Augenblick mal!

 

Gedanken zum Jahreswechsel: Über die Chance, im richtigen Moment das Richtige zu tun

 

SALZBURG (eds-30.12.2018) / Wie oft haben Sie sich schon gedacht: Dafür wäre gerade der richtige Moment? Angefangen von der Spende, die man im Advent tätigen wollte, bis hin zum aufgeschobenen Besuch bei einer Person, die diesen Besuch vielleicht nötig hätte. Oder: Man nimmt sich vor, seinen Alltag wieder mehr in die Hand zu nehmen, Sachen zu ordnen, das eigene Leben anzufragen, überlegt zur Beichte zu gehen, versucht eingefahrenen Muster und Gewohnheiten zu überwinden. Dann aber plötzlich passiert wieder etwas in uns, das uns davon abhält; wir verkriechen uns wieder in das wohlige Gefühl des „Passt-schon-so-wie-es-ist“ und wir lassen den Moment verstreichen, ohne die Initiative ergriffen zu haben. 

Die Liebe auf den ersten Blick, die einmalige berufliche Chance, der Moment der Erleuchtung – die alten Griechen hatten einen Begriff dafür: Kairos. Die göttliche Gelegenheit, die es zu ergreifen gilt. Auch im Neuen Testament spricht Jesus an mehreren Stellen von der Gnadenchance, die für jeden von uns besteht. Der Kairos wird nicht von der Quantität der Zeit, also von ihrer Länge oder Kürze, sondern von ihrer Qualität, die eine geglückte, richtige, eine angemessene, lebensverändernde Chance meint, her bemessen. Der Kairos ist zu ergreifen, aber man kann ihn auch verfehlen. Er ist flüchtig, aber er verhält sich zur Ewigkeit, weil er auch Konsequenzen verursacht: für den, der die Chance ergreift oder nicht ergreift, für den, der dadurch betroffen ist. Und ja: Man kann den Moment auch versäumen. Das heißt nicht, dass wir nicht wieder die Möglichkeit zum richtigen Handeln erhalten werden – aber diese eine Gnadenchance ist definitiv vorüber. Wir erahnen diese Qualität von Zeit, wenn wir feststellen: das nicht gesprochene Wort kann nicht nachgeholt und das gesprochene Wort kann nicht mehr zurückgeholt werden. Insofern ist der Kairos ein Merkmal christlicher Entscheidung und Handlungsbereitschaft samt ihren Konsequenzen. Außerdem ist er Kennzeichen der Jesus-Nachfolge: Im Markusevangelium lesen wir, wie Jesus – bevor er seine Jünger am See beruft – davon spricht, dass die Zeit erfüllt ist, der Gnadenmoment da ist. Wir sind gefordert, unser Leben in eine konkrete Beziehung, in Beziehung zu Jesus selbst, zu setzen. 

Etwas Richtiges im richtigen Moment zu tun – ein möglicher Neujahrs-Vorsatz?

Natürlich – die Frage bleibt: Wie erkenne ich die richtige Gelegenheit? Im Herzen jedes Kairos steckt ein Rätsel, nämlich, warum, auch bei gleichen Voraussetzungen und bester Vorbereitung, der eine zugreift und der andere nicht; warum der eine den oft kleinen Schritt tut, der andere den Moment verstreichen lässt.

Vielleicht ist es auch hier so, dass wir dem Instinkt unseres Herzens und der Führung Gottes trauen dürfen. Und dann aber auch zugreifen müssen.

Drei Orientierungspunkte können helfen, im neuen Jahr den richtigen Moment beim Schopf zu packen. Übrigens: Die Griechen machten aus dem Kairos einen Gott mit Glatze und einem Schopf an der Stirn, den es zu packen galt – oder eben nicht, dann rutschte die Hand über den blanken Schädel ins Nichts einer vertanen Gelegenheit.

1. Die Chance der Begegnung nutzen

Einen aufgeschobenen Besuch nachholen, Leuten, denen man lieber aus dem Weg geht, die Hand zum Gruß austrecken, eine überfällige Entschuldigung ehrlich und ohne Rechtfertigung des eigenen Verhaltens aussprechen - mit diesen Begegnungen, die schwerfallen, könnte man ins neue Jahr starten und so Chancen ergreifen.
Wirklich einmal im Moment bleiben und dem anderen das Gefühl geben, als wär er/sie jetzt das Wichtigste auf der Welt. Ja sagen, wenn alle anderen Nein sagen. Das Gute aber Unerwartete in der Begegnung mit dem anderen tun: Es gibt viele Möglichkeiten, sich selbst und die Menschen um einen herum zu überraschen.

2. Die Lebensthemen in Ruhe und Besonnenheit angehen

Getroffene Lebensentscheidungen können nicht so einfach revidiert und nicht getroffenen Lebensentscheidungen nicht einfach nachgeholt werden. Trotzdem sollte unser Blick wieder auf die großen und kleinen Fragezeichen unseres Lebens gehen. Zu vermeiden dabei: Panik, Aufgeregtheit und Kurschlussentscheidungen. Die Frage, wie man seine eigenen Wünsche, Vorstellungen und Träume mit dem Alltag des Lebens, den bereits getroffenen Lebensentscheidungen und dem, was das Leben an Chancen bereithält aber auch dem, was Gott für uns erdenkt, unsere Berufung, wo wir benötigt und gefordert werden, zusammenbringt, ist der Stoff für ein Tagebuch – aber auch für das schlaue Abwägen von Momententscheidungen. Ehrlichkeit, Besonnenheit und der Wille zur Umkehr sind Zutaten, um sich seinen Lebensthemen zu stellen. Das kleine "Ja" im richtigen Moment kann die großen Weichenstellungen des Lebens beeinflussen. 

3. Gott lässt sich finden

"Today is another day to find you" heißt es in einem bekannten Lied der Popgruppe A-ha. Mit Gott verhält es sich ebenso. Gott lässt sich finden - immer und im Hier und Jetzt. Wenn notwendig auch zwischen den Kochtöpfen, wie die heilige Teresa v. Avila einmal sagte. Das heißt: Alltagserfahrungen sind Möglichkeiten der Gotteserfahrung. Wichtig ist, dass sich unsere Blickrichtung ändert; es sind nicht nur wir, die suchen. Das Weihnachtsfest macht uns deutlich: Gott sucht auch uns. In Jesus spricht Gott nicht nur zu uns, sondern er sucht uns, geht uns nach. Natürlich bleibt die Frage: Wie können wir wissen, dass es Gott ist, dass es ihm tatsächlich um mich zwischen den Kochtöpfen meines Lebens geht? Auch hier kann helfen: Dem Instinkt unseres Herzens vertrauen. Dieses Vertrauen mit ins neue Jahr zu nehmen, formuliert Bischof Klaus Hemmerle so:
„Dein Herz hat sich nicht geirrt, als es sich aufmachte, den Unbekannten zu suchen.
Dein Herz hat sich nicht geirrt, als es nicht aufgab in der sichtlosen Ungeduld. Dein Herz hat sich nicht geirrt, als es sich beugte vor dem Kind.“

Für das Wagnis, im Augenblick zu leben, gilt für mich auch im neuen Jahr: Nur Mut mein Herz. Hab keine Angst.

-David Pernkopf-

 

 

 

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