Bethlehem heute – Gott ist verborgen mitten unter uns!

 

Weihnachtsgedanken und Weihnachtspredigten von Erzbischof Franz Lackner

 

SALZBURG (eds-24.12.2018) / Weihnachten ist als Aufruf an jeden von uns zu verstehen: Werde Mensch! Dazu ermutigt Erzbischof Franz Lackner in seinen Gedanken zum Weihnachtsfest. 

In meiner Familie war es gute Tradition, viel zu lesen, vorzutragen und Gedichte aufzusagen. Lieder erklangen selten, gesungen wurde nie; nur einmal im Jahr zu Weihnachten! Da warteten wir alle, versammelt um den spärlich geschmückten Weihnachtsbaum, auf das Lied „Stille Nacht, Heilige Nacht“, wenn es zur vollen Stunde aus dem Radio erklang. Seit 200 Jahren bereits ertönt an jedem Heiligen Abend dieses Lied. Es stimmt uns ein auf Sehnsucht, Stille, Frieden und Geborgenheit; eine göttlich-menschliche Hymne über das Ereignis in Bethlehem: das demütige Sich-Herablassen Gottes in einen Stall.

Die stille, heilige Nacht als Ort der Einsamkeit

Zutiefst innerlich berührt hat mich immer die Zeile „alles schläft, einsam wacht“. Die stille, heilige Nacht ist ein Ort der Einsamkeit. Zu mitternächtlicher Stunde, wenn alles ruht, versammeln sich Christen zur Mette und feiern die Menschwerdung Gottes. Dieses grundlegende Geheimnis unseres Glaubens ist nicht für das grelle Tageslicht bestimmt, als zutiefst innerliches Ereignis sucht es den Schutz der Öffentlichkeit, die Dunkelheit. Jedes Jahr wieder bin ich berührt, wenn am Ende der Christmette die Lichter im Salzburger Dom erlöschen und in die Dunkelheit hinein das Lied über diese hochheilige Nacht erklingt. In der Nacht geschieht Gottesbegegnung, verbinden sich Himmel und Erde. Jesus hat sich nachts zum Gebet zurückgezogen, alleine am Berg ausgeharrt. Gott offenbart sich im Verborgenen. „Nächstens will ich mit dem Engel reden“, so auch der Anfang eines Gedichtes von Rainer Maria Rilke.

Wenn schließlich der letzte Ton des Stille-Nacht-Liedes erklungen ist, im Haus meiner Familie war es ganz still. In solch eine Stille hinein sprach Gott sein Wort, in die Dunkelheit hinein wurde es Licht; nicht weil er musste, um uns zu erlösen, sondern aus Freiheit und Liebe. In der Lichtgestalt Maria bewahrte Gott ein kleines Stückchen Verborgenheit, einen heiligen Rest des Paradieses, wachend und wartend erfüllt zu werden. Der französische Mathematiker und Philosoph Blaise Pascal sagte einmal: „Wirklich große Dinge beginnen immer von innen.“ So steht auch am Beginn von Weihnachten das Streben Gottes, im Herzen der Menschen anzukommen; nicht von oben herab, sondern – wie es der Name „Emmanuel“ sagt – als Gott mit den Menschen. 

Weihnachten als Aufruf: Mensch werden!

Weihnachten erzählt von der Nähe Gottes zu uns Menschen. Von daher versteht sich auch unsere erste Berufung: Mensch werden! Im Werden liegt die Urangelegenheit des Seins. So lesen wir schon in vorchristlicher Zeit bei den alten Griechen: „Wie schön ist der Mensch, wenn er wirklich Mensch ist.“ Wir dürfen das hochheiligste Fest Weihnachten als Aufruf verstehen: Werde Mensch! Oder wie es der heilige Augustinus formuliert: „Geh in dich und du wirst dich finden und du wirst Gott finden.“ Gott ist verborgen mitten unter uns, das ist Bethlehem heute!

Gott ist uns nahe, er begegnet im Einsamen, Schlafenden; besonders dort, wo Menschen schwach, verletzlich, offen für Hilfe sind. Zu Weihnachten sind wir besonders wachsam für die Bedürfnisse anderer, erkennen im verwundbaren Kind von Bethlehem die Wunden der ganzen Welt: die Ausbeutung der Natur, die Not der Heimatlosen und Vertriebenen, das Leid der Vereinsamten, die Bedrohung des Lebens an seinem Anfang und Ende. Das schutzlose Kind, ohne Herberge, in ihm offenbart Gott seine Versöhnung und seinen Frieden. So tönt es laut von fern und nah: „Christus der Retter ist da, Christus der Retter ist da“.

Weihnachtspredigten von Erzbischof Franz Lackner

Die Predigt zur Christmette im Salzburger Dom finden Sie hier.

Die Predigt zum Christtag im Salzburger Dom finden Sie hier.

 

Foto: Erzbischof Franz Lackner / Foto: Erzdiözese Salzburg

 

 

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