231 Stufen dem Himmel näher

 

Ihr Klöppel wiegt so viel wie ein Kleinauto. Die Salvator-Glocke im Salzburger Dom ist nach der Pummerin die zweitgrößte Glocke Österreichs.

 

SALZBURG (eds/Kurt Sonneck - 12.6.2017) Endlich öffnet sich die Tür zum Nordturm. Erleichterung macht sich breit. Manche Besucher warten hier schon seit einer Stunde. Die Besteigung des Domturms zählt seit Beginn der Langen Nacht der Kirchen in Salzburg zu den absoluten Highlights. 110 Augenpaare – so lange ist die Besucherschlange mittlerweile – blicken nun gespannt auf jenen Mann, der hinter der Tür hervorkommt. Dietmar Koisser, seines Zeichens Obermesner, empfängt die Menge mit einem freundlichen Lächeln. Jahr für Jahr bringt er die neugierigen Besucher dem Himmel ein Stück näher.


Reinen Wein einschenken

Für 20 von ihnen kann es nun losgehen. Im Gänsemarsch beginnen sie den Domturm zu bezwingen. Stufe für Stufe. Die Gespräche verklingen. Die Atemgeräusche werden lauter. „Gleich machen wir eine kurze Pause“, verspricht der Domführer. Auf halbem Weg erreichen die Besucher die sogenannte Hostienbackstube. „137 Stufen“, ruft ein älterer Herr aus der Menge. Zwei steinerne Backöfen erinnern daran, dass hier im Mittelgeschoß des Domturms einstmals heiliges Brot gebacken wurde. „Heute gibt’s keine Hostien, sondern Messwein – den trinkt auch unser Erzbischof“, betont Koisser und lädt zu einer Verkostung ein. Zwei Weinsorten stehen bereit: ein Grüner Veltliner – der Werktagswein. Und ein Muskateller, der an Hochfesten und Feiertagen verwendet wird. „Der süßliche Geschmack soll die Süße des Festes betonen.“ Nicht jeder Wein eignet sich als Messwein. Er muss naturrein sein und darf nur von einer Rebsorte stammen. Dass sich die Weißweine als Messweine durchgesetzt haben, hat einen rein praktischen Grund: „Roter Wein macht unansehnliche Flecken auf den weißen Altartüchern“, erklärt der Chef-Mesner.

Während die Turmbesteiger mit Brot und Wein die Atmosphäre vergangener Zeiten genießen, zeigt Koisser in der hinteren Ecke eine weitere Besonderheit: das Pendel der alten Turmuhr. Es ist schon lange nicht mehr in Betrieb. „Mittlerweile laufen die Uhren vollautomatisch. Mit neun Metern Länge brauchte es drei Sekunden von der einen zur anderen Seite.“ Alle 30 Stunden musste man die Uhr wieder aufziehen. „Heute steuern wir die Zeit von der Sakristei aus“, sagt Koisser lächelnd. „Bitte den Wein austrinken. Wir haben noch ein Stück vor uns!“


Dem Trubel entkommen

Je weiter sich die Besucher von der Hostienbackstube entfernen, desto dunkler wird es. Kein Licht dringt mehr herein. Aber auch hier hat die Technik Einzug gehalten. „Vor einigen Jahren haben wir elektrisches Licht installiert. Ist einfach sicherer“, erklärt der Obermesner und betätigt einen der Lichtschalter. „Gleich haben wir es geschafft!“

Nach genau 231 Stufen betritt die Gruppe aus dem Halbdunkel den lichtdurchfluteten Glockenturm. Den Trubel der Altstadt haben sie hinter sich gelassen. Es ist absolut still. Mächtig hängt hier in 60 Metern Höhe die Salvator-Glocke – die Zweitgrößte nach der Pummerin in Wien. Allein der Klöppel wiegt so viel wie ein kleines Auto. „Der Salvator wurde mittels Seilzug hier hochgebracht. Die Glocke passte zuerst nicht durch das Fenster. Es musste extra Marmor ausgestemmt werden“, so der Mesner. Einige Neugierige wagen sich nun näher an das Ungetüm, andere stellen sich darunter. Die Glocke kommt nur bei besonderen Anlässen und an den höchsten Feier- oder Festtagen zum Einsatz. „Heute hat sie die Lange Nacht der Kirchen eingeläutet.“ Auch bei den „Jedermann“-Aufführungen sorgt sie für die nötige Dramaturgie. Wenn die Bischofsglocke – wie sie auch genannt wird – einmal läutet, lässt sie sich nicht so schnell bremsen. „25 Minuten schwingt sie nach“, sagt Koisser. Die restlichen sechs Glocken hängen im Südturm. Rupertus, Maria, Josef, Virgil, Leonhard und Barbara – so heißen sie. Das Salzburger Domgeläute gilt als eines der klangschönsten Österreichs und ist mit über 32 Tonnen Gesamtgewicht das größte im süddeutschen Sprachraum. Wer sich vom Anblick der Salvator-Glocke lösen kann, genießt an einem der vier offenen Fenster einen 360-Grad-Rundumblick über die Altstadt. Die Fassaden der altehrwürdigen Gebäude leuchten im Abendrot. Das Klicken der Fotoapparate durchbricht den magischen Augenblick. Bevor die Besucher wieder in den Alltag hinabsteigen, werden noch letzte Fotos geschossen – als Erinnerung an diesen besonderen Ort. 

Bilder:
Bild 1: Obermesner Dietmar Koisser lädt zur Turmbesteigung in „seinen“ Dom ein.
Bild 2 (von l. n. r.): Brigitte Böhm, Michael Bruckmoser und Sarah Böhm lassen sich den Wein schmecken.
Bild 3: Filip Stürzer und Heidi Krolokh vor der zweitgrößten Glocke Österreichs.
Fotos: Kurt Sonneck 

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