Der Beitrag des Christlichen zu einer lebenswerten Gesellschaft

 

Gemeinsame Tagung von Katholischer Aktion und Theologischer Fakultät Salzburg

 

Salzburg. Was macht eine Gesellschaft lebenswert? Was ist notwendig, damit nicht nur wir, sondern auch unsere Nachkommen gut leben können? Und was können und müssen wir heute dafür tun, ein jeder an dem Ort, an dem er lebt und damit letztlich auch Verantwortung dafür hat. Und was ist der Beitrag des Christlichen dazu? Mit diesen Fragen beschäftigte sich eine gemeinsame Tagung der Katholischen Aktion und der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität am 10. Mai 2019 in Salzburg.

Eine Gesellschaft werde ohne religiös motivierte ethisch-moralische Standards nicht auskommen, stellte Salzburgs Erzbischof Franz Lackner in seinem Eröffnungsstatement fest. Und für den Rektor der Universität Salzburg, Heinrich Schmidinger, sind Freiheit und Demokratie unverzichtbare Voraussetzungen für eine lebenswerte Gesellschaft; Werte, die es zu verteidigen gelte in einer Zeit, in der der demokratische Rechtsstaat immer wieder in Frage gestellt werde und die Demokratie mancherorts zu erodieren beginne. 

KA-Präsidentin Elisabeth Mayer und der Dekan der Theologischen Fakultät, Alois Halbmayr, sahen ihre Tagung als ein Angebot für einen Ort, an dem man sich offen und zwanglos, respektvoll und auf Augenhöhe, ohne Hintergedanken und ohne Verwertungsdruck mit anderen Menschen austausche könne; solche Orte würden dringend gebraucht in einer Zeit, in der es zusehends schwieriger werde, in zentralen Fragen Kompromisse oder sogar einen Konsens zu finden; „in der sich die politischen Diskurse polarisieren, grundlegende Herausforderungen nicht mehr in offener Diskussion angegangen, sondern strategischen Überlegungen, message controls, unterworfen und Weichenstellungen in Hinterzimmern entschieden“ werden, so Dekan Halbmayr. 


Wider die Sünde der Gleichgültigkeit 

Der Innsbrucker Professor für Christliche Gesellschaftslehre, Wolfgang Palaver, orientierte sich in seinen Überlegungen zur gesellschaftlichen Verantwortung von ChristInnen aus sozialethischer Perspektive“ vor allem an der Enzyklika „Lautato si’“ von Papst Franziskus aus dem Jahr 2015. Franziskus befasst sich darin schwerpunktmäßig mit dem Themenbereich Umwelt- und Klimaschutz und kritisiert die mangelnde Bereitschaft, gegen die Klimakrise notwendige Lösungswege zu beschreiten. Den Grund dafür sieht der Papst in der Gleichgültigkeit, die er letztlich „Sünde der Gleichgültigkeit“ nennt. 

Mittlerweile beklage Papst Franziskus eine „Globalisierung der Gleichgültigkeit“ auf verschiedenen Gebieten, aber immer mit demselben Ergebnis: Gleichgültigkeit blockiert jedes Engagement, so Palaver. Dies aber führe zum Verlust des Sinns für eine „Brüderliche Verantwortung“, den Franziskus etwa auch in der Haltung gegenüber dem Schicksal der ertrunkenen und gestrandeten  Migranten im Mittelmeer beklage. Ein Kennzeichen dieser Gleichgültigkeit sei die Unfähigkeit zum Weinen, zitiert Palaver den Papst; auch eine „Wirtschaft der Ausschließung“, vor der Franziskus in seinem Apostolischen Schreiben „Evangelii gaudium“ warne, sei Teil dieser Gleichgültigkeit.

Der Gleichgültigkeit müsse die Geschwisterlichkeit gegenübergestellt werden. Diese müsse, laut Franziskus, eine universale Geschwisterlichkeit sein, stellte Palaver fest. Die Geschwisterlichkeit betreffe die unterschiedlichsten Lebensbereiche in den großen politischen Zusammenhängen genauso wie im alltäglichen Zusammenleben zwischen Nachbarn. Geschwisterlichkeit gehöre eindeutig zu den Grundvoraussetzungen einer Demokratie, oder, wie es Franziskus als ein ihm wichtiges Grundprinzip nennt: „Die Einheit steht über dem Konflikt.“ Kurz vor den Europawahlen könne diese Absage an den gefährlichen Populismus nicht genug betont werden, sagte Palaver. Geschwisterlichkeit brauche es natürlich auch „im Miteinander der Religionen und Kulturen in unserer immer pluraler gewordenen Welt“.

