Christlicher Glaube mischt sich ein

 

In Kürze spricht die Theologin Marianne Heimbach-Steins über Armut und Migration in Salzburg.

 

SALZBURG (eds-5.1.2019) / In Kürze spricht Marianne Heimbach-Steins über Migration in Salzburg. Vorab geht sie im Rupertusblatt-Interview darauf ein, wie Armut und Migration zusammenhängen, warum viele Menschen verunsichert sind und was Frau und Mann tun können. Armut begegne uns in Gestalt von Menschen, die auf der Flucht alles verlieren: Heimat, Sicherheit, Angehörige, ihr Erspartes. Zugleich rücke die Situation der Mitbürger neu ins Bewusstsein, die „bei uns“ in Armut leben. So lautet die Bestandsaufnahme von Marianne Heimbach-Steins. Die Theologin aus Münster plädiert dafür, „genau hinzuschauen, warum das so ist und was dies mit Migration zu tun hat“.

Lisa Schweiger-Gensluckner

RB: Gerade feiern Christinnen und Christen die Geburt eines Kindes, das vor 2.000 Jahren in armen Verhältnissen und „unterwegs“ geboren wurde. Warum ist das aktueller denn je?
Heimbach-Steins: Migration gehört rund um den Globus zur Normalität:Weltweit sind fast 260 Millionen Menschen als internationale Migrantinnen und Migranten unterwegs. Nur der kleinste Teil von ihnen kommt nach Europa. Dennoch prägt vor allem die Fluchtzuwanderung heute zunehmend das gesellschaftliche Bewusstsein, löst bei vielen Menschen Hilfsbereitschaft, bei immer mehr Menschen aber auch Sorgen und Verlustängste aus.

RB: Wie hängen nun Armut und Migration zusammen?
Heimbach-Steins: Der Zusammenhang ist ziemlich komplex. Armut kann erstens eine Ursache für Migration sein; das kennen wir aus unserer eigenen Geschichte. Im 19. Jahrhundert sind Menschen aus der verarmten Landbevölkerung von Deutschland nach Südamerika ausgewandert, so wie heute viele Menschen aus afrikanischen Ländern nach Europa streben. Armut kann zweitens ein Migrationshindernis sein: Es wandern ja gerade nicht die Ärmsten – denen fehlen schlicht die Mittel. Und drittens kann Armut eine Wanderungsfolge sein – etwa für Menschen, die für ihre Wanderungsabsicht alles einsetzen, was sie haben, denen es aber nicht gelingt, ihr Ziel zu erreichen und sich in einem anderen Land eine neue Existenz aufzubauen.

RB: Wie lautet Ihre theologisch-ethische Reflexion darauf?
Heimbach-Steins: Nicht Migration gilt es zu bekämpfen, sondern Armut. Kein Mensch sollte gezwungen sein zu migrieren, weil ihm oder ihr die Grundlagen für ein menschenwürdiges Leben fehlen. Und niemand sollte Zuwanderung als Bedrohung der eigenen sozialen und ökonomischen Sicherheit empfinden müssen. Gute Sozialpolitik, eine gerechte Weltwirtschaftsordnung und faire Entwicklungszusammenarbeit sind zentrale Instrumente der Bekämpfung von Armut und der Vorsorge gegenüber Fremdenangst oder -hass.

RB: Das Thema Migration verunsichert viele Menschen. Welche Aufgabe haben die Kirchen oder kirchliche Institutionen?
Heimbach-Steins: Die christlichen Kirchen sind der Verkündigung des Evangeliums verpflichtet. Diese Botschaft verheißt Gottes heilsame Zuwendung zu allen Menschen. Gerade deshalb muss sich die Kirche besonders den Verletzlichen, Armen, Geschundenen und Verfolgten zuwenden und für deren Integrität und Schutz eintreten. Christliche Ethik bietet die biblische Option für die Armen als Kompass an. Das heißt, sie macht die Perspektive der Armen – nicht nur im eigenen Land, sondern im globalen Horizont – zum Maßstab der Beurteilung von Handlungsalternativen in Politik und Gesellschaft. Es ist Aufgabe der Kirchen, in der Öffentlichkeit an diesen biblischen Maßstab zu erinnern und Menschen damit zu ermutigen, Fragen zu stellen, sich Urteile zu bilden und danach zu handeln.

RB: Was können Einzelpersonen, Christinnen und Christen tun?
Heimbach-Steins: Jede und jeder Einzelne kann dazu beitragen, ein gesellschaftliches Klima zu fördern, das nicht von Ausgrenzung und Hass geprägt ist, sondern versucht, jedem Menschen als Geschöpf Gottes, als Träger einer unantastbaren Würde, zu begegnen. Jede und jeder Einzelne kann zum Beispiel darauf achten, wie über andere, „Fremde“ gesprochen wird, sich der grassierenden Verrohung der Sprache und einer Praxis der Abwertung und Ausgrenzung widersetzen. Viele Einzelne können ihren je kleinen Beitrag leisten, indem sie die Armen in ihrem Umfeld – die einheimischen wie die zugewanderten – überhaupt wahrnehmen und auf die eine oder andere Weise in das lokale Leben einbeziehen, in der Gemeinde, in der Schulgemeinschaft, am Arbeitsplatz, im Sportverein… Und natürlich ist es ein wichtiger Beitrag, die gesellschaftlichen Entwicklungen aufmerksam und kritisch zu begleiten, zu prüfen, welche politischen Optionen zur eigenen Überzeugung und zum eigenen Glauben passen, und sich dementsprechend aktiv als Bürger oder Bürgerin im Gemeinwesen zu verhalten. Christlicher Glaube ist nicht weltfremd, sondern mischt sich ein.

Marianne Heimbach-Steins ist Professorin an der Universität Münster und Direktorin des Instituts für Christliche Sozialwissenschaften. Sie ist eine der renommiertesten katholischen Theologinnen im deutschsprachigen Raum und bedeutende Vertreterin der christlichen Soziallehre. Heimbach-Steins veröffentlichte wichtige Arbeiten zu Fragen der Migration, Menschenrechte und Familien- und Sozialpolitik.

Gastvortrag von Marianne Heimbach-Steins an der Katholisch-Theologischen Fakultät Salzburg, Universitätsplatz 1, Hörsaal 103 am Donnerstag, 10. Jänner um 15.30 Uhr
Thema: Migration als sozialethische Herausforderung
Organisation: Zentrum für Ethik und Armutsforschung
Anmeldung ist nicht erforderlich, Eintritt frei

Foto: Am 10. Jänner hält die Theologin Marianne Heimbach-Steins in Salzburg einen Vortrag zum Thema "Migration als sozialethische Herausforderung".
Foto: Sulzer

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