuen Machthaber, seine Berichtspunkte schon vor seinem Eintreffen im Staatssekretariat gekannt zu haben. (Das ergab eine Recherche im Bundesarchiv in Berlin). Man muss von einer undichten Stelle im Erzbischöflichen Palais selbst ausgehen, die bis heute nicht entschlüsselt ist.

Schuld zu bekennen“

Drei Tage vor seinem überraschenden Ableben (1941) prangerte Waitz in einer öffentlichen Predigt noch einmal klar den gegenwärtigen „Räuberstaat“ an. Verständlicherweise hatte dies zu allerlei Gerüchten (einer Vergiftung) Anlass gegeben. Heute wissen wir: sein Leibarzt Dr. Erwin Domanig bestätigte jedoch eine Herzattacke.
In Lamprechtshausen ging das Weihespiel vom „Opfertod des kleinen Mannes“, im Gedenken an den dortigen Putschversuch 1934 in Szene. Es sollte den „jüdischen Jedermann“ auf dem Domplatz ablösen.
Erzbischof Dr. Karl Berg mahnte im Gedenkjahr 1988: Überzeugung und Opportunismus haben viele Österreich dem Nationalsozialismus ausgeliefert, „andere wurden schuldig durch Gleichgültigkeit“; in diesem Sinne sei Schuld zu bekennen!

Dr. Hans Spatzenegger

 

Nachzulesen im Rupertusblatt vom 11. März.

Foto: Andreas Rieser war 1938 Pfarrer in Dorfgastein. Im Sommer 1938 wollte er bei der Renovierung der Kirche ein Manifest gegen Hitler und die NS-Herrschaft in den Knauf des Kirchturmes als Mahnung für die Nachwelt Einöden lassen. Der Spengler, der das versiegelte Kuvert hinterlegen sollte, brach dieses jedoch auf und denunzierte Rieser. Der 30-jährige Priester wurde festgenommen und blieb sieben Jahre bis zum Kriegsende im Mai 1945 in den Konzentrationslagern Dachau und Buchenwald in Haft.

Foto1: Archiv Rupertusblatt

Foto2: "Dieses Bild war Zielscheibe für die SS", steht auf der Rückseite des Christusbild, das heute vor dem Eingang zur Privatkapelle des Erzbischofs hängt. Die Löcher und Schnitte erinnern an den Überfall der Nazis 1938.

Foto3: Sigismund Waitz (*29. Mai 1864 in Brixen, Südtirol; gest. 30. Oktober 1941 in Salzburg) war von 1935 bis seinem Tod Fürsterzbischof von Salzburg. Seine Erkenntnis: "Helden waren wir keine"

 

 

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