Christentum im Nahen Osten in Gefahr

 

„Die Auslöschung des Christentums ist in den Konfliktregionen des Nahen Ostens möglich.“ sagt der Salzburger Theologe Dietmar Winkler im "Kathpress"-Gespräch. 

 

Dietmar Winkler

SALZBURG (kap/eds - 19.02.2015) Das Christentum im Nahen Osten könnte dauerhaft ausgelöscht werden: Auf diese Gefahr verwies im Gespräch mit "Kathpress" der Salzburger Ostkirchen-Experte und Kirchenhistoriker Dietmar Winkler. Angesichts der Repressionen und Verfolgungen von Christen etwa in den vom "Islamischen Staat" kontrollierten Gebieten in Syrien und im Irak sei eine weiter anhaltende Flucht der Christen anzunehmen. Betroffen seien dabei u.a. die ältesten christlichen Kirchen wie die syrisch-orthodoxe, die armenisch-orthodoxe oder die assyrische Kirche. Oft werde ihnen von der IS-Miliz nur eine Tagesfrist eingeräumt, um ihre Häuser zu verlassen, so Winkler.

Entscheidend für dem Fortbestand des Christentums im Nahen Osten sei jedoch nicht die akute Flucht, sondern die Frage einer möglichen späteren Rückkehr: "Nach einer Auswanderung ist es für diese Christen oft schwer, ihre Traditionen und Kulturen auch in westlichen Ländern weiter zu pflegen. Und wenn die Rückbindung zu den heimatlichen Quellen abbricht, dann wird auch eine spätere Rückkehr immer unwahrscheinlicher", so Winkler. "Und wenn dann einmal kein Kloster oder keine Gemeinde mehr im Nahen Osten existiert, wird die damit verbundene besondere ostkirchliche Tradition auch im Ausland kaum weiter bestehen bleiben".

Ermordete Kopten waren Symbol für "den Westen"
Im Blick auf die jüngste Enthauptung von 21 koptischen Christen verwies Winkler auf einen Akt der Stellvertretung. So sehe er in der Bluttat keinen Anschlag auf das koptische Christentum im Speziellen, sondern auf den Westen insgesamt: "Im Nahen Osten wird 'der Westen' immer wieder gleichgesetzt mit 'dem Christentum'. Und damit wird auch die gesamte Geschichte von Ausbeutung und Kolonialismus im Nahen Osten durch westliche Mächte auf das Christentum projiziert."

Daher dürfe man den IS auch nicht als religiöses Phänomen interpretieren, so Winkler weiter, vielmehr gehe es der Miliz um territoriale Machtmonopole und Wirtschaftsinteressen, die mit "religiöser Rhetorik" kaschiert würden. Die Methoden der extremen Militarisierung sowie der Werbung neuer Kämpfer erinnerten außerdem eher an faschistische Regime.

Vorsicht sei daher auch bei Begriffen wie "Christenverfolgung" angebracht: "Christen gelten als Symbol für den Westen insgesamt, da der Westen als christlich identifiziert wird." Daher richte sich die Aggression nicht per se gegen Christen als Christen, sondern gegen das Christentum als Symbol des Westens. Zugleich folge gerade die Hinrichtung von Christen einer kalten medialen Logik: "Ein Terroranschlag sucht immer einen Ort medialer Präsenz. Und wenn es Christen sind, dann geht man ans Meer und blickt nach Europa und sagt dann noch diesen Satz 'Wir werden nach Rom gehen', da ist viel Symbolik dabei - und die Aufmerksamkeit ist den Terroristen sicher."

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