Der Teufel kommt im schwarzen Sakko

 

Alle sechs Jahre macht ein kleines Dorf großes Theater: In Thiersee bei Kufstein, direkt an der bayerisch-österreichischen Grenze, gibt es dann ein Passionsspiel. Heuer ist es wieder so weit. Und es hat eine Reihe von Besonderheiten, die es von anderen Passionsspielen unterscheidet.

 

Thiersee (muenchner-kirchennachrichten.de) /Über dem Thiersee thront ein stolzes Holzgebäude aus den 1920er Jahren. Das Passionstheater fällt gleich ins Auge. Vor der Vorstellung sitzt Spielleiter Richard Pirchmoser in seinem engen Büro. Neben der Tür hängt ein beigefarbener Kaftan. Den wirft er sich schnell über, wenn ein Jünger krank wird und er aushelfen muss. Mit den Bühnenhelfern ist er gerade noch einmal die Kulissenfolge und die 70 Lichteinstellungen für die Vorstellung durchgegangen. Das war´s aber schon an Technik. Mächtige Lautsprecherboxen oder Mischpulte sucht man in Thiersee vergebens: „Bei uns ist alles handgemacht. Wir haben keinen einzigen Spieler mit Mikrofon und auch die Musik ist ohne elektronische Verstärkung“, erklärt Pirchmoser stolz.

Das gehört zum besonderen Reiz der Thierseer Passion, deren Wurzeln bis 1799 zurückreichen, als der Ort von Kriegshandlungen verschont blieb. Das Holztheater hat eine einzigartige Akustik. Sogar in den hinteren Reihen versteht man die Darsteller, selbst wenn sie nur flüstern. Eine weitere Besonderheit: Das Spiel beschränkt sich nicht nur auf die Leidensgeschichte, sondern zeigt auch andere entscheidende Episoden aus den Evangelien: etwa die Taufe am Jordan, die Begegnung mit dem Zöllner Zachäus oder die Bergpredigt. Durch einen dramaturgischen Trick werden die Einzelszenen geschickt miteinander verbunden. Immer wieder tritt ein reisender jüdischer Kaufmann auf und unterhält sich mit den verschiedensten Menschen über diesen merkwürdigen Jesus.


Kreuzweg im Zuschauerraum

Diethmar Strasser, ein Profi aus der Wiener Volksoper, hat die Regie übernommen und nutzt auch Mittel des modernen Theaters. Da wird der Kreuzweg zum Beispiel nicht auf der Bühne vorgeführt, sondern im Zuschauerraum. Die Jesus-Darsteller schleppen ihr Kreuz direkt an den Stuhlreihen vorbei und man zuckt, wenn die Peitsche der Soldaten direkt am eigenen Ohr vorbei zischt. Dazu kommt eine ausdrucksstarke Musik, die die einzelnen Auftritte vorbereitet. Und die sind manchmal auch höllisch. Denn dass dreistündige Thierseer Passionsspiel dürfte das einzige sein, in der auch der Satan mitspielen darf und das sogar in einer Hauptrolle. Wenn Josef Fuchs seinen teuflischen Auftritt vor einer rot ausgeleuchteten Kulisse hat, dann geht ein kleines Raunen durch das Publikum. Er spielt den Satan im schwarzen Sakko, ist nicht einmal unsympathisch und hält Jesus einen Spiegel vor. Der Teufel ist die Stimme der kalten Vernunft, des persönlichen Vorteils und des ganz natürlichen Egoismus. Tückisch erinnert er den fastenden Jesus daran, dass es Menschen gibt, die nicht freiwillig hungern und die er durch ein Wunder sattmachen könnte. Und brüllend bekniet er ihn, die politische Macht zu ergreifen, „nicht immer nur der Zweite zu sein, sondern die Nummer eins“.


Volk in Jeans und Dirndl

Durch diese und andere Szenen fordert die Thierseer Passion die Zuschauer immer wieder heraus, über sich und ihre eigenen religiösen und moralischen Haltungen nachzudenken. So tritt das Volk bei verschiedenen Szenen nicht in historischen Gewändern sondern in Jeans und Lederhosen, im Dirndl und im Designer-Kostüm auf. Die Stoßrichtung ist klar: Die Geschichte von Jesus Christus ist kein Rührstück von Anno Toback, sondern verlangt auch den Menschen hier und heute eine Entscheidung ab. Das Publikum lässt sich darauf begeistert oder nachdenklich ein. „Es geht in die Tiefe“, sagt eine Besucherin, andere loben den modernen Text und die berührende Inszenierung. Nur eine Zuschauerin aus dem benachbarten Erl ist kritisch: „Der Funke springt nicht so über. Bei einem Passionsspiel möchte ich richtig weinen können.“ Allerdings räumt sie ein, befangen zu sein. In Erl gibt es auf einer riesigen Bühne ebenfalls berühmte Passionsspiele. In Thiersee wird die Leidensgeschichte Jesu vielleicht etwas kritischer und weniger emotional angegangen. Dennoch ist ein im besten Sinne kurzweiliges und ungewöhnliches Passionsspiel herausgekommen, das man nicht versäumen sollte. Und geweint wird in Thiersee auch: Wenn am Schluss des Stücks das Publikum nicht klatscht, sondern „Großer Gott, wir loben Dich" anstimmt, wischen sich viele Zuschauer Tränen aus den Augen, bevor sie still das Theater verlassen. (alb)

Bis zum 02. Oktober gibt es noch 22 Vorstellungen des Thierseer Passionsspiels. Die nächste am 25.06, um 13.30 Uhr. Die Karten kosten 34 oder 29 Euro. Thiersee liegt bei Kufstein. Wer sich die österreichische Autobahn-Maut sparen möchte, fährt am besten schon bei Kiefersfelden von der Autobahn. Mehr Informationen finden Sie unter www.passionsspiele-thiersee.at.

Foto: Lidicky
Abruck desTextes mit freundlicher Genehmigung von muenchner-kirchennachrichten.de

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