"Amoris laetitia": Theologen uneins über Folgen des Schreibens

 

Ein kontroverser Diskussionsabend an der Universität Salzburg

 

SALZBURG (eds/kap - 16.11.2016) Das Papstschreiben "Amoris laetitia" über die kirchliche Ehe- und Familienlehre bewegt weiter die Gemüter: Nachdem vor zwei Tagen ein Brief bekannt wurde, in dem vier Kardinäle Papst Franziskus um Klärung offener Fragen zu dem Schreiben baten, wurde gestern am Abend "Amoris laetitia" auch an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Salzburg intensiv diskutiert. Dabei zeigte sich einmal mehr: Es gibt keine Einigkeit in der Interpretation des Schreibens, mit dem Papst Franziskus die Ergebnisse der vor rund einem Jahr zu Ende gegangenen "Familiensynode" zusammenfasste. In Salzburg zeigte sich die unterschiedliche Einschätzung in den Beiträgen der Theologen Gerhard Marschütz und Andreas Wollbold.

Die im Titel der Veranstaltung gestellte Frage "Wohin führt der Weg" wurde vom Wiener Theologen und Professor für Theologische Ethik, Marschütz, mit dem Aufruf zu einer Weiterentwicklung der kirchlichen Ehelehre auf Basis des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-65) beantwortet. Eine solche Weiterentwicklung stoße der Papst in "Amoris laetitia" an. Zentral sei der Impuls des Papstes zu einer Dezentralisierung der Kirche und zu einer neuen Wertschätzung der Ortskirchen. Nur so könne die Kirche auf die Lebensrealität der Menschen vor Ort reagieren.

"Es geht Papst Franziskus um eine Personengerechtigkeit und nicht um eine Normgerechtigkeit", so Marschütz. Daher sei die Kirche auch im Blick auf ihre bisherige Ehe- und Familienlehre zu einer heilsamen Selbstkritik und zu einem angstfreien Umgang mit der Lebensrealität der Menschen aufgerufen.

Zu einer anderen Einschätzung kam indes der Münchner Pastoraltheologe Andreas Wollbold. Er betonte u.a., dass die Vorstellung nicht zutreffe, der Papst könne eigenmächtig die Lehre der Kirche ändern. Auch wies Wollbold auf begriffliche Schwachstellen und systematische Unschärfen in "Amoris laetitia" hin. Die gebotene Situationsanalyse in dem Dokument sei nicht realitätsnah, Zitate u.a. von Thomas von Aquin seien aus dem Kontext gerissen. Zudem erwecke das nachsynodale Schreiben zuweilen den Eindruck, als wären einige darin enthaltene Gedanken nicht zu Ende gedacht. Die pastoralen Anliegen des Schreibens, insbesondere die Erneuerung des Ehekatechumenats, seien aber zu würdigen.

Während der folgenden Diskussion wurden bibelwissenschaftliche, historische, erkenntnistheoretische wie auch praxisbezogene Aspekte rund um das päpstliche Schreiben erörtert. Angelika Walser, die neue Vizedekanin der Salzburger Fakultät und Moderatorin des Abends, erinnerte zum Abschluss an die Worte von Kardinal Walter Kasper, der im Vorfeld der "Familiensynode" die Kardinäle zu einer raschen Reform des der Pastoral bezüglich der wiederverheirateten Geschiedenen ermahnt hatte. Bei einem Ausbleiben der Reform stünde die Weitergabe des Glaubens an die nächste Generation auf dem Spiel. Unter den Zuhörern der Diskussionsveranstaltung waren der Salzburger Erzbischof Franz Lackner und Weihbischof Andreas Laun.

Foto: Die Theologen Gerhard Marschütz und Andreas Wollbold mit der Moderatorin des Abends, Vizedekanin Angelika Walser. Foto: EDS/Hartlieb

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