Die Verantwortung für das gesellschaftliche Engagement in diesem Sinne liege zu allererst bei jeder und jedem einzelne von uns, stellte Palaver fest. Und doch genüge die individuelle Verantwortung allein nicht. Vielmehr gehe es um eine „gemeinschaftliche Umkehr“ und die Bildung von „Netzen der Gemeinschaft“. Schließlich gebe es auf oberster Ebene die politische Verantwortung, die auf globaler, kontinentaler und nationalstaatlicher Ebene wahrgenommen werden müsse. Für jene aber, die auf politischer Ebene nicht aktiv werden könne, biete die Zivilgesellschaft viele Möglichkeiten, „die Gleichgültigkeit hinter sich zu lassen“, und vernetzt mit anderen Verantwortung zu übernehmen. 

„Dabei seien insbesondere auch wir als Kirche aufgefordert, als Gemeinschaft vor allem im Bereich der Zivilgesellschaft Verantwortung für die Schöpfung, für die Armen und den Frieden zu übernehmen“, stellte Palaver fest. Denn die Kirche dürfe nicht nur zur Überwindung der Gleichgültigkeit und zur gelebten Geschwisterlichkeit aufrufen, sie müsse vielmehr eine solche Haltung konkret als Zeugnis vorleben.

Die ökonomische Perspektive

„Gegenwärtige Herausforderungen für eine lebenswerte Gesellschaft aus sozialwissenschaftlicher Perspektive“ stellte dann  Margit Schratzenstaller-Altzinger vom Wirtschaftsforschungsinstitut (WIFO) Wien vor. Sie lieferte die Zahlen und Daten, die nicht zuletzt auch (wirtschafts-)politischen Entscheidungen der Regierung zugrunde liegen, und führte in ihre Interpretation ein. Beispiel Bruttoinlandsprodukt (BIP): Dieses ist in Österreich zwischen 1990 und 2016 um 40 Prozent gestiegen. Das BIP gelte oft als Indikator für Wohlstand, was allerdings zu kurz greife, weil einige – mittlerweile wichtige – Parameter darin nicht berücksichtigt würden, wie etwa Ökologie und Nachhaltigkeit.

Die stellvertretende WIFO-Leiterin stellte dann die 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals) vor. Diese politischen Zielsetzungen der Vereinten Nationen sollen der Sicherung einer nachhaltigen Entwicklung auf ökonomischer, sozialer sowie ökologischer Ebene dienen und wurden in Anlehnung an den Entwicklungsprozess der Millenniums-Entwicklungsziele (MDGs) entworfen. Bis 2030 sollen sie das Voranbringen des Wirtschaftswachstums, die Reduzierung von Disparitäten im Lebensstandard, die Schaffung von Chancengleichheit sowie ein nachhaltiges Management von natürlichen Ressourcen zur Erhaltung von Ökosystemen sichern. Besonders wichtige Ziele sind etwa Armut in all ihren Formen und überall beenden; Ernährung sichern – den Hunger beenden, oder auch ein gesundes Leben für alle Menschen jeden Alters gewährleisten und ihr Wohlergehen fördern. Als einen weiteren Massstab dafür, einige der entscheidenden Faktoren für das gesellschaftliche Wohlergehen – Bildung, Wohnverhältnisse, Umwelt usw. – zu messen und zu vergleichen, nannte Schratzenstaller den Better Life Index der OECD. 

Immer gehe es aber um die Frage, was diese Zahlen und ihre Interpretation für die österreichische Politik bedeuten; und welche Auswirkungen sich ergeben etwa auf Themen wie Integration, Klimawandel und Energiewende, Wohnen, Bildung, die demographische Entwicklung oder die Gleichstellung von Frauen und Männern; aus der wiederum die Rückwirkung auf die Gesellschaft folgt.

Foto: KA-Präsidentin Elisabeth Mayer, Univ.-Prof. Wolfgang Palaver, Margit Schratzenstaller-Altzinger (WIFO), Dekan Alois Halbmayr (v. l.).

Foto: RB/roi

 

 

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