Caritas-Experte: "Verlorene Generation" im Libanon vermeiden

 

: Auslandshilfe-Chef der Caritas Salzburg, Stefan Maier, in "Radio Vatikan": Mehrheit der syrischen Flüchtlingskinder im Libanon besucht seit Jahren keine Schule

 

Stefan Maier, Caritas Auslandshilfe

LIBANON/SALZBURG (eds/kap – 3.8.2016) /Im Libanon wächst eine verlorene Generation von syrischen Flüchtlingskindern heran, die aufgrund fehlender Schulbildung keinerlei Zukunftschancen haben. Auf diese Gefahr hat Stefan Maier, Leiter der Auslandshilfe der Caritas Salzburg, im Interview mit "Radio Vatikan" aufmerksam gemacht. Das öffentliche Schulsystem in dem Nahost-Staat sei schon vor Ausbruch des Bürgerkriegs im Nachbarland Syrien "völlig überfordert" gewesen, ein Großteil der libanesischen Kinder hätten deshalb Privatschulen besucht, berichtete Maier kurz nach einer Libanonreise. "Ein Land, das es nicht einmal schafft, für die eigenen Kinder genug und vor allem gute Schulplätze zur Verfügung zu stellen, ist natürlich völlig überfordert, wenn auf einmal hunderttausende syrische Flüchtlingskinder im Land leben."

In keinem Land der Welt seien im Verhältnis zur einheimischen Bevölkerung so viele Flüchtlinge zu versorgen wie im Libanon, betonte Maier. Neben den 4,5 Millionen Libanesen befinden sich laut inoffiziellen Schätzungen derzeit rund zwei Millionen syrische Flüchtlinge im Land, weitere 500.000 Palästinenser leben schon seit Jahren im Libanon. Diese enorme Herausforderung habe das Land fast kollabieren lassen, so der Caritas-Experte. Fast zwei Drittel der syrischen Kinder im Libanon besuchen laut Maier keine Schule - vielfach bereits seit dem Zeitpunkt ihrer Flucht vor bis zu vier Jahren. Die Caritas Österreich versuche durch ein großes Regionalprogramm mit mehreren Partnern betroffene Kinder wieder in das Schulsystem zu integrieren und so eine "verlorene Generation" zu vermeiden.

Die Caritas Salzburg ist unter den österreichischen Caritas-Organisationen federführend bei der Hilfskoordination für den Nahen Osten, in Syrien, Ägypten und insbesondere im Libanon. Ein Schwerpunkt der dortigen Caritas-Arbeit liege im Ermöglichen von Bildung. Organisiert werden auch Schulspeisungen, die für die Kinder oft die einzige warme Mahlzeit am Tag darstellten, aber auch Intensivbetreuung durch Nachhilfelehrer, die die Kinder auf das libanesische Schulsystem vorbereiten, erzählte Stefan Maier. Dieses sei anspruchsvoller als das syrische und werfe auch Sprachbarrieren auf: Syrische Kinder seien Unterricht ausschließlich auf Arabisch gewohnt, "während im Libanon Hauptfächer auf einmal in englischer oder französischer Sprache unterrichtet werden".

"Erstaunliche Aufnahmebereitschaft"

Angesichts der Situation in Österreich, wo 90.000 im Vorjahr aufgenommene Flüchtlinge zu Reden über einen "Notstand" führten, müsse man "wirklich staunen", wie gut der Libanon mit dem Flüchtlingszustrom umgegangen sei "und wie groß die Aufnahmebereitschaft der libanesischen Bevölkerung ist, auch wenn sie jetzt durch die große Belastung zunehmend an ihre Grenzen stößt". Maier appellierte an die Internationale Gemeinschaft und vor allem an Europa, auch im eigenen Interesse in syrischen Anrainerstaaten mehr Hilfe zu leisten. Dort menschenwürdige Lebensbedingungen für die Flüchtlinge zu schaffen würden dazu beitragen, "dass sie nahe ihrer Heimat bleiben können und gar nicht erst nach Europa kommen müssen".

Das Interview auf Radio Vatikan zum Nachhören und Nachlesen.
>> zum Interview

Bild: Stefan Maier, Leiter der Auslandshilfe der Caritas Salzburg. Foto: Caritas

